Wäre es nicht undenkbar, man könnte meinen, Hasan Salihamidzic ließe sich überrumpeln in Frage-Antwort-Situationen mit Reporter und Mikrofon. Gegen diese Annahme spricht allein die Tatsache, dass er schon als Profi des FC Bayern viel zu viele sogenannte Field-Interviews über sich ergehen lassen musste. Und dagegen spricht auch, dass er ja inzwischen schon im fünften Jahr verantwortlich ist für sämtliche Spieler, die der FC Bayern seither gekauft oder verkauft hat. Ein Veteran des Transfermarkts wie Salihamidzic lässt sich also nicht überrumpeln. Er spricht die Dinge an, wenn die Zeit reif für sie ist.
Vielleicht lässt sich das Verhalten des Sportvorstands des FC Bayern mit einer heimlichen Freude daran erklären, jene Neuigkeiten, die sein Ressort betreffen, auch als Erster zu verkünden. Jedenfalls: Als Salihamidzic am Samstagabend kurz vor dem Anpfiff eines auf sämtlichen Ebenen des Fußballspiels einseitigen 5:0 gegen Hertha BSC nonchalant ausplauderte, Marcel Sabitzer vom Ligakonkurrenten RB Leipzig sei ein Spieler, mit dem er sich beschäftigt habe und der "ein Thema werden" könnte, da hätte er auch sogleich melden können, dass sich Immobilienmakler schon im Auftrag Sabitzers auf die Suche begeben haben nach hübschen Objekten in München-Harlaching.

5:0 gegen Berlin:Der FC Bayern spielt sich fröhlich ein
Ein Kantersieg der lockereren Art: Die Münchner haben gegen Hertha BSC keine Probleme und auch Leroy Sané wird wieder herzlich empfangen. Der Wechsel von Marcel Sabitzer deutet sich derweil immer konkreter an.
Wenn der FC Bayern vier Tage vor Ablauf der Transferperiode live und in Farbe auf Sky über einen Spieler nachdenkt, von dem ganz Deutschland weiß, dass ihn sein ehemaliger Trainer Julian Nagelsmann gerne zu sich nach München nachholen würde, und er am Folgetag wegen "Adduktorenproblemen" nicht Teil des Leipziger Aufgebots in Wolfsburg sein kann? Dann fehlt zur Vervollständigung einer Vollzugsmeldung eigentlich nur noch die Legende, dass Sabitzer, obwohl gebürtiger Grazer, in Kindheitstagen in Bayern-Klamotten durch die Wohnung gelaufen ist.
Pardon ... Auch das hat er längst so erzählt. 2016 in der Mitteldeutschen Zeitung.
Feindliche Übernahmen aus München in der Bundesliga
Am Sonntagnachmittag fehlte im Prinzip nur noch die offizielle Bestätigung der Klubs. Aber sichtbar war schon ein interessantes Muster: Zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten hat Salihamidzic über die Abwerbung eines Leipzigers gesprochen, bevor diese offiziell war. Im Februar plauderte er die Einigung mit Abwehrchef Dayot Upamecano sogar an einem Tag aus, als RB noch Fußball spielen musste.
Laut Fußball-Knigge - so es denn einen gäbe - wäre so etwas verboten. Damals wie an diesem Samstag hielt sich die Empörung der Öffentlichkeit allerdings in Grenzen. Auch wenn die Bayern derzeit mal wieder bemerkenswert konsequent ihrem alten Jagdinstinkt nachgeben. Sie kaufen die besten Leute der größten Konkurrenten auf.

