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Interview am Morgen: Fans und Geisterspiele:"Man merkt, dass gerade etwas verloren geht"

FC Bayern München - FC Barcelona

Leere Sitzschalen in der Münchner Arena - ein Bild, an das sich Fans nicht gewöhnen können.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Der FC Bayern erlebt die erfolgreichste Zeit der Klubgeschichte - aber niemand ist da. Alexander Fischer ist Bayern-Anhänger, er beschreibt die Gefühlslage der Fans und warum Bayern- und BVB-Fans ein gemeinsames Statement setzen.

Interview von Martin Schneider

Der FC Bayern München erlebt gerade, statistisch gesehen, die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte und hält alle sechs möglichen Klubtitel (Meisterschaft, DFB-Pokal, Champions League, nationaler und europäischer Supercup sowie Weltpokal). Fans dürfen dabei aber nicht im Stadion sein. Alexander Fischer, 34, ist Sprecher des Club Nr.12, einem Dachverband und Zusammenschluss von Fanklubs und aktiven Bayern-Fans.

SZ: Herr Fischer, der FC Bayern gewinnt so viele Titel wie noch nie und Sie als Fans dürfen nicht im Stadion sein. Wie geht es Ihnen dabei?

Alex Fischer: Es ist immer noch sehr bitter, dass man nicht vor Ort sein kann. Für uns aktive Fans war der Fußball ein großer Lebensinhalt, vor allem das Zusammensein, das Anfeuern, das Gemeinschaftserlebnis. All das fällt weg und auch nach 13, 14 Monaten fühlt es sich immer noch komplett surreal an.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Schauen Sie denn die Spiele?

Ich schaue ab und an die Sportschau, hin und wieder ein Spiel der Amateure (Bayern II in der 3. Liga, Anm.) - aber das war's auch schon. Von anderen Fans höre ich, dass es manche nebenbei schauen, manche schauen es auch gar nicht. Daran merkt man schon, dass da gerade was verloren geht.

Hat man sich mittlerweile nicht irgendwie an die Geisterspiele gewöhnt?

Absolut nicht.

Auf der anderen Seite führt der Geisterspielbetrieb aber zum Erhalt des Profifußballs.

Ein schwieriges Thema. Ich verstehe es, wenn der Fußball als Wirtschaftsunternehmen argumentiert, dass er sich selbst retten muss. Das ist auch unbestritten der Job der Verantwortlichen. Dass die Regierung dem Fußball aber die Fortsetzung erlaubt und anderen Kulturveranstaltungen wie Kino und Theater gar nicht, passt nicht zusammen.

Hilft es, wenn der eigene Verein gerade in dieser Zeit sehr erfolgreich ist?

Es macht es eher noch schlimmer, weil man oft denkt: Normalerweise wäre man jetzt ja dabei und vor ein paar Monaten hätten wir sogar einen Champions-League-Titel feiern können.

Mancher Funktionär hat gesagt, er befürchte durch die Pandemie eine "Entemotionalisierung" bei den Fans. Teilen Sie die Sorge?

Absolut. Das beobachte ich auch bei einigen Mitgliedern. Da spielt speziell beim FC Bayern natürlich Corona mit rein - aber auch das Thema Katar hat bei vielen zur Entfremdung geführt. Klar ist noch nicht absehbar, wie die Euphorie sein wird, wenn man dann endlich wieder ins Stadion kann. Aber es wird auf jeden Fall was hängen bleiben.

Sind Sie denn eigentlich dafür, dass Fans wieder ins Stadion können?

Angesichts der aktuellen Impfquote halte ich es für einen absoluten Irrsinn, wenn man das machen würde. München ist gerade mit der Frage konfrontiert, ob man bei der Europameisterschaft Zuschauer zulassen sollte. Und wenn man das auf Druck der Uefa (Der Europäische Fußballverband, Anm.) machen würde und danach müssten die Fans weiter draußen bleiben, dann wäre das ein Armutszeugnis für die Stadt. Klar wollen wir als Fans wieder ins Stadion - aber erst dann, wenn es aus pandemischer Sicht zu verantworten ist. Nicht vorher.

Sehen Sie sich im Fanklub gerade gar nicht?

Es gibt immer mal wieder Kontakt, auch wegen karitativer Aktionen. Aber die großen Treffen liegen brach, weil sie natürlich gar nicht erlaubt nicht.

Der Club Nr. 12 hat zusammen mit der BVB-Fanabteilung ein kritisches Statement zur anstehenden Champions-League-Reform verfasst - Bayern und der BVB ist jetzt keine Zusammenarbeit, auf die man sofort kommen würde.

Es gibt auf Bundesebene diverse Arbeitskreise verschiedener Fanorganisationen - zum Beispiel "Unsere Kurve". Und da gab es dann die Idee, dass man sich als Vertreter der beiden größten deutschen Klubs klar positioniert.

Die Reform ist noch nicht beschlossen, sie soll am 19. April bekannt gegeben werden, einige Details sind noch unklar. Aber nach allem, was man weiß, gehören Bayern und Dortmund eher zu den Profiteuren. Warum sind Sie trotzdem dagegen?

Nach den aktuellen Plänen sollen Startplätze an Vereine vergeben werden, die sich nicht sportlich qualifiziert haben (über eine Koeffizientenregelung, Anm.). Das wäre eine Abwertung des sportlichen Wettbewerbs, zudem würden mehr Spiele mehr Belastung für die Spieler bedeuten - da gibt es jetzt schon viele Stimmen, dass das Maximum erreicht ist. Vor allem würde die Reform die Vorherrschaft der führenden zehn, zwölf Vereine in Europa zementieren. Man sieht jetzt schