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Niko Kovac beim FC Bayern:Wo will er mit dieser Mannschaft hin?

FC Bayern: Niko Kovac im DFB-Pokal gegen den VfL Bochum

Verzweifelt: Niko Kovac während des Spiels gegen Bochum.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Bayern-Trainer Niko Kovac braucht dringend eine Trendwende, aber sein Plan bleibt unklar. Nach schwachen Spielen wie in Bochum nimmt er zunehmend das Team in Mithaftung - ein gefährliches Mittel.

Vielleicht hilft es Niko Kovac nach diesem über weite Strecken sehr erstaunlichen Pokal-Auftritt in Bochum, sich daran zu erinnern, dass seine Lage schon einmal schlimmer war. Vor elf Monaten kündigte Uli Hoeneß nach einem ebenfalls über weite Strecken erstaunlichen 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf öffentlich eine "Analyse" an und meinte, dass Kovac beim nächsten Spiel noch Bayern-Trainer sei. Chefs, die ankündigen, dass der Trainer beim nächsten Spiel noch auf der Bank sitzen wird, sind im Fußball kein gutes Zeichen.

Es ist nicht ganz klar, was danach hinter verschlossenen Türen beim FC Bayern passierte. Karl-Heinz Rummenigge sagte, man habe dem Trainer die Rotation ausgeredet und danach sei es besser geworden. Manche sagen, es habe zudem mehrere Einzelgespräche der Bosse mit Führungsspielern gegeben. Wie auch immer, jedenfalls gewann der FC Bayern das "nächste Spiel" 5:1 gegen Benfica Lissabon. Ein Befreiungsschlag.

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Jetzt ist bald wieder November und Niko Kovac hat sich wieder in eine Lage manövriert, in der er einen Befreiungsschlag dringend braucht. Der FC Bayern hat fünf Spiele nacheinander nicht überzeugt und wenn es selbst Hasan Salihamidzic mit Galgenhumor versucht und der in der Regel maximal diplomatische Kapitän Manuel Neuer öffentlich in seinen Statements immer schärfer wird - dann sind das größere Alarmsignale als das übliche Grummeln nach einem missglückten Spiel. Vor allem die erste Halbzeit war aus Bayern-Sicht wirklich gruselig - aber das allein würde man noch moderiert bekommen, selbst Jupp Heynckes gewann 2011 in Bochum nur mit 2:1.

Aber entscheidend ist die Perspektive, entscheidend ist, ob die Führungsetage glaubt, in der Champions League konkurrenzfähig zu sein. Und Kovacs Problem ist, dass man bisher nicht weiß, wo er mit seiner Mannschaft eigentlich hinwill.

Vorne ist der FC Bayern abhängig von Robert Lewandowski

Defensive ist Handwerk, Offensive ist Kunst - das ist Kovacs Trainer-Leitlinie. Er denkt das Spiel von hinten nach vorne und unterscheidet sich damit fundamental von zum Beispiel Pep Guardiola. In dieser Saison steht die Defensive aber nicht, der FC Bayern kassiert oft zwei Gegentore pro Spiel. Was die Verteidigungsstrategie der Münchner sein soll, ist auch nicht so ganz ersichtlich. Das Offensivpressing ist löchrig und oft nicht koordiniert, wird die erste Reihe überspielt, steht das Team nicht kompakt. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen sind oft riesig. Den einzigen echten defensiven Mittelfeldspieler im Kader - Javier Martínez - ließ Kovac zudem so lange auf der Bank, bis Hoeneß öffentlich dessen Einsatz forderte.

Vorne ist der FC Bayern nahezu vollständig abhängig von Robert Lewandowski. Anfang der Saison versuchte es Kovac im Angriffsspiel mit zwei sehr offensiven Achtern (Tolisso und Goretzka), dann war Coutinho auf der Zehn gesetzt, wodurch das Angriffsspiel kurzzeitig allein durch dessen Klasse belebt wurde. Aber nun versucht Kovac, die Personalie Müller reinzumoderieren und spielt nun zuweilen mit Müller und Coutinho, obwohl er das eigentlich ausgeschlossen hatte. Manuel Neuer monierte in Athen ausführlich das Passspiel und tatsächlich ist das vielleicht die größte Baustelle. Von der Würgeschlangen-Dominanz unter Guardiola oder Heynckes, als der Gegner vor allem nach einer Bayern-Führung schlicht nicht an den Ball kam, ist aktuell gar nichts zu sehen. Gegen Bochum hatte die Bayern-Offensive große Probleme mit einer gewöhnlichen Zweitligaabwehr - obwohl sie dringend ein Tor brauchte.

Es gilt die alte Regel: Der Trainer ist einfacher zu tauschen als die Mannschaft

Kovac argumentierte in der vergangenen Saison oft, er habe einen Kader ohne Verstärkung bekommen und die Mannschaft befinde sich im Umbruch. Nun hat er die Verstärkung - aber es zeigen sich die gleichen Probleme. Auch das Argument, es sei eben seine erste Saison als Bayern-Trainer zieht in der zweiten Saison nicht mehr. Und dass ein Spieler wie Müller nach fünf Spielen auf der Bank öffentlich ankündigt, "sich Gedanken zu machen" und danach wieder in der Startelf steht und Hoeneß auf dem Flughafen Startelf-Tipps verteilt, stärkt natürlich nicht die Autorität des Trainers.

Kovac beginnt auch zunehmend, nach schwierigen Spielen die Verantwortung zumindest in Teilen Richtung Team zu schieben. "Der Trainer leitet, aber die Spieler müssen es umsetzen", ist so ein Satz, den er in Varianten immer wieder sagt. Auch nach dem DFB-Pokalspiel meinte er vielsagend auf den VfL Bochum bezogen. "Da sieht man, dass es funktioniert, wenn alle das machen, was der Trainer sagt." Es ist ein gefährliches Mittel die Mannschaft öffentlich in Mithaftung zu nehmen - man kann es als Trainer nur dann einsetzen, wenn eine Mehrheit der Mannschaft auch glaubt, es liegt an der Umsetzung und wenn man als Trainer den absoluten Rückhalt der sportlichen Führung hat. Denn sonst gilt die alte Regel: Der Trainer ist einfacher zu tauschen als die Mannschaft.

Im vergangenen Jahr haben sich viele Fans auf Kovacs Seite geschlagen. Sie hatten den Eindruck, dass da jemand in einer schwierigen Lage kämpft und dass es einem Trainer schwerer gemacht wird, als eigentlich nötig. Aber seine Rhetorik wirkt mittlerweile irritierend - wiederholt fordert er Respekt und Menschlichkeit insbesondere von den Medien ein. Natürlich ist der Job als Bayern-Trainer ein harter, aber wenn der reichste Klub Deutschlands gegen Hoffenheim verliert, gegen Augsburg unentschieden spielt, wenn Rummenigge auf der Bankettrede nach dem Champions-League-Spiel in Piräus sagt, dass man mit der Leistung in der Saison nicht weit komme - dann fragt man sich schon, welche Schlagzeilen Niko Kovac eigentlich erwartet.

Der FC Bayern spielt nun in der Liga gegen Frankfurt und Dortmund - zwei Spiele, die sich sehr für eine Wende eignen.

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