FC Bayern in der Einzelkritik:Ovationen für Jamal Musiala
Der jüngste Bayern-Spieler ist beim 5:0 gegen Hertha BSC einer der auffälligsten, Robert Lewandowski trifft mal wieder dreimal - und Leon Goretzka verliert nur einmal die Orientierung. Die Bayern in der Einzelkritik.
In Zeiten, als an der Säbener Straße Verträge mit den Dortmundern Götze, Hummels und Lewandowski besiegelt wurden, sorgten die feindlichen Übernahmen aus München noch landesweit für hitzige Debatten. Heutzutage ist allenfalls denkbar, dass sich Upamecano, Sabitzer und Nagelsmann Regularien der Hochpandemie im Stadion zurückwünschen, wenn sie bald vorspielen müssen an alter Wirkungsstätte. Auch 25 000 Geimpfte, Genesene und Getestete könnten ihrem ehemaligen Abwehrchef, Kapitän und Trainer vermutlich ein Pfeifkonzert aus der Hölle bereiten. Anpfiff ist am 11. September.
Die Empörung hält sich allerdings in Grenzen, weil inzwischen jeder die Mechanismen und Systeme des Spielermarkts verinnerlicht hat. Der Transfer Sabitzers ist aus Sicht der Bayern ein sinnvoller. Und wenn sich ein sinnvoller Transfer auf dem nationalen Transfermarkt mit einer überschaubaren Ablöse von weniger als 20 Millionen Euro realisieren lässt, dann schlagen auch die neuen, der Sparsamkeit zugeneigten Bayern zu, von denen es eigentlich hieß, sie wollten erst noch jemanden verkaufen, bevor sie shoppen gehen.
Das zentrale Mittelfeld ist neben der Position des Rechtsverteidigers jene Stelle im System, auf der Nagelsmann den größten Handlungsbedarf sehen dürfte. Sabitzer könnte als Alternative zu Joshua Kimmich und Leon Goretzka den Maschinenraum des Spiels entlasten. Kohle schaufeln, wenn Kimmichs Muskeln beispielsweise nach einem Champions-League-Trip zum FC Barcelona etwas Ruhe benötigen.
Nagelsmanns guter Bekannter Sabitzer fügt sich blendend in ein Mosaik, das Münchens neuer Trainer nach einer etwas rumpeligen Einspielphase gerade mit vielen erwartbaren und einigen überraschenden Fragmenten zusammenfügt. Dass Robert Lewandowski auch unter Nagelsmann imstande ist, drei Tore gegen eine Elf der Hertha zu erzielen, die am Samstag eher desertierte als exerzierte: geschenkt.

Bundesliga:Spektakel in Stuttgart - Augsburg schlägt sich selbst
Der SC Freiburg gewinnt ein turbulentes Spiel beim VfB, der FCA erzielt zwei formschöne Eigentore. In Köln erkennt man einen Ansatz von Euphorie, bei der Eintracht zieht der Blues ein. Das Wichtigste zum Spieltag.
Wobei der Verhaltensbiologe Thomas Müller mit einigem Recht hervorhob, dass der offiziell zum weltbesten Spieler gewählte Pole offenbar eine neue Evolutionsstufe erreicht hat. "Weil er auf einmal Bälle im Strafraum für einen besser Postierten sogar durchlässt" sagte Müller -, in Anspielung auf seinen frühen Treffer zum 1:0. Durchlassen werde ja nicht mal als Vorlage gewertet. Lewandowskis Torhunger und sein taktisches Verständnis, vor allem seine Vielseitigkeit beim Abschluss, mache ihn zum "Top of the Top", lobte Nagelsmann in Anlehnung an die an der Säbener Straße noch immer beliebten Superlative Pep Guardiolas.
In all jenen Mannschaftsteilen, in denen er keinen Weltfußballer zur Verfügung hat und ihn die Klubführung zur inneren Zufriedenheit trotz Sparsamkeit angeleint hat, wird der Trainer zunehmend kreativ. Dass der 18-jährige Flügelspieler Jamal Musiala gegen Hertha in der Startelf stand und das nächste berauschende Spiel mit einem herrlichen Treffer zum 3:0 garnierte, ist ja keine Selbstverständlichkeit.
Wenn jetzt noch der 21-jährige Rechtsverteidiger Josip Stanisic aus dem hauseigenen Nachwuchs ähnlich zaubern würde, es gäbe in Anbetracht des Anflugs von Sabitzer kaum noch Zweifel an Nagelsmanns Triumphmarsch zur zehnten Meisterschaft der Bayern in Serie.
Wie hatte der Trainer vor einigen Wochen noch gleich versprochen? "Ich werde jetzt nicht einen VW T6 mieten, um im Schlepptau noch den ein oder anderen guten Spieler von Leipzig dabei zu haben." Und einen T6 hat er ja wirklich nicht gemietet.

