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Bayern-Profi Thiago:Machtspiel zwischen Mannschaftsarzt und Trainer

Müller-Wohlfahrt hat seine Praxis am Alten Hof in der Münchner Innenstadt, dorthin pilgern die verletzten Spieler. Ein Zustand, der Pep Guardiola in München von Anfang an irritiert. Als Trainer des FC Barcelona war er es gewohnt, dass der Arzt immer einsatzbereit am Rasenrand steht - und dass dieser alles unternimmt, um einen Profi so schnell wie möglich fit werden zu lassen. Angeschlagene Profis sind bei Barça oft zu Auswärtsspielen mitgereist, um kurz vor dem Anpfiff ein letztes Probetraining zu absolvieren.

Das Verhältnis zwischen Medizinmann und Trainer entwickelt sich zum Machtspiel. Beide misstrauen einander herzlich, weswegen Guardiola nach Thiagos erstem Innenbandriss eine eigenwillige Entscheidung trifft. Er schickt Thiago nicht zum Medizinmann in den Alten Hof, sondern nach Barcelona - zum Missvergnügen der Bayern-Bosse, die den Krankentransport aber nicht verhindern, um den Trainer nicht zu vergrätzen. Guardiola schickt Thiago zu einem Arzt, dem er seit vielen Jahren vertraut. Zu Ramón Cugat.

29 März 2014 München Allianz Arena Fussball 1 Bundesliga 28 Spieltag FC Bayern München TSG; Thiago

Sein bisher letztes Spiel: Thiago (Rot) im Heimspiel des FC Bayern am 29.März 2014 gegen den Hoffenheimer Eugen Polanski.

(Foto: imago)

Das sei "vielleicht ein großer Fehler gewesen", sagt Guardiola Monate später, nach Thiagos dritter Verletzung. Kaum gesagt, fliegt Thiago wieder nach Barcelona.

Die Gefahr einer Folgeverletzung steigt

Cugat, Orthopäde wie Müller-Wohlfahrt, aber mit professoraler, weniger medizinmännischer Erscheinung, hat Ende der Sechziger für Barça gespielt, nach dem Karriereende bleibt er dem Klub verbunden, behandelt immer wieder Spieler, auch Guardiola. Er spezialisiert sich auf Knieverletzungen. Unter den Mannschaftsärzten der deutschen Bundesliga ist Cugat eher unbekannt. Dennoch wird er die Hauptfigur in Thiagos Geschichte.

Nachdem Thiago sich im Mai 2014 das zweite Mal das Innenband gerissen hat, wird erstmals öffentlich geraunt, dass Thiago von Cugat mit Cortison behandelt worden sei, einem Steroidhormon, das entzündungshemmend wirkt. Kommt es nach einem Riss zu einem Gelenkerguss im Knie, kann Cortison diesen reduzieren, es nimmt also Druck vom Knie. Der Spieler spürt weniger Schmerzen, er bewegt sich kaum anders als mit gesunden Bändern. Laien könnte Cortison daher dazu verführen, nach einer Verletzung den Körper wieder früher voll zu belasten.

"Zur Behandlung eines Innenbandrisses eignet es sich überhaupt nicht", sagt der Arzt eines Bundesligisten; üblicherweise würden Innenbandrisse bei Fußballern konservativ behandelt, mit Gips und Schiene, nach acht Wochen sei der Spieler meist wieder fit. Cortison dagegen habe einen eiweißverdauenden Effekt, es schade den Zellen in Sehnen und Knorpeln, die Struktur des Bindegewebes werde brüchiger, Muskeln würden abgebaut. Die Gefahr einer Folgeverletzung steigt.

Cugat schweigt monatelang zu den Vorwürfen, die international durch die Medien geistern. Erst als der FC Bayern im Oktober öffentlich über eine Narbeninsuffizienz spricht, meldet sich Cugat auf Twitter zu Wort (siehe Ausriss). Keineswegs habe er Thiago mit Cortison behandelt, vielmehr habe er Wachstumsfaktoren (Growth factors) eingesetzt, schreibt Cugat - eine Methode, die er seit Anfang der Nullerjahre anwende. Was genau Cugat mit Wachstumsfaktoren meint, bleibt offen.

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