FC Bayern:Kovac hat immer weniger Follower

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"Richtig, richtig sauer" und intern umstritten: Bayern-Trainer Niko Kovac.

(Foto: imago/Eibner)
  • Nach dem 3:3 gegen Düsseldorf stellt sich die Frage, ob die Spieler des FC Bayern den Ideen ihres Trainers noch vertrauen.
  • Niko Kovac darf in der Champions League gegen Lissabon noch auf der Bank sitzen - was danach passiert, ist offen.
  • Hier geht es zur Tabelle der Fußball-Bundesliga.

Von Benedikt Warmbrunn

Auch als Niko Kovac am Samstagnachmittag das erste Mal sauer war, war ihm das nicht anzusehen. In seinen wenigen Wochen in München hat sich der Trainer ein geschmeidiges und doch selten greifbares Auftreten zugelegt, er ist immer elegant gekleidet, sein Scheitel ist wie mit dem Lineal gezogen, mögliche Emotionen behält er weitgehend für sich; Tore feiert er meistens, indem er gedankenverloren ein paar Schritte geht, gerne mit gesenktem Kopf. Am Samstagnachmittag aber, eine Minute vor der Pause, war Kovac sauer.

Der FC Bayern hatte den Ball in der gegnerischen Spielfeldhälfte in Besitz, die Mannschaft führte nach Toren von Niklas Süle (17.) und Thomas Müller (20.) 2:0. Joshua Kimmich, dem ohnehin forsch veranlagten Rechtsverteidiger, reichte das nicht, er agierte wie ein Außenstürmer, fast auf Höhe des gegnerischen Strafraums. Kovac signalisierte mit einem Winken: bitte zurück. Kimmich signalisierte mit ein paar Querschritten: noch nicht. Weiteres Kovac-Winken, weitere Schritte von Kimmich in der Offensive. Es folgte ein Ballverlust, ein Gegenangriff über die linke Münchner Seite, Kovac setzte sich, weiter schimpfend.

Vier Heimspiele ohne Sieg

Die Münchner Bayern haben keines ihrer vier vergangenen Heimspiele gewonnen - so eine Serie ist in der Bundesliga-Historie erst zweimal vorgekommen, zuletzt im Herbst 1994, als es vier Unentschieden gab: 1:1 gegen den HSV, 2:2 gegen Köln, 3:3 gegen Frankfurt, 2:2 gegen Stuttgart. Die Münchner schafften es zum achten Mal nacheinander nicht, zu Null zu spielen. Einen solchen Negativlauf gab es seit 18 Jahren nicht mehr. Düsseldorfs Dodi Lukebakio ist erst der sechste Spieler, dem in München ein Dreierpack gelang. Drei Tore bei den Bayern waren zuletzt Ebbe Sand für Schalke 04 im April 2001 gelungen. In der 2005 eröffneten Arena ist der Belgier Lukebakio damit der erste dreifache Torschütze eines Auswärtsteams. sz, sid

Im Sitzen sah er, Kovac, dann, wie Dodi Lukebakio den Anschlusstreffer erzielte (woran Kimmich in der Abwehr nichts hätte ändern können). Doch es ist nicht dieser Gegentreffer, der das Ende der Tage von Kovac als Trainer des FC Bayern beschleunigen könnte, auch keiner der weiteren beiden Treffer des flinken Lukebakio. Woran der Trainer Kovac in München scheitern könnte, ist, dass die Mannschaft seinen Ideen immer weniger vertraut.

Zwei Dinge sprechen gegen Kovac

Kimmich hat in dieser Szene nicht offen rebelliert, er hatte nicht, wie es im Branchensprech heißt, gegen den Trainer gespielt, so wie auch sonst niemand in der Mannschaft. Allerdings hat diese Szene gezeigt, dass Kovac und das Team eigene Vorstellungen davon haben, wie sie diese Krise beenden können.

Historisch gesehen wurde es für einen Trainer beim FC Bayern immer dann unangenehm, wenn zwei Dinge gegen ihn sprachen. Das eine war die Tabelle. Gegen Kovac spricht also, dass seine Mannschaft nach dem 3:3 (2:1) gegen Düsseldorf nur Fünfter ist, mit neun Punkten Rückstand auf Tabellenführer Dortmund; in den vergangenen acht Partien hat die Mannschaft nur neun Punkte gewonnen, seit vier Heimspielen wartet sie auf einen Sieg, erstmals wieder seit einem knappen Vierteljahrhundert. Der zweite und vielleicht viel gewichtigere Aspekt in der Trainerfrage war stets, dass die Bosse darauf achteten, ob die Mannschaft, wie es im Branchensprech heißt, dem Trainer noch folgt. Nachdem sich der Klub im Herbst des vergangenen Jahres von Carlo Ancelotti getrennt hatte, begründete Präsident Uli Hoeneß dies damit, der Italiener habe "in den letzten Tagen fünf Spieler gegen sich aufgebracht".

Am Samstag sagte Hoeneß, der nach dem Abpfiff aufgebracht in die Kabine geeilt war, dass die Zukunft des Trainers "im Moment überhaupt kein Thema" sei. Er sagte, dass Kovac am Dienstag in der Champions League gegen Lissabon "sicherlich" der Trainer sein werde. Hoeneß sagte aber auch: "Wir müssen beim FC Bayern jetzt alles hinterfragen, warum wir so spielen, wie wir spielen." Es gebe "intern Redebedarf".

Der Trainer, dessen Zukunft also spätestens am Mittwoch zum Thema werden könnte, zeigte sich nach dem Abpfiff entsprechend kämpferisch gestimmt. Kovac trug seine Analysen nach wie vor geschmeidig und elegant vor, den Reißverschluss seines Pullovers bis oben zugezogen, was auch an der Kälte liegen könnte. Dass er aber sauer war, das demonstrierte er mit einer gedämpften, ruhigen, fast schon tonlosen Stimme. Ganz ruhig sagte er: "Ich weiß nicht, ob es eine Steigerung von sauer gibt." Er sprach von einem "Konzentrationsproblem", von "individuellen Fehlern, die kann kein Trainer der Welt verhindern". Er sagte: "Es gibt große und es gibt kleine Fehler. Und wir machen im Moment sehr große Fehler." Kovac kämpfte also in eigener Sache, indem er die Distanz zu seiner Mannschaft noch einmal verstärkte.

Kovac hat eine seltsame Passivität erfasst

Sollte Kovac in den nächsten Tagen und Wochen beurlaubt werden, wäre er, einerseits, das Opfer einer großen, vereinsumfassenden Schläfrigkeit. Als er im Sommer nach München gekommen war, übernahm er eine satte Mannschaft, die ein Dreivierteljahr lang von Jupp Heynckes vitalisiert werden konnte, nach dem Aus im Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid aber trotzdem auseinandergefallen war. Kovac muss mit einem gealterten, kleinen Kader arbeiten, den er nicht mitgestalten durfte, der überhaupt nur gestaltet wurde, indem die Verträge von Franck Ribéry und Arjen Robben noch mal um je ein Jahr verlängert wurden. Der Sommer 2018 war vielleicht der falsche Zeitpunkt, um als Trainer in München anzufangen, für jeden Trainer, nicht nur für Kovac.

Andererseits hat diese seltsame Passivität auch den Trainer erfasst. Kovac beharrt stur auf seinem System, er will einen kontrollierten Spielaufbau, der über die Außen fortgesetzt werden soll. Auch seine Wechsel sind erwartbar: Spielt Arjen Robben, geht er als Erster. Spielt Franck Ribéry, geht er als Erster. Eingewechselt wird dann derjenige der beiden, der auf der Bank sitzt. Den Gegnern reicht zudem oft ein Gedanke, Düsseldorf zum Beispiel der, einfach den Ball zu Lukebakio zu schlagen. Vielleicht fehlen Kovac die Spieler, um andere Ideen umzusetzen. Vielleicht fehlen ihm aber auch die Ideen.

Arsène Wenger sucht bekanntlich einen Job

Dass Kovac womöglich nur noch das Spiel gegen Lissabon bleibt, um für sich zu werben, verdeutlichte spätestens der Auftritt von Hoeneß. Der Präsident kritisierte zwar auch die Mannschaft, sprach von "dilettantischen" Fehlern und solchen, die "hanebüchen" seien. Er sagte aber auch, dass die Mannschaft "Fußball ohne Selbstvertrauen" spiele. "Man hat ja immer auf der Tribüne das Gefühl, auch bei einer klaren Führung, dass man bei jedem Angriff gefährdet ist, ein Gegentor zu kriegen." Dieses Gefühl verspüren die Bosse nicht erst seit Samstag, nach SZ-Informationen sollen sie sich zuletzt schon vorsichtig im Umfeld der Mannschaft umgehört haben.

Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, mögliche Kandidaten vorsichtig nach deren Bereitschaft zu befragen. Schwierig ist diese Aufgabe vor allem, weil es so viele mögliche Kandidaten gar nicht gibt. Der frühere Leipziger Ralph Hasenhüttl kommt aus einer ähnlichen Kategorie wie Kovac (unverbraucht, auf hohem Niveau aber unerfahren), der ewige Heynckes wird kaum noch einmal sein wohlverdientes Dasein als international geachteter Fußball-Rentner unterbrechen. Zu den wenigen, einigermaßen plausibel erscheinenden Lösungen zählt Arsène Wenger, der als Vordenker 20 Jahre lang den FC Arsenal geprägt hat, der Deutsch spricht, der Lust auf einen neuen Job hat. Wenger ist allerdings auch schon 69 Jahre alt und in den vergangenen Jahren nur noch bedingt als Vordenker aufgefallen.

Aber das sind ja ohnehin Gedankenspiele, mit denen sich Hoeneß offiziell nicht befasst. Zumindest nicht bis Mittwoch.

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