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FC Bayern in der Bundesliga:Eine Niederlage zur rechten Zeit

TSG Hoffenheim v FC Bayern Muenchen - Bundesliga

Joshua Kimmich und Thomas Müller in Sinsheim.

(Foto: Getty Images)

Bayern-Trainer Flick kann mit dem 1:4 in Sinsheim sehr gut arbeiten: Seinen Spielern kann er erzählen, dass Siege nicht automatisch kommen - und seinen Vorgesetzten, dass er noch Verstärkung braucht.

Kommentar von Christof Kneer

Udo Lattek hat das Gespräch einmal so wiedergegeben: Er sei damals zum Präsidenten Wilhelm Neudecker gegangen und habe gesagt, Herr Neudecker, wir müssen etwas ändern. Darauf habe der Herr Neudecker gesagt: Gute Idee, Trainer, Sie sind entlassen.

Das ist ja das Schöne an diesem FC Bayern: Es gibt in diesem Verein nichts, was es nicht schon gab. Zugegebenermaßen war es damals, in der Saison 1974/1975, etwas schwierig, mit 1:4 bei der TSG Hoffenheim zu verlieren, weil die Hoffenheimer in der B-Klasse Sinsheim-Nord spielten, einer charmanten Liga, aus der man nicht mehr absteigen konnte (weil es schon die unterste war). Aber dass die bayerischen Spielerknochen ein paar Wochen nach einem großen Erfolg noch etwas knirschen und dass die Spielerköpfe ein bisschen bocken, wenn sie gleich wieder Topleistung abrufen sollen, wie Ottmar Hitzfeld das Jahrzehnte später sagen würde - das ist nicht neu.

Es gehört quasi zur bayerischen Hauskultur: Wer immer, immer, immer weitermacht, wie Oli Kahn das ebenfalls Jahrzehnte später sagen würde, der muss zwischendurch auch mal kurz Luft schnappen. 1974 hatten die Bayern gerade den Meistertitel geholt, sie hatten den Europacup der Landesmeister gewonnen, der knapp zwei Jahrzehnte später Champions League heißen sollte, und Weltmeister waren die bayerischen Spieler auch noch geworden, im Münchner Olympiastadion, durch Treffer der Bayern-Spieler Breitner und Müller.

Breitner hat die Bayern nach diesem triumphalen Sommer dann verlassen, er ging zu Real Madrid, und zum Beginn der neuen Saison verloren die Münchner bei Kickers Offenbach. Mit 0:6. Ein paar Monate später führte Lattek das Gespräch mit Neudecker und wurde durch Dettmar Cramer ersetzt, den Trauzeugen des Liberos Kaiser "Franz" Beckenbauer. Am Ende der Saison wurden die Bayern Zehnter, hinter Eintracht Braunschweig, vor dem VfL Bochum. Den Landesmeister-Cup verteidigten sie übrigens trotzdem.

Hansi Flick, der Bayern-Trainer, muss nicht befürchten, dass er demnächst vom Trauzeugen seines Liberos abgelöst wird, und das liegt keineswegs nur daran, dass es keine Liberos mehr gibt. Dieses 1:4 in Hoffenheim war nach Lage der Dinge keine Niederlage, die im Geschichtsbuch landen wird, es war keine Niederlage, die Umsturz und Revolution auslöst. Es war auch keine Niederlage wie das 1:5 in Frankfurt vor knapp einem Jahr, das ein Systemversagen offenlegte und Trainer Niko Kovac den Job kostete. Das 1:4 in Hoffenheim war vielleicht sogar eine Niederlage zur rechten Zeit.

Es ist eine Niederlage, mit der Hansi Flick nun arbeiten kann. Er kann seinen Spielern nun einen Beweis dafür vorlegen, dass es keinen Automatismus für Siege gibt, und seinen Vorgesetzten muss er eigentlich gar nichts vorlegen, die haben das Spiel ja selber gesehen. Dass dieser Kader bei aller Qualität derzeit nicht betriebssicher ist, dass er deutlich zu wenige Spieler für deutlich zu viele Spiele enthält: Diese Botschaft kommt noch rechtzeitig genug. Eine Woche ist noch Zeit, bis das Transferfenster schließt, die Bayern können und müssen jetzt nochmal über ihre Bücher gehen.

Auch das ist ja das Gute am FC Bayern: Es gibt in diesem Verein geschichtsfeste Leute, die wissen sollten, was der Klub jetzt braucht. Als Paul Breitner damals, in diesem triumphalen Sommer 1974 zu Real Madrid wechselte, ging ein anderer Transfer im Kleingedruckten unter. Für 20 000 Mark holten die Bayern von Borussia Lippstadt ein 18-jähriges Sturmtalent namens Karl-Heinz Rummenigge.

© SZ.de/schm
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Von Christof Kneer

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