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FC Bayern II:Mitglied einer seltenen Spezies

Viele Weggänge, wichtige Spieler fallen aus - der Klassenverbleib wird für die U23 des FC Bayern alles andere als einfach und der Erfolg des Teams auch stark von Jann-Fiete Arp abhängen.

Von Christoph Leischwitz

München, 02.10.2020, Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße, Fußball, Männer, 3. Liga, 3. Spieltag , FC Bayern Mün; Fußball - FC Bayern - Jann-Fiete Arp

Freiwillig in der dritten Liga geparkt: Jann-Fiete Arp (rechts) war beim FC Bayern München eigentlich gar nicht für die U23 vorgesehen, aber er will dort nun vor allem Spielpraxis sammeln.

(Foto: Gabor Krieg/imago images)

Nun steht mal wieder so ein Wochenende an, an dem es besonders leer wird am Campus des FC Bayern. Gleich acht Jugendliche sind mit ihren jeweiligen Junioren-Nationalmannschaften unterwegs. Und weil die dritte Liga heuer an Länderspiel-Wochenenden keine Pause macht, geht es für die U23 zum KFC Uerdingen. Danach folgen weitere 34 Spieltage, für die Winterpause sind gerade einmal drei Wochen vorgesehen. Hinzu kommt, dass die Bayern in den vergangenen Wochen mehrere wichtige Spieler abgegeben oder verliehen haben. Da kann etwas Beständigkeit nicht schaden. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet nun ausgerechnet einer, der eigentlich gar nicht für die U23 vorgesehen war.

Der 3:0-Sieg am vergangenen Wochenende gegen Dynamo Dresden war durchaus überraschend gewesen, schon allein angesichts des Altersdurchschnitts der U23, er lag nur knapp über 20 Jahre. Jann-Fiete Arp hatte mit einem sehenswerten Freistoß das Führungstor geschossen. Freistöße habe er "immer schon gerne im Training zusätzlich auf dem Programm gehabt", sagt Arp. Trainer Holger Seitz erzählt, dass er so einen wie beim 1:0 gegen Dresden einen Tag zuvor am Campus auch schon reingezirkelt hatte. Was dem 20-jährigen Angreifer in jüngerer Vergangenheit aber meist verwehrt gewesen war, das war ein Führungstor. Weil er wegen seiner vielen Verletzungen nur selten in der Startelf stand, und immer nur eingewechselt worden war. Arp hat schon einiges erlebt, immerhin kam er vom Hamburger SV.

Jann-Fiete Arp sei kompliziert zu verteidigen und unheimlich fleißig, lobt Trainer Holger Seitz

Er hat tatsächlich schon in der ersten, zweiten, dritten und vierten Liga Tore geschossen, doch er hat eben auch enormes Verletzungspech gehabt, vor allem, seit er im Sommer 2019 zu den Bayern kam. Jetzt, sagt Arp, verbringe er noch mehr Zeit mit Athletiktraining und mit den Physios als zuvor, um künftigen Verletzungen vorzubeugen. Und hat sich selbst erst einmal freiwillig in der dritten Liga geparkt. "Ich konnte nie mehrere Spiele am Stück machen", sagt Arp. Nach der Meisterschaft der zweiten Mannschaft habe es dann Gespräche gegeben. Das oberste Ziel: Spielpraxis sammeln. "Hier bei den Amateuren musste ich keinen kompletten Neuanfang hinlegen, weil ich das Umfeld kenne", sagt Arp. Er fühle sich gerade "sehr wohl" damit, "wie es gerade ist" und gehört nun also einer seltenen Spezies an: Arp ist ein U-23-Spieler, der tatsächlich als Stammspieler für genau jene U23 eingeplant ist. Während andere Akteure wie Joshua Zirkzee, Jamal Musiala oder neuerdings auch der Verteidiger Chris Richards gar nicht so genau wissen, wo sie eigentlich hingehören.

Der Kader des FC Bayern II für 2020/2021

Tor: Ron-Thorben Hoffmann, Michael Wagner, Lukas Schneller (FC Bayern U19), Abwehr: Rémy Vita (ES Troyes), Angelo Mayer, Josip Stanisic, Nicolas Feldhahn, Kilian Senkbeil, Chris Richards, Alexander Lungwitz (Leihe SpVgg Greuther Fürth), Lenny Borges (Leihe AC Mailand U19), Bright Akwo Arrey-Mbi, Ivan Mihaljevic, Dennis Waidner, Jamie Lawrence (alle FCB U19), Mittelfeld: Tiago Dantas (Leihe Benfica Lissabon), Jannik Rochelt, Timo Kern, Maximilian Zaiser, Maximilian Welzmüller, Angelo Stiller, Daniels Ontuzans (Leihende FC St. Gallen U21), Taylor Booth, Jamal Musiala (beide FC Bayern U19), Angriff: Leon Dajaku, Fiete Arp (FC Bayern), Nicolas Kühn (Ajax Amsterdam II), Lenn Jastremski (VfL Wolfsburg U19), Malik Tillman (FC Bayern U19), Can Karatas (Leihende FC Memmingen).

Drei Spiele bisher, dreimal in der Startelf - für Arp läuft es gerade angenehm normal. Das scheint sich schon jetzt bemerkbar zu machen. "Ich bin sehr zufrieden mit ihm", sagt Trainer Seitz über seine Entwicklung. Arp sei "kompliziert zu verteidigen" und unheimlich fleißig, auch in seiner Defensivarbeit - eine Tugend, die dem einen oder anderen jungen Spieler, der eigentlich zu den Profis gehört, abgesprochen wird. Von der Mannschaft, die vergangene Saison Meister wurde, ist nur noch wenig übrig, außerdem fehlen zurzeit mehrere wichtige Spieler verletzt. Der Ligaverbleib wird alles andere als einfach. Ob er gelingt, wird auch stark davon abhängen, wie viel Beständigkeit Arp liefern kann.

Als der Profikader noch deutlich kleiner war und die Mannschaft von Hansi Flick noch nicht 1:4 gegen Hoffenheim verloren hatte, da schien es ganz so, als sollten nun tatsächlich einmal mehr Talente ihre Bundesliga-Chancen bekommen als sonst. Dieser Eindruck wurde durch die zusätzlichen Verpflichtungen jedoch stark relativiert. Was bedeutet es nun zum Beispiel für Zirkzee, wenn ein Eric Maxim Choupo-Moting verpflichtet wird? Vermutlich sehr viel weniger Einsatzzeit. Auf diese Weise könnte nun auch noch die U23 verstärkt werden, zumal der 19-jährige Tiago Dantas von Benfica Lissabon wohl erst einmal in Liga drei zum Einsatz kommen wird.

Darüber hinaus haben sie am Campus selbst auf die anhaltende Personalnot reagiert, die eben nicht nur die erste Mannschaft betraf. Nach dem finanziell lohnenswerten Verkauf von Mert Yilmaz, der vergangene Woche zum türkischen Erstligisten Antalyaspor wechselte, holten sie noch den Linksverteidiger Rémy Vita vom französischen Zweitligisten ES Troyes AC. Es ist offen, wie gut sich der Franzose, der Portugiese und die anderen neuen Spieler zurechtfinden werden in der dritten Liga. Doch zumindest fühlen sie sich jetzt nicht nur an der Säbener Straße, sondern auch am Campus sehr viel besser aufgestellt als noch vor wenigen Wochen.

© SZ vom 08.10.2020
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