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FC Bayern:Gegen die Langeweile

"Bei mir wird es keine Kompromisse geben": Schon bei der Vorstellung von Andrea Trinchieri wird klar, warum ihn der FC Bayern als Trainer holte. Der Italiener steht für leidenschaftlichen und attraktiven Basketball.

Von Ralf Tögel

Da saß er nun, der neue Trainer der Basketballer des FC Bayern München, und sprach: "Eines möchte ich nie sein: langweilig." Das letzte Wort sagte der Italiener Andrea Trinchieri auf deutsch, so als wollte er sicherstellen, dass es auch alle verstehen. Und dieser erste launige Auftritt in Diensten der "Marke FC Bayern", wie der 52-Jährige seinen neuen Arbeitgeber bezeichnete, gab schon mal einen Vorgeschmack darauf, wie es mit diesem Trainer sicher nie sein wird: langweilig.

Neben Trinchieri waren Sportdirektor Daniele Baiesi und Geschäftsführer Marko Pesic gekommen, um den Königstransfer zu erklären. Somit saß eine der spannenden Fragen, die sich aufwerfen werden, praktisch leibhaftig auf dem Podest: Wie werden diese drei Alphatiere miteinander harmonieren, wer wird sich wann und wie unterordnen? Neben dem bestens vernetzten ehemaligen Nationalspieler Pesic wirkt nun das kongeniale Duo Baiesi/Trinchieri, das bereits in Bamberg die Basketball-Bundesliga (BBL) beherrschte. Wo sie sich im Übrigen so überwarfen, dass Baiesi weichen musste - und zum FCB wechselte. Neben drei Titeln in Serie und einem Pokalsieg war es vor allem das schnelle und schöne Kombinationsspiel der Bamberger, das in Erinnerung geblieben ist. Und genau das soll Trinchieri nun auf den Münchner Hallenboden transplantieren; dieser Trainer stehe für jenen leidenschaftlichen und attraktiven Basketball, der die Fans begeistert und bei den Bayern vermisst wurde, sagte Pesic. Trinchieri habe bei seinen Trainerstationen im russischen Kasan, dann in Bamberg und zuletzt bei Partizan Belgrad immer 100 Prozent Leistung aus der Mannschaft herausgeholt, erklärte Pesic, warum er den Italiener als seinen Wunschtrainer bezeichnet. Vor allem die blutleeren Auftritte beim Finalturnier in heimischer Halle sind dem Geschäftsführer in unguter Erinnerung, als seine prominent besetzte Auswahl dem vorzeitigen Ende im Viertelfinale emotionslos entgegentaumelte.

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Soll die Basketballer des FC Bayern zurück an die Spitze führen: der neue Trainer Andrea Trinchieri.

(Foto: Aleksandar Djorovic/imago)

In der Tat könnte Trinchieri genau der richtige Mann für diese Aufgabe sein, denn der impulsive Südländer hat aus seinen Auswahlen bisher immer das Maximum herausgekitzelt - wobei er auch vor einer bisweilen robusten Arbeitsweise nicht zurückschreckte. Zuletzt gelang ihm das in Belgrad, wovon sich Pesic am Ort überzeugt habe und dabei genau das sah, was er in seiner Halle vermisste. Dann ging es schnell, nach drei, vier Gesprächen habe man festgestellt, dass Trinchieri der ideale Partner sei, die Mannschaft zu reanimieren und den Klub in eine rosige Zukunft zu führen. Trinchieri sprach von einer "riesigen Herausforderung". Pesic hatte kürzlich im Gespräch mit der SZ an jenen Dreijahresplan erinnert, der die Münchner rechtzeitig zur Fertigstellung der neuen Multifunktionshalle im Olympiapark 2022 in die europäischen Spitze führen soll. Dem freilich widerspricht, dass der Vertrag mit Trinchieri vorerst nur für ein Jahr geschlossen wurde. Der FCB-Geschäftsführer machte kein Hehl daraus, dass er den Coach gerne länger als nur eine Spielzeit gebunden hätte.

Trinchieri erinnerte diesbezüglich an die Unwägbarkeiten in diesen Zeiten der Pandemie, befand aber in kleinerer Gruppe nach der offiziellen Pressekonferenz, dass dies für ihn eine untergeordnete Rolle spiele und er sich niemals drängen lasse. Er sagte aber auch: "Das ist nicht ein Schritt, sondern der erste." Zunächst gelte es ohnehin, den bereits vorhandenen Akteuren seine Philosophie näherzubringen, die auf athletischen und flexibel einsetzbaren Spielern basiert. Grundlage für seinen attraktiven Spielstil, wofür auch die "Chemie in der Mannschaft sehr wichtig" sei. Als nicht förderlich sah er die Weggänge der beiden deutschen Nationalspieler Maodo Lo und Danilo Barthel an: Lo hatte sich auch aus familiären Gründen für eine Rückkehr in seine Heimatstadt Berlin entschieden und den auslaufenden Vertrag nicht verlängert, Barthel eine hoch dotierte Offerte von Fenerbahce Istanbul angenommen. Mit derlei Angeboten, es werden 1,8 Millionen Dollar für zwei Jahre kolportiert, "können und wollen wir nicht mithalten", erklärte Pesic.

Mit Bauermann und Pesic

Die Trainer der FC-Bayern-Basketballer seit 2010

Dirk Bauermann 7/2010 - 9/2012

Yannis Christopoulos 9/2012 - 11/2012

Svetislav Pesic 11/2012 - 8/2016

Sasa Djordjevic 8/2016 - 3/2018

Dejan Radonjic 4/2018 - 1/2020

Oliver Kostic 1/2020 - 6/2020

Andrea Trinchieri ab 7/2020

Aus dieser Not will der neue Trainer nun eine Tugend machen, er gedenke "eine Nische zu finden" und Spieler mit Entwicklungspotenzial zu holen. Frisches Blut würde dem Kader ohnehin nicht schaden, glaubt der Coach, zudem sei wichtig, "klare Ziele" zu formulieren, und ebenso klar darzustellen, wie man diese erreichen wolle. Die dafür noch benötigten Spieler dürften zeitnah vorgestellt werden. "Namen gibt es von mir nicht", stellte Trinchieri klar, aber er könne zu 100 Prozent versprechen, dass "wir deutsche Spieler haben werden, die uns viel Energie geben werden". Deren sechs sind nach den BBL-Statuten vorgeschrieben, weshalb die Weggänge von Lo und Barthel schwer wiegen. Ist der Kader nach Trinchieris Vorstellungen gebaut, "gibt es keine Kompromisse mehr"; das unterstrich der impulsive Italiener. Er erwarte, dass ihm jeder Akteur zu einhundert Prozent auf seinem Weg folge.

Zu den Defiziten der abgelaufenen Saison wollte er sich aus Respekt vor den handelnden Personen nicht äußern, gab aber zu, dass man "aus einem Loch klettern muss". In kleinen Schritten, wie er anfügte, denn "wir wurden von mehreren deutschen Klubs geschlagen". Vor allem Double-Gewinner Alba Berlin sei der Kontrahent, den es zu bezwingen gelte: "Sie haben eine große Saison gespielt und uns einen wichtigen Spieler abgeworben. Wir wollen aber Teams wie Oldenburg und Ludwigsburg nicht vergessen."

Dann sandte Pesic noch eine Botschaft an die Konkurrenz: "Wir sind kein Champion mehr, aber wir wollen wieder einer werden. Dafür werden wir attackieren."

© SZ vom 26.07.2020

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