Bayern-Gegner Greuther Fürth:Ein anderes Kaliber als Barcelona

17.09.2021 - Fussball - Saison 2021 2022 - 1. Fussball - Bundesliga - 05. Spieltag: Hertha BSC Berlin - SpVgg Greuther

Es blieb nur warmer Applaus: Kapitän Branimir Hrgota hatte die Spielvereinigung gegen die Hertha in Führung gebracht, am Ende stand der Aufsteiger wieder mit leeren Händen da.

(Foto: Sportfoto Zink/imago)

Schon in der zweiten Liga war Greuther Fürth ein kleiner Verein - jetzt kommt der FC Bayern zu Besuch. Der Aufsteiger will mutig sein, denn: "Alles andere bringt ja eh nichts."

Von Thomas Gröbner

Lange blieb der Fürther Laubenweg von den großen Fährnissen des globalen Fußballs verschont, man ließ sich in Franken nicht beeindrucken von Superliga-Diskussionen, 100-Millionen-Deals oder den aktuellen Lewandowski-Rekorden. Aber jetzt schaut der Weltfußball doch vorbei am beschaulichsten globalen Fußballstandort der Bundesliga.

Trainer Stefan Leitl hatte die Internationalisierungswochen bei der Spielvereinigung eingeläutet, als er mit einem Augenzwinkern im Kicker verkündete: "Wir sind natürlich ein anderes Kaliber als der FC Barcelona." So zahm wie die Katalanen in der Champions League wollen sich die Fürther also nicht ergeben, wenn der FC Bayern am Freitag mit dem Bus anrollt, mit Robert Lewandowski, der den nächsten Gerd-Müller-Rekord brechen könnte und auch im 16. Bundesliga-Spiele in Folge treffen.

"Horch amol", oder wie es jetzt dann heißt: "现在听"

Und dann tauchten neben dem Weltfußballer Lewandowski auch noch die Asiaten auf. Mit einem Konzern, der den durchaus schlachtruftauglichen Namen "Hua Ti Hui" trägt, wollen die Fürther eine "globale Präsenz aufbauen", wie der Verein verlauten ließ. Der philippinische Konzern war zuletzt auch bei Manchester United, Lille und Wolfsburg eingestiegen. Hua Ti Hui soll die Bundesliga und das Kleeblatt in die letzten Winkel des asiatischen Markts tragen, so die Idee, "horch amol", oder wie es dann heißt: "现在听". Bloß: Welchen Fußball werden sie dann sehen, in Manila und Peking und Hilpoltstein?

Denn es wirkt mitunter, als hätten die Franken noch nicht zu ihrem Spiel gefunden in dieser Saison. Die Fürther haben den Kader umgerüstet im laufenden Betrieb, mit Cedric Itten liehen sich die Franken einen wuchtigen 1,89-Meter-Mann von den Glasgow Rangers aus. Der Schweizer soll als Prellbock in vorderster Front die Bälle auf die nachrückenden Branimir Hrgota und Havard Nielsen ablegen. Aus flachem Kurzpassspiel ist jetzt häufig ein Kurzspaßspiel geworden: Hoch hinauf fliegt der Ball, oft genug ist er dann auch wieder weg. Aufgestiegen sind die Fürther mit einem anderen Stil: Der lange Ball war verpönt, mit gepflegten Stafetten und tiefen Läufen der Außenverteidiger pflügten sie durch Liga zwei.

"Vielleicht müssen wir wieder lernen, das ein oder andere Spiel zu verlieren", glaubt Leitl. Das Gefühl hatte man in den Vergangenheit ja fast vergessen, so selten waren die Pleiten in der zweiten Liga. Die zum Teil deftigen Niederlagen in der Bundesliga kratzen nun offensichtlich am Nervenkostüm. Der niederländische Verteidiger Justin Hoogma, aus Hoffenheim gekommen, wurde nach den ersten drei Ligaspielen (1:5 gegen Stuttgart, 1:1 gegen Bielefeld, 0:3 gegen Mainz) auf die Tribüne gesetzt; um ihn zu schützen, wie Stefan Leitl den Fürther Nachrichten sagte: "Er nimmt es sich sehr zu Herzen, wenn Dinge nicht so laufen, wie er es sich vorstellt."

Man müsse "mutig sein, alles andere bringt ja eh nichts", sagt Trainer Leitl

Die Euphorie des Aufstiegs scheint beim Tabellenschlusslicht gedämpft, gegen Wolfsburg war das kleinste Stadion der Liga nicht einmal ausverkauft - nur 8740 Zuschauer kamen, rund 3000 mehr wären erlaubt gewesen. 2012, als die Münchner zuletzt in Fürth vorfuhren, wedelte die bayerische Politprominenz mit grünen Schals zum Bundesliga-Auftakt, es wurde in den Garageneinfahrten rund um den Ronhof gegrillt, vieles schien möglich zu sein. Damals setzte es ein 0:3, ohne einen Heimsieg ging es zurück in Liga zwei. Und dieses Mal? "Es gab immer schon Überraschungen, warum soll das Freitag nicht passieren?", fragt Leitl. Was soll er angesichts der augenscheinlichen Übermacht aus München auch sonst sagen?

Wenn die Bayern zu Besuch kommen, wird noch einmal deutlich, wie weit die Spitzenklubs dem Aufsteiger, der schon in der zweiten Liga ein kleiner Verein war, enteilt sind. 17,5 Millionen Euro beträgt der Fürther Etat, das dürfte der ein oder andere Top-Spieler in der Liga als Jahresgehalt einstreichen. Trotzdem sei die Spielvereinigung im selben Wettbewerb, "wir haben diese Bundesliga nicht geschenkt bekommen", sagt Leitl häufig. Gegen Bayern, die nun offenbar doch mit den angeschlagenen Serge Gnabry und Jamal Musiala antreten können, müsse man "mutig sein, alles andere bringt ja eh nichts".

Der Trainer muss es wissen, grünes und rotes Blut fließe durch seine Adern, meinte Leitl einmal, natürlich im übertragenen Sinne: Seine ganze Jugend verbrachte er an der Säbener Straße, elf Jahre spielte Leitl bei den Bayern. Der gebürtige Münchner bekam nach der A-Jugend sogar einen Profivertrag, der aber nach zwei Jahren ohne Einsatz aufgelöst wurde. Alles Vergangenheit, zumindest für den Moment. "Am Freitag zählt das nicht mehr."

Der Trainer ist nicht der einzige mit einer roten Vergangenheit: Bayern-Leihgabe Adrian Fein etwa ist als Wunschspieler nach Fürth gekommen, aber stand erst 22 Minuten auf dem Platz. "Ich erwarte eine deutliche Leistungssteigerung von ihm", gerade das Defensiv-Verhalten missfällt dem Trainer. Auch Julian Green, unter Pep Guardiola und Carlo Ancelotti bei den Münchnern aktiv gewesen, durfte gegen die Hertha nur zuschauen. Leitl hat seine Aufstiegsmannschaft umgekrempelt, fünf Zugänge standen da in der Startelf, nach Führung reichte es trotzdem nur zu einer 1:2-Niederlage. Vor dem Spiel gegen den Rekordmeister fiel Leitl dann noch ein Mutmacher ein: "Es ist noch keine Mannschaft am sechsten Spieltag abgestiegen."

© SZ/klef/tbr
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