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Neunte Meisterschaft des FC Bayern:Der Fluch des ewigen Gewinnens

FC Bayern eröffnet Bundesligasaison gegen Hertha BSC

Die Meisterschale, aus welchem Jahr genau? Nicht so wichtig.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Münchner haben einen imposanten Schalenstapel angehäuft - der aber längst Ausdruck eines systematischen Problems der Bundesliga ist.

Kommentar von Martin Schneider

Nun also die neunte Meisterschaft in Serie. Klar, sie unterscheidet sich in Details von den acht anderen Meisterschaften des FC Bayern. Diesmal ist zum Beispiel Hansi Flick Trainer und Robert Lewandowski könnte tatsächlich 40 Tore schießen. Aber unterm Strich ist es eine weitere Schale auf dem Münchner Schalenstapel. Was fängt man damit an?

Es gibt in dieser Problematik verschiedene Sichtweisen, eine ist die der sportlichen Akteure, also der Spieler und Trainer. Dass die sich diesen Titel verdient haben, daran kann es natürlich keinen Zweifel geben. Sie waren sportlich die unumstritten beste Mannschaft der Saison, nachhaltig bezwingen konnte sie in Deutschland genau eine Mannschaft: Holstein Kiel im DFB-Pokal.

Trotzdem müssen Spieler und Trainer nun Reporterfragen beantworten wie: Wie bewerten Sie die Saison mit nur einem Titel, nachdem in der vergangenen Saison je nach Rechnung drei bis sechs Titel heraussprangen? Freuen Sie sich noch über die neunte Meisterschaft? Was muss nächste Saison besser werden, damit es wieder besser wird?

Man kann vom FC Bayern ja nicht verlangen, schlechter zu arbeiten

Die Spieler sind bei diesen Fragen in einer maximal undankbaren Lage. Sie können völlig zurecht darauf verweisen, dass ihnen niemand was geschenkt hat. Sie mussten sich mit Schnee, Müdigkeit, garstigen Freiburgern und wilden Frankfurtern herumschlagen, was niemand auf der bequemen Pressetribüne getan hat. Und eben diese Pressetribüne würde einen zweiten Platz natürlich sofort als Versagen betiteln. Also: Was wollt ihr eigentlich? Mehr als Gewinnen können wir nicht.

Und dann gibt es die Sichtweise des Publikums, das den Meistertitel der Münchner als mittlerweile grauen Alltag annimmt. Man muss da kaum unterscheiden zwischen Bayern-Fans und Nicht-Bayern-Fans, beiden Gruppen geht es ähnlich, was will man auch machen? Neun Tage Kuchen nacheinander ist auch bei einem tollen Kuchen fad. Eine Bundesligasaison bezieht ihre Spannung nicht mehr daraus, wer Meister wird, sondern nur noch daraus, ob die Münchner nicht Meister werden - und wenn man ganz ehrlich ist, sogar nur noch daraus, ob es bis zum letzten Spieltag spannend bleibt. Das war in den vergangenen neun Jahren genau ein Mal der Fall.

Schließlich gibt es noch die systematische Sichtweise auf den Profifußball im Jahr 2021. Dessen Entwicklung kann man mit einem Autorennen vergleichen. Am Start standen irgendwann mal 18 Rennwagen, jeder hatte ungefähr den gleichen Motor, die gleichen Reifen, das gleiche Getriebe. Manche waren grün, manche schwarz-gelb, ein paar rot-weiß, manche mit Raute, manche mit Löwe im Wappen. Sie lieferten sich spektakuläre Rennen mit Überholmanövern und taktischen Kniffen, am Ende gab es einen Sieger, Jubel, Champagner. Wer gewann, der bekam das meiste Preisgeld. Logisch, warum sollte der Letzte auch noch belohnt werden? Der Sieger wiederum war schlau - er steckte das Preisgeld in einen besseren Motor. Denn so erhöhte sich die Chance, dass er auch im nächsten Rennen wieder das Preisgeld gewinnen würde, was er dann wiederum in bessere Reifen stecken kann, was wiederum seine Chancen erhöht, und so weiter. Es entsteht eine Spirale des Gewinnens, die für die Rennserie zum Fluch wird.

Dass genau das in der Bundesliga eingetreten ist, kann niemand mehr leugnen - und wer es doch tut, den müsste man fragen, ob der Beweis nun bei der elften oder doch erst bei der 17. Meisterschaft in Serie erbracht ist. Man kommt aus dieser Spirale aber nicht mehr so einfach raus - man kann vom FC Bayern ja nicht verlangen, schlechter zu arbeiten. Zumal die Gegner auf europäischer Ebene einen vergleichbaren Geldspeicher haben.

Was man den FC Bayern aber fragen müsste, wäre, ob das ewige Gewinnen nicht so langsam auch zum Problem des FC Bayern wird. Eine unattraktive Bundesliga ist nämlich ganz und gar nicht im Sinne des ewigen Rekordchampions - zumal sich das mit der europäischen Super League nun erstmal für eine Weile erledigt haben dürfte.

© SZ
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