Süddeutsche Zeitung

FC Bayern in der Champions League:Das große Glück des Javi Martínez

Für sein Kamikaze-Foul gegen Lissabons Guedes hätte der Bayern-Abwehrmann klar Rot sehen müssen. Doch der Schiedsrichter folgte der Argumentation von Manuel Neuer.

Von Thomas Hummel, Lissabon

Philipp Lahm ist Kapitän und da ist es seine Pflicht, die Kollegen aus misslichen Situationen zu befreien. Vielleicht hat ihm Manuel Neuer deshalb eine Rettungsaktion zugeschrieben, für die er eigentlich gar nichts konnte. "Das Gute war, dass Philipp mitgelaufen und mindestens auf gleicher Höhe war, oder zumindest im Umfeld dieser Aktion stand", sagte der Torwart, "da hat er wirklich einen ganz wichtigen Lauf nach hinten gemacht, der Philipp."

Was Neuer da beschrieb, ist die Sichtweise, dass der Philipp mit seinem Lauf dem Kollegen Javi Martínez eine ganz bittere rote Karte erspart hatte. Nach 74 Minuten im Viertelfinal-Rückspiel in Lissabon blieb einem kurz der Mund vor Verwunderung offen, weil sich dieser kreuzbrave, zuverlässige, seriöse Fußballarbeiter Martínez plötzlich zum Kamikaze wandelte. Der Portugiese Goncalo Guedes war ihm entwischt und auf dem Weg Richtung Tor. Irgendwie lief da zwar noch der Philipp mit, aber eigentlich konnte nur noch Torwart Neuer die Situation retten. Doch da es 2:1 stand und nach dem 1:0 im Hinspiel die Sache entschieden schien, wäre auch ein Gegentor verschmerzbar gewesen.

Nur Geld statt Rot

Was allerdings nicht verschmerzbar ist für den FC Bayern: der Ausfall des nächsten Verteidigers. Und so war die Martínez-Grätsche von hinten gegen Guedes ein schwerer Eingriff gegen das bayerische Fußball-Gesetzbuch. Klarer Fall: rote Karte, mindestens zwei, wenn nicht drei Spiele Sperre. Champions-League-Saison vorbei.

Doch Schiedsrichter Björn Kuipers kannte wohl das bayerische Fußball-Gesetzbuch. Oder er sah tatsächlich den Philipp von der Seite heranlaufen, als ob der noch hätte eingreifen können (was nicht der Fall war). Wie auch immer, der Niederländer holte statt der roten die gelbe Karte aus der Tasche. Und selbst von der Tribüne aus meinte man an Mimik und Gestik von Javi Martínez erkennen zu können, dass er in dem Moment mehr Glück hatte als die Gewinner der spanischen Weihnachtslotterie.

Das Publikum protestierte so laut gegen diese Entscheidung, dass draußen im Atlantik eine Sturmflut dräute. Benfica-Trainer Rui Vitoria erregte sich heftig, Kuipers schickte ihn schnurstracks auf die Tribüne. Die Wut der Menschen legte sich erst, als Anderson Talisca den folgenden Freistoß zum 2:2 wunderschön ins Netz zirkelte. Was die Bayern allerdings kaum störte. Benfica hätte noch zwei Tore mehr schießen müssen, um den Vergleich zu gewinnen.

Trainer Pep Guardiola sagte später zu der Szene: "Ich weiß, dass es ein Foul war." Aber Rot? Nein, dazu könne er nichts sagen. Ihm sei die Sicht versperrt gewesen. Die üblichen Floskeln, wenn man ahnt, Riesenglück gehabt zu haben und deshalb am besten nichts sagen will.

Die Bayern danken dem Schiedsrichter

Auch ohne Martínez wäre der FC Bayern ziemlich sicher in Lissabon nicht mehr ausgeschieden. Aber die Not für das anstehende Halbfinale gegen Madrid oder Manchester wäre erheblich größer geworden. Die Not in der Abwehr, die die Münchner nun schon die ganze Rückrunde begleitet.

Medhi Benatia ist fast ebenso dauerverletzt wie Holger Badstuber. Leihspieler Serdar Tasci ist Guardiola nicht gut genug. Und Jérôme Boateng tastet sich nach seinem Muskelbündelriss in den Adduktoren gerade erst wieder ans Mannschaftstraining heran. Wann er zurückkommt? Sportchef Matthias Sammer antwortete dazu vage: "Wir werden abwarten. Wir sind guter Dinge, werden die Belastung jetzt weiter steigern. Mal gucken, was dann so Richtung nächste Woche passiert. Ob er alles vertragen hat."

Der Druck auf Boateng, bis zum ersten Halbfinale am 26. oder 27 April fit zu werden, wäre bei einem Ausfall von Martínez erheblich gestiegen. Mit schnellen Rückkehrern haben die Bayern aber unter Guardiola keine guten Erfahrungen gemacht. Sie haben sich meist noch schneller wieder neu verletzt.

Die Defensive wackelt bedenklich

Martínez foulte ja kurz darauf noch einmal, auch da hätte er sich über eine gelb-rote Karte nicht beschweren können. Und da der munter hinlangende Arturo Vidal bei einer Verwarnung für das nächste Spiel gesperrt gewesen wäre, dürfen sich die Münchner gleich mehrfach bei Schiri Kuipers für dessen Großzügigkeiten bedanken.

Selbst in dieser Formation wankte und wackelte die Defensivkonstruktion der Bayern bisweilen bedenklich. Wie schon gegen Turin. Dass sie nicht fiel, ist oft genug diesem Philipp rechts und seinem Gegenüber David Alaba links zu verdanken. Die beiden spielten nicht selten die Aufpasser für ihre Innenverteidiger, waren stets bereit zu helfen und weite Laufstrecken auf sich zu nehmen. Dass der enorm starke Lahm und der immer stärker werdende Alaba dazu scharfe Impulse nach vorne setzten, macht sie weiterhin zum stärksten Außenverteidiger-Paar der Welt.

Guardiola wusste übrigens, was in Martínez gefahren war: "Javi war tot in den letzten 15 Minuten, weil er lange verletzt war." Der Spanier konnte nicht mehr, weshalb er statt des Balles die Beine der Gegner traf. Wenn man sich so über den Platz schleppt, da wünscht man sich einen Kapitän, der einem vor Schlimmerem bewahrt.

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