bedeckt München

Fußballerinnen des FC Bayern:40:1 Tore - und die Chancenverwertung ist ausbaufähig

Lina Magull (FC Bayern Muenchen) im Zweikampf mit Doerthe Hoppius (SC Sand) und Dina Blagojevic (SC Sand), GER, SC Sand

"Jede weiß, sie kann sich auf die andere verlassen. Das überträgt sich auch auf den Platz": Lina Magull, Kapitänin des FC Bayern, hier beim 8:0 gegen den SC Sand am Ball.

(Foto: Memmler/Eibner/imago)

Dem FC Bayern fehlen etliche Spielerinnen, trotzdem dominiert das Team die Bundesliga. Das Geheimnis: eine besonders verschworene Gemeinschaft.

Von Anna Dreher

Klara Bühl wollte keine Zeit verplempern. Also zog sie aus 18 Metern mit all ihrer Kraft ab. Der Ball knallte an die Lattenunterseite und sprang dann zum 1:0 ins Netz. Sechs Minuten waren da gerade gespielt. Als nächstes köpfelte Michaela Brandenburg vom SC Sand nach einer knappen halben Stunde einen Eckball derart ungeschickt - oder geschickt, je nach Sichtweise - nach hinten weg, dass er zum Eigentor über die Linie flog. Sydney Lohmann traf dann erst mit dem Kopf (41. Minute), später lenkte sie den Ball mit einer minimalen Fußbewegung noch in die gewünschte Richtung, kurz bevor er am Pfosten vorbeigerollt wäre (86.). Marina Hegering (53.), Lea Schüller (58.), Linda Dallmann (65.) und Simone Laudehr (84.) waren ebenfalls erfolgreich. Und so ist dieses sportliche Jahr für die Fußballerinnen des FC Bayern München am Sonntag zu Ende gegangen, wie diese Saison begonnen hatte: mit einem Ausrufezeichen.

Nach dem 8:0 (3:0) gegen den SC Sand - beim Ligastart hatte der FC Bayern gegen denselben Gegner 6:0 gewonnen - stand das Team Arm in Arm auf dem Platz in einem Kreis zusammen. Auch die Sportliche Leiterin Bianca Rech und Managerin Karin Danner waren nach Baden-Württemberg gereist. Und nach dem ersten großen Freudentaumel, nachdem Carina Wenninger von Hanna Glas und Amanda Ilestedt in die Luft geworfen wurde, weil sie nun als dienstälteste Fußballerin 200 Partien für diesen Verein absolviert hat, sprach Danner zur Mannschaft. Manch eine Spielerin nickte dabei, andere lächelten und es darf angenommen werden, dass sie das nicht allein aus Höflichkeit taten. Es sind gerade einfach alle sehr zufrieden.

Die Dominanz der Münchnerinnen wirkt nicht so, als wäre sie einfach zu durchbrechen

Die Hinrunde der Bundesliga haben die Münchnerinnen als ungeschlagener Tabellenführer mit fünf Punkten Vorsprung auf den Dauerrivalen und Doublesieger VfL Wolfsburg abgeschlossen. Nach dem Rückrunden-Auftakt in Sand hat sich an dieser Konstellation nichts verändert. Hinzu kommen die Partien im DFB-Pokal und in der Champions League, das macht 15 Spiele ohne Niederlage. Die Ausstrahlung, Disziplin und Dynamik, die sie dabei gezeigt haben, ergeben eine Dominanz, die nicht gerade einfach zu durchbrechen erscheint - auch nicht von der bevorstehenden Winterpause. Aber bevor hier nun eine Spielerin allein Ansätze zeigt, abzuheben, beugt Jens Scheuer lieber vor. "Für mich ist das wirklich nur eine Momentaufnahme", betont der Trainer. "Wir können stolz sein. Aber wir wissen auch, dass es jetzt eine gute Vorbereitung braucht und keine Verletzungen mehr geben darf, damit wir an unsere Leistung anknüpfen können."

Um die Belastung zu verteilen, erhielten zuletzt auch Julia Pollak, Gia Corley oder Cinzia Zehnder aus der zweiten Mannschaft Einsatzzeit. Sogar in der Champions League durfte manch auf diesem Niveau noch unerfahrenes Talent ran. "Wir haben viele junge Spielerinnen", sagt Scheuer. "Aber ich habe den Eindruck, alle sind schon sehr erwachsen, sehr reif geworden als Fußballerinnen." Unter den Etablierten kann er ohnehin relativ sorgenfrei wechseln. Beinahe gerät bei der Variabilität des Kaders ja in Vergessenheit, dass seit geraumer Zeit durchaus wichtige Spielerinnen fehlen: In der Offensive Giulia Gwinn und Jovana Damnjanovic, die beide nach Kreuzbandrissen individuell trainieren, sowie Viviane Asseyi (Sprunggelenks-OP). In der Defensive muss auf Ruhepol Kristin Demann verzichtet werden, die am Knie operiert wurde.

Die Chancenverwertung ist bisweilen ausbaufähig - auch wenn die Bilanz von 40:1 Toren das nicht vermuten lässt

Weil das nächste halbe Fußballjahr im Idealfall ein intensives für den FC Bayern wird, will Scheuer mit dem Vorbereitungsstart am 11. Januar vor allem an der Physis arbeiten, Spielabläufe festigen und die Abschlussstärke verbessern. Die Chancenverwertung ist bisweilen ausbaufähig, auch wenn die Bilanz von 40:1 Toren das nicht vermuten lässt. Bei all den fußballerischen Verfeinerungen - um den Zusammenhalt der Mannschaft muss sich der 42-Jährige jedenfalls gerade keine Sorgen machen: "Unser Team ist eine echte Einheit, wir spüren, dass wir richtig zusammengewachsen sind. Und jeder weitere Erfolg trägt uns natürlich weiter."

Der Nährboden für dieses Zusammenwachsen und damit für das überaus erfolgreiche Halbjahr war wohl eine Teammaßnahme im Sommer in Tirol. Als sich alle intensiv miteinander auseinandersetzten und sich eine Art Kodex zur Orientierung auf und abseits des Platzes erarbeiteten, der Offenheit und Ehrlichkeit zu maßgeblichen Verhaltensgrundlagen gemacht hat. Dabei ist es offensichtlich gelungen, aus einem clever zusammengestellten Kader eine verschworene Gemeinschaft zu formen.

"Jede weiß, sie kann sich auf die andere verlassen. Das überträgt sich auch auf den Platz", sagt Kapitänin Lina Magull. "Es geht allen wirklich um den Team-Erfolg. Jeglicher Egoismus rückt weit nach hinten und es kratzt auch nicht am Ego, wenn eine mal auf der Bank sitzt. Das ist nicht selbstverständlich." Und Scheuer erzählt: "Vor der Saison habe ich gesagt: Erfolg tut individuell auch mal weh, weil man durchaus zurückstecken muss, damit ein Team funktioniert. Aber wir versuchen, das als Chance zu sehen und jede kann sich ja immer wieder beweisen."

Wie fest der Zusammenhalt der Fußballerinnen des FC Bayern ist, wenn es mal nicht so gut läuft, muss sich freilich erst zeigen. Die große Herausforderung liegt ja meist in der erfolgreichen Bewältigung einer Krise - aber vielleicht kommt so schnell gar keine.

© SZ/lein/tbr
Zur SZ-Startseite
29th August 2020; Wembley Stadium, London, England; Community Shield Womens Final, Chelsea versus Manchester City; Ann-K

Fußball
:Die späte Chance von Ann-Kathrin Berger

In der EM-Qualifikation gegen Irland soll Torhüterin Ann-Katrin Berger ihr Debüt in der deutschen Nationalmannschaft geben - mit 30 Jahren und nach einer Krebserkrankung.

Von Anna Dreher

Lesen Sie mehr zum Thema