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Leon Goretzka beim FC Bayern:Auslöser der Lawine

1. Bundesliga 19/20, 19. Spieltag, FC Bayern Muenchen vs. FC Schalke 04 Leon Goretzka (FC Bayern Muenchen) trifft artist; imago46282928h

Selbstbewusst und dynamisch: Leon Goretzka gegen seinen Ex-Klub Schalke.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)
  • Der FC Bayern nutzt das 5:0 gegen Schalke auch zu einer Machtdemonstration im Titelkampf.
  • Das dynamisch-wuchtige Element im Münchner Spiel verkörpert dabei besonders Leon Goretzka.

Die Feierlichkeiten des FC Bayern folgten den gewohnten choreografischen Regeln, die Fans sangen von der deutschen Meisterschaft, die Spieler hüpften auf und ab, Thomas Müller hatte sich jemanden gesucht, dem er Scherzchen ins Ohr flüstern konnte, und Jérôme Boateng hüpfte nicht mit den anderen, sondern lief zielstrebig in die Kabine und überholte dabei mühelos den 13 Jahre jüngeren, am Samstag geschonten Joshua Zirkzee. Auch Leon Goretzka bewegte sich in einem bekannten Umfeld, er umarmte einen Spieler nach dem anderen, gerne mit einem brüderlichen Griff in den Nacken, hier ein paar Worte, dort ein paar mehr, und es hatte nicht viel gefehlt, und er wäre mitgelaufen zu den Anhängern der Mannschaft, zu denen des FC Schalke 04.

Leon Goretzka, 24, fünf Jahre lang ein Schalker, seit 2018 Angestellter des FC Bayern München, hat am Samstag keinen Verrat begangen, alle haben ihm die Gespräche mit den alten Kollegen nachgesehen. Goretzka ist bekannt als ein anständiger, höflicher Mensch; vor einigen Wochen hatte er zum Beispiel einen Reporter vor laufenden Kameras zurechtgewiesen, weil dieser ihn nicht hatte ausreden lassen. Und seine politische Sensibilität ist momentan unter Deutschlands Fußballern ohnehin einzigartig, keiner positioniert sich so eindeutig und im Ton doch so versöhnlich gegen Rassismus und für Zivilcourage. Wenn Goretzka also lieber zu seinen alten, enttäuschten Kollegen geht statt mit seinen eigenen Mitspielern die gewohnte Sieges-Choreografie abzuspulen, dann weiß er, was er macht: das einzig Anständige.

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Wie es dazu passen könne, dass er dann ein Tor gegen seinen alten Verein ausgelassen gefeiert habe, über den Rasen rutschend, direkt vor den mitgereisten Schalke-Anhängern? "Es war nicht geplant, dass dort die Schalke-Kurve ist", sagte Goretzka, ergänzte aber: "Ich bin kein Fan davon, wenn man seinen Jubel unterdrückt. Ich empfinde das immer als ein bisschen scheinheilig. Wenn man ein Tor schießt, sollte man sich auch darüber freuen dürfen." Er hoffe aber "natürlich", dass dieser Jubel "auf Schalker Seite nicht als respektlos empfunden" worden sei, und auch das war alles andere als scheinheilig.

Der zentrale Mann ist Leon Goretzka

Ein Mann mit Haltung war am Samstag der Mann des Tages beim FC Bayern, und er war gerade deswegen der passende Repräsentant für einen Auftritt, der engagiert, kraftvoll, prinzipientreu war. 5:0 (2:0) gewann die Mannschaft gegen Schalke, es war eine Machtdemonstration, im Spiel gegen die überforderten Gäste, aber auch im Kampf um die Meisterschaft, die den Bayern entgegen der Gesänge des eigenen Anhangs noch nicht sicher ist. Doch nach dem Leipziger 0:2 am Nachmittag in Frankfurt sind die Bayern in der Tabelle bis auf einen Punkt an den Spitzenreiter herangerückt, und sie könnten spätestens durch einen Sieg im direkten Duell in zwei Wochen die Tabellenführung wieder selbst übernehmen. "Für uns war es ein sehr gelungener Spieltag. Wir haben die Qualitäten, um Meister zu werden", sagte Hansi Flick. "Das war ein guter Anfang."

Der Trainer hatte gegen Schalke die vielleicht beste Leistung seiner Mannschaft unter seiner Leitung gesehen. Nicht ganz sechs Minuten lang attackierte Schalke früh, dann aber traf Robert Lewandowski, und die Wucht strömte aus dem Schalker Spiel wie die Luft aus einem undichten Luftballon. Nun waren es die Bayern, die konzentriert, diszipliniert und mit enormer körperlicher und mentaler Haltung ihr Spiel entfalteten. Der zentrale Mann dabei war Leon Goretzka.

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Der Nationalspieler hatte in dieser Saison nicht immer einen Stammplatz, zwischendurch war er verletzt, doch gegen seinen früheren Verein agierte er in einer Rolle, in der er die Statik des gesamten Spiels mitbestimmen konnte. Mit seiner Lauffreude war er in der Münchner Vorwärtsverteidigung wie der Schneeball, der alle anderen zur Lawine mitreißt. In einem luftdicht verschlossenen Mittelfeldzentrum mit Thiago und Joshua Kimmich war er der Offensivste, immer wieder rückte er in den Schalker Strafraum ein, sorgte für Unruhe und Unstimmigkeiten, unter anderem in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, als er den Ball querlegte, sodass Müller zum 2:0 sowie zum insgesamt 100. Mal in seiner Karriere in der Arena treffen konnte. Das 3:0 erzielte Goretzka selbst mit einem Seitfallzieher (50.), gefolgt von einem ehrlichen Jubel. An den Toren von Thiago (58.) und Serge Gnabry (89.) war er nicht direkt beteiligt, beim 5:0 aber auch nur, weil er schon auf der Bank saß. Goretzka spielte so wie die gesamte Mannschaft: mit dem unerschütterlichen Glauben daran, mit jedem Schritt in die richtige Richtung unterwegs zu sein. "Natürlich spielst du einen anderen Fußball, wenn du selbstbewusst bist. Das hat man nicht nur bei mir gesehen, sondern bei der ganzen Mannschaft", sagte Goretzka.

Wie Ballack? "Ich kann die Vergleiche auch irgendwo nachvollziehen"

Neben seinen offensiven Wegen unterband Goretzka auch den gegnerischen Spielaufbau aggressiv (in der 63. Minute zum Beispiel fing er rechts Schalkes Ahmed Kutucu ab, keine Minute später grätschte er links einen Kutucu-Pass ins Aus), und weil er überall zu finden war, ganz vorne, ganz hinten und dazwischen sowieso, durfte er sich später am Abend Vergleiche mit dem früheren Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack anhören. "Er war ein herausragender Spieler, deswegen gibt es Schlimmeres, als mit ihm verglichen zu werden", sagte er. "Ich kann die Vergleiche auch irgendwo nachvollziehen, weil sich der Spielstil ähnelt."

Dieses dynamisch-wuchtige Element, das Goretzka verkörpert, hat den zu Jahresbeginn schwächlichen Bayern wieder eine Stabilität verliehen, die entscheidend werden könnte im Titelkampf. Doch was sagte Goretzka zur Tabellensituation? "Es hat heute vieles zusammengepasst." Und das war dann auch schon die ganze Wahrheit.

© SZ vom 27.01.2020/tbr
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