FC Bayern gegen Hertha BSC:Oh, wie schön ist Gegenpressing!

Lesezeit: 4 min

FC Bayern gegen Hertha BSC: Eine Situation, wie sie Julian Nagelsmann gefällt: Serge Gnabry (links) kommt knapp nicht an den Ball, Thomas Müller ist schon da.

Eine Situation, wie sie Julian Nagelsmann gefällt: Serge Gnabry (links) kommt knapp nicht an den Ball, Thomas Müller ist schon da.

(Foto: Sebastian Räppold/Matthias Koch/imago)

Nach dem souveränen 4:1 in Berlin hält Bayern-Trainer Julian Nagelsmann eine Lobrede auf die Vorwärtsverteidigung - und erklärt nebenbei das Erfolgsgeheimnis seiner Mannschaft.

Von Claudio Catuogno, Berlin

Es gibt auch Laufwege, für die sich Julian Nagelsmann überhaupt nicht interessiert. Zum Beispiel die Laufwege zwischen Trainingsgelände, Flughafen und Stadion. Nagelsmann schaut dann nur, "dass ich meinen Koffer dabeihab", dann steigt er "halt in 'n Bus ein, dann steig ich da wieder aus, wo er anhält, dann steig ich in 'n Flieger". Dann steht da nach der Landung wieder ein Bus, "dann sagt der Busfahrer irgendwann, jetzt aussteigen, Julian, wir sind da. Und dann steig ich aus."

Jenseits des Rasens macht den Matchplan jemand anderes, damit kann der Bayern-Trainer Nagelsmann, 34, sehr gut leben.

Dass sich viele in der Hauptstadt rund um das Ligaspiel der Bayern am Sonntagabend bei Hertha BSC mehr für ihre Flugroute als für ihren 4:1 (2:0)-Sieg interessiert haben, das hat Nagelsmann mitbekommen - weil er danach gefragt worden ist. Warum fliegen die Bayern nicht zum BER, sondern mit Propellermaschinen nach Schönhagen in Brandenburg?

Aus Angst, am planlosen Groß-Airport wieder eine Nacht im Flieger zu verbringen wie damals, auf dem Weg zur Klub-WM nach Katar? Aber: "Da muss ich Sie enttäuschen, das sind Dinge, die interessieren mich überhaupt nicht", sagte Nagelsmann nach dem Spiel. Allerdings schob er dann doch noch eine seiner Geschichtchen hinterher: "Ich habe gemerkt, dass wir einen relativ kleinen Flughafen angeflogen haben, dass der Pilot scharf gebremst hat, da hab' ich schon gedacht: Haben die die Rollbahn verkürzt?"

Dass der Instinktrhetoriker Julian Nagelsmann sein Publikum auch mit Themen fesseln kann, die ihn nicht interessieren - dafür hat es zuletzt mehr Anlässe gegeben, als ihm recht sein konnte. Mal war seine Meinung zum Thema Impfskepsis gefragt, mal zu medizinischen Details der Lunge, mal funkte Nagelsmann selbst mit Corona infiziert aus seiner Küche. Zum Thema Katar sagte er auch was. Und wenn die Worte dann aus ihm herausfließen, deutet meist ein Blitzen in den Augen an, dass sich wieder irgendwo in der linken Gehirnhälfte eine Pointe ihren Weg bahnt, die er sich nicht entgehen lassen wird. Am Montag dann also die Bild-Schlagzeile: "Nagelsmann: Da dachte ich schon, haben die die Rollbahn verkürzt? Der total verrückte Bayern-Flug".

Nagelsmann sagt, die erste Halbzeit sei noch "einen Tick stärker als im Hinspiel gewesen" - und das war "die vielleicht beste der Saison"

Man muss beim öffentlichen Nagelsmann manchmal ein paar Schichten beiseiteschieben, ehe man beim Kern dessen angelangt ist, was ihn rund um die Uhr beschäftigt: Fußball. Dieses Beiseiteschieben war aber lange nicht mehr so schnell erledigt wie am Sonntagabend in Berlin. Schon unter der Woche hatte der Bayern-Trainer eine fast kindliche Freude ausgestrahlt, dass jetzt ein paar konzentrierte Trainingstage möglich sind, dass all das erst mal hinter ihm liegt: Impf-Theater, Katar-Theater, Corona-Theater. Der Flughafen? Nun ja.

Die Kurzversion des 4:1-Erfolgs in Berlin ging folgendermaßen: In einigen der letzten Spiele war Nagelsmann nicht zufrieden gewesen mit dem Gegenpressing - also dem Anlaufen und Attackieren der Gegenspieler, gleich nachdem diese den Ball erobert haben. Es hätte da eine Menge Ausreden gegeben, etwa dass Nagelsmann einen 16-jährigen Herrn Wanner und einen 19-jährigen Herrn Tillman aufstellen musste, aber Ausreden sind nicht seine Sache, Unzufriedenheit schon. Und nun? Nun waren fast alle Stammspieler nach dem jüngsten Corona-Ausbruch wieder zurück, auch Leroy Sané, Kingsley Coman und Lucas Hernández standen wieder von Beginn an auf dem Rasen. Und dort hatten sie offenbar einen klaren Auftrag: Zeigt! Mir! Gegenpressing!

FC Bayern gegen Hertha BSC: Sehr zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft: Julian Nagelsmann, hier mit Co-Trainer Dino Toppmöller und Sportvorstand Hasan Salihamidzic.

Sehr zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft: Julian Nagelsmann, hier mit Co-Trainer Dino Toppmöller und Sportvorstand Hasan Salihamidzic.

(Foto: Nordphoto/imago)

Hinterher saß Julian Nagelsmann dann in den Katakomben des Olympiastadions und sagte: "Ich bin sehr zufrieden mit dem Spiel." Die erste Halbzeit sei noch mal "einen Tick stärker als im Hinspiel" gewesen, und da war sie schon "die vielleicht beste der Saison". Was ihm gefallen hatte: "Unsere Spieler waren im Gegenpressing extrem scharf." Und wenn man später seine Spieler reden hörte, klangen sie wie beflissene Schüler, die all das richtig machen wollten, was der Lehrer mit ihnen besprochen hatte.

Manuel Neuer: "Für uns war klar, dass wir vorne draufgehen."

Joshua Kimmich: "Wir wollten unser Augenmerk auf das Gegenpressing legen. Das war gut heute, daher hatten wir viele hohe Ballgewinne." Thomas Müller: "Wir haben uns auf das Spiel gefreut, weil wir wussten, was wir heute vorhatten. Das Gegenpressing war in der ersten Halbzeit noch etwas besser, da haben wir fast gar nichts zugelassen. Wir haben Berlin von Beginn an eingeschnürt. Ein sehr schöner Fußballnachmittag."

Oh, wie schön ist Gegenpressing!

Nagelsmann hat auf Nachfrage ausführlich darüber gesprochen, wie man das als Trainer hinkriegt, eine Mannschaft aus erwiesenen Feinfüßen ständig mit dem Messer zwischen den Zähnen auf die Gegenspieler zu hetzen: "a) muss man es trainieren", sagte er, "b) brauchst du Spieler, die Bock dazu haben, und c) ist es schon so: Wenn man sieht, wie hoch unsere Ballbesitzphasen in der ganzen Saison sind, dann bleiben oft nur wenige Minuten Nettospielzeit, in denen wir verteidigen müssen." Heißt: Gegenpressing kostet zwar Kraft, spart aber noch viel mehr. Denn wenn man es schleifen lässt, "werden die Wege viel, viel länger, als wenn du diese fünf, sechs, sieben Sekunden nach gegnerischem Ballgewinn schnell und aktiv machst".

Laut Statistik ist der FC Bayern die Elf mit den meisten hohen Ballgewinnen in Europa

Neben der Ballbesitz-Nettospielzeit-Analyse hat Nagelsmann als Beleg sogar noch eine zweite Statistik zur Hand: "Wir sind in Europa die Mannschaft mit den meisten hohen Ballgewinnen", sagte er in Berlin, "das vergisst man manchmal, wenn man Bayern München hört, dass wir einfach sehr, sehr gut verteidigen in der gegnerischen Hälfte."

Und ausgehend von dieser Kompromisslosigkeit in den entscheidenden Momenten schien sich der Rest auch wieder mit großer Selbstverständlichkeit zu fügen. Am Ende hielten mal Corentin Tolisso den Kopf (25.) und mal Müller den Fuß (45.) hin, mal nutzte Sané einen Patzer des Hertha-Keepers Alexander Schwolow (75.), schließlich bediente der eindrucksvoll agierende Kimmich Serge Gnabry für den Siegtreffer (79.). Mühelos, wie nebenbei scheinen die Bayern ihre Gegner zu dominieren, aber ein großer Teil der Arbeit wird halt in den paar Sekunden verrichtet, in denen sie mal nicht den Ball haben.

4:1 in Berlin, weiter sechs Punkte Abstand auf Dortmund - haben sie jetzt also wirklich gar keine Sorgen mehr? Da war wieder dieses Blitzen in Nagelsmanns Augen, ein Wort wollte er noch platzieren. Sein Co-Trainer Xaver Zembrod habe eine "Seitenstrang-Angina", berichtete er, und dann noch mehr Blitzen: "Sieht aus wie Bryan Adams, aber spricht wie Rod Stewart."

So wusste man am Ende des Abends auch noch dies: Julian Nagelsmann interessiert sich wirklich nicht die Bohne für Musik!

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