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Hoeneß und Rummenigge:Das Ende des FC-Bayern-Dualismus

Fussball Pressekonferenz FC Bayern Nachwuchsleistungszentrum 17 05 2017 Präsident Uli Hoeneß

Nie mehr FC-Bayern-Podium: Karl-Heinz Rummenigge (rechts), hier mit seinem langjährigen Co-Architekten Uli Hoeneß, beendet vorzeitig seine Ära als Vorstandschef.

(Foto: Lackovic/Lako Press/imago)

Jahrelang bildeten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge eine zwar streitfreudige, aber höchst erfolgreiche Doppelspitze. Ein schweres Erbe für das neue Triumvirat.

Kommentar von Philipp Schneider

Manches Ende muss von seinem Anfang her gedacht werden. Und wenn nun hier und da Girlanden gebastelt werden anlässlich des Abschieds von Karl-Heinz Rummenigge von der Funktionärsbühne des FC Bayern, dann darf auch an die Freizeitkicker des "Boldklubben 1903" aus Kopenhagen, Bold heißt Ball, erinnert werden, ohne deren leidenschaftliche Grätschen und Flanken im Gentofte-Stadion vor genau 30 Jahren wohl auch die Karriere Rummenigges eine andere Abzweigung genommen hätte als zur Säbener Straße.

Im Oktober 1991 zerlegten im Europapokal die Fußballer um Ivan Nielsen, Svend Petersen und einen gewissen Tur Tur, der offenbar nach dem beliebten Scheinriesen in Jim Knopf benannt wurde, eine von Trainer Sören Lerby aufs Feld geführte Münchner Auswahl mit 6:2. "Micky-Maus-Truppe" höhnten die dänischen Fans im Gentofte über die Bayern.

Es mag absurd klingen, doch in jener Saison, als Rummenigge vom politisch zurückhaltenden Präsidenten Fritz Scherer gemeinsam mit Franz Beckenbauer zum "Vize" ernannt wurde, da war der FC Bayern zeitweise ein Abstiegskandidat. Scherer holte Rummenigge und Beckenbauer, um der kühlen Fußball-Firma ein menschliches Antlitz zu verleihen. Und für den Manager Hoeneß bedeutete die Beförderung zweier Klub-Ikonen in Ämter, die ihm gegenüber weisungsbefugt waren, faktisch eine Machtminderung.

Alle machen Verluste, und der FC Bayern? Neun Millionen Euro Gewinn!

Es lohnt also, sich an diese Anfänge zu erinnern, jetzt, da Rummenigge kurz nach einem legendären Sechs-Pokale-Empfängnis-Jahr entschieden hat, das Amt des Vorstandsvorsitzenden, das er seit 2002 bekleidet hat, vorzeitig an seinen Nachfolger Oliver Kahn zu reichen. Bald ist Rummenigge fort, via Bild verkündete er soeben, kein Pöstchen der Welt reize ihn, weder Aufsichtsrat bei den Bayern, noch Präsident bei DFB, Uefa, Fifa oder eines Kleinstaats in Vorderasien. Beckenbauer ist schon länger etwas lichtscheu. Nur Hoeneß, Ehrenpräsident und Mitglied des Aufsichtsrates, dessen Präsenz ist weiter zu spüren auf der Bühne.

Tritt Hoeneß nun wieder mehr nach vorne, weil der von ihm protegierte Kahn nach seiner Inthronisierung mit einem Geheimprojekt namens "FC Bayern AHEAD" antritt? Wobei die Frage ist, ob "vornweg" wirklich ein Zukunftsprojekt ist - oder nicht schon eine Zustandsbeschreibung des von Hoeneß und Rummenigge entwickelten FC Bayern.

Die Deutsche Fußball Liga hat gerade die Bilanzen des Seuchenjahres 2020 veröffentlicht. Dortmund? 43 Millionen Euro Verlust. Hertha BSC? 53 Millionen Verlust. Der FC Bayern? Neun Millionen Euro Gewinn! Erwirtschaftet inmitten einer Pandemie, als sei der Rekordmeister geschützt von einer Grundimmunität, wenn alle anderen husten. Wie weit der Klub der Bundesliga entrückt ist, zeigt ein Blick auf die Personalkosten: Irre 339 Millionen Euro lässt er sich seine Männer in Stutzen und deren Betreuer kosten, zweieinhalb Mal so viel wie der nicht gerade arme Werksklub Bayer Leverkusen, mehr als eineinhalb Mal so viel wie Hauptkonkurrent Dortmund.

30 Jahre nachdem der FC Bayern als Micky Maus besungen wurde, könnte man den Klub vermutlich auch ebendieser übereignen, ohne den sofortigen Gang zum Insolvenzgericht fürchten zu müssen.

Wenn sich äußere Feinde zum Angriff entschlossen, hielten Rummenigge und Hoeneß zusammen

Man wird sehen, wie viel Kreativität verloren geht nach der Übergabe der alten Frontmänner an Kahn/Salihamidzic/Hainer - und am Ende des Dualismus von Hoeneß und Rummenigge. 30 Jahre lang rieben sich beide auf eine Weise, dass viel Wärme entstand. Legendär waren ihre Versuche, Konsens herzustellen. Als die Bayern 2009 die Nachfolge von Jürgen Klinsmann regelten, schrieb jeder von ihnen verdeckt den Namen eines deutschen und eines ausländischen Wunschtrainers auf. Auf beiden Zetteln stand der Name "Louis van Gaal". Bei anderen Trainern hat es dann mit der Einigkeit nicht so geklappt, Erfolg brachte es trotzdem. Und wenn sich äußere Feinde zusammenschlossen zum Angriff auf den FC Bayern, dann hielten Rummenigge und Hoeneß ihre Schilde und Speere zusammen und bildeten eine Phalanx.

Manche sagen, der Klub werde nun wieder mehr zu einem FC Bayern des Uli Hoeneß. Jetzt, da die Opposition vorzeitig das Feld räumt. Doch wer so denkt, unterschätzt womöglich die Sprengkraft von Kahns Geheimplan "FC Bayern AHEAD".

© SZ/mok
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