FC Bayern Hoeneß erstaunt mit Milde

  • Der FC Bayern zeigt sich beim 6:0 gegen Mainz erholt vom bitteren Erlebnis gegen Liverpool.
  • Die Spieler treten ähnlich beschwingt auf wie in den vorherigen Ligaspielen.
  • Präsident Hoeneß sagt, dass er die Kritik an Mannschaft und Trainer zuletzt übertrieben fand.
Aus dem Stadion von Matthias Schmid

Der rot-weiße Schal, der gefährlich wacklig aus der Jacke heraus hing, hielt den Erschütterungen stand. Das war fast das Erstaunlichste an diesem Sonntagabend nach dem 6:0-Sieg des FC Bayern über den FSV Mainz. Als Uli Hoeneß kurz vor dem Ausgang der Fröttmaninger Arena stehen blieb, um seine Sicht der Dinge darzulegen, hatten ja zunächst alle geglaubt, dass ein feuriger Vortrag folgen würde. Hastig bauten sich Mikrofone und Kameras vor Hoeneß auf, die jede noch so kleine Regung des Münchner Präsidenten einfangen wollten.

Themen, über die er sich aufregen konnte, gab es ja genug: Die Verbannung von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng aus der Nationalelf. Bayerns Aus in der Champions League nach einem saftlosen Auftritt gegen den FC Liverpool. Borussia Dortmund natürlich und die Klub-WM des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, gegen die sich die europäischen Spitzenklubs angeblich ausgesprochen hatten.

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Bayern gewinnt 6:0

War was?

Nach dem Aus in der Champions League zerlegt der FC Bayern Mainz 05. Die Mannschaft besteht damit nach der öffentlichen Kritik an Trainer Niko Kovac eine Art Charaktertest.   Aus dem Stadion von Sebastian Fischer

Und was machte Hoeneß? Sprach sanft und warm wie ein Priester in der Sonntagspredigt, es gab kein Beben, sein mächtiger Körper ruckelte und zuckelte nicht, der Schal blieb in der Jacke stecken, die sich Hoeneß unter den Arm geklemmt hatte. "Die Mannschaft hat sehr engagiert gespielt und auch in der Höhe verdient gewonnen", stellte Hoeneß vergnügt fest. Nichts an seinen Worten, seiner Gestik und Mimik deutete auf einen Wutanfall hin, gleichmütig beantwortete er alle Fragen. Sogar als er die Berichterstattung nach dem 1:3 gegen Liverpool monierte, sprach er bemerkenswert leise und unaufgeregt weiter.

"Die generelle Kritik habe ich nicht verstanden", hob Hoeneß hervor, "man kann nicht ein Spiel hernehmen und eine Generalkritik über den FC Bayern machen. Die Spieler haben am Mittwoch mit zu wenig Mumm gespielt, das hätten sie anders machen können. Sie haben sehr schwach gespielt, das kann mal vorkommen. Daraus jetzt aber abzuleiten, dass der FC Bayern international nicht konkurrenzfähig ist, das ist mir zu weit hergeholt."

Die Milde von Hoeneß passte irgendwie zu diesem Abend, an dem sich plötzlich wieder alle lieb hatten beim FC Bayern und sich sogar der 18-Jährige Alphonso Davies als Torschütze hatte feiern lassen dürfen. Kritik an der eher defensiven Spielweise des Trainers Niko Kovac? Alles verdrängt und vergessen. Das 6:0 gegen harmlose Mainzer war natürlich die perfekte Rückkehr in den Alltag, nachdem die Festwochen in der Champions League so jäh zu Ende gegangen waren. Es war eine ziemlich kurze Trauerarbeit, ganz vorbei ist sie auch noch nicht, wie Hoeneß zugab: "Ich brauche noch ein paar Tage".

Er erfreute sich aber genauso wie Kovac an der Aussicht, dass die Bayern zum siebten Mal in Serie Meister werden können. Sieben Tore beträgt ihr Vorsprung in der Tabelle nun vor den punktgleichen Dortmundern. "Wir haben gezeigt, dass wir dabei sind und was können", bekannte Kovac. "Wir haben es geschafft, die Enttäuschung, die wir zwei Tage in uns trugen, gleich wettzumachen."

Bundesliga Ein Torschütze aus dem Jahr 2000 Bilder
FC Bayern in der Einzelkritik

Ein Torschütze aus dem Jahr 2000

Alphonso Davies erzielt seinen ersten Bayern-Treffer, Kingsley Coman nimmt wieder Tempo auf und James macht bei einem seiner drei Tore den Robben-Move. Der FC Bayern beim 6:0 gegen Mainz in der Einzelkritik.

Die Mainzer waren dabei ein dankbarer Aufbaugegner, sie dachten nicht im Geringsten daran, die Bayern so früh und lästig anzugreifen, wie es die Liverpooler gemacht haben, im Gegenteil. Sie wollten Unheil von ihrem Tor fernhalten, mit zwei Viererketten suchten sie Schutz vor dem eigenen Strafraum. Doch der Plan war schon nach zwei Minuten in sich zusammengefallen wie die beiden Verteidigungsringe, nachdem Robert Lewandowski zum 1:0 getroffen hatte. Zur Pause führten die Münchner nach weiteren Toren von James Rodríguez (32.) und Kingsley Coman (38.) mit 3:0. "Ich habe viel Esprit, Spielwitz und gute Aktionen gesehen", befand Kovac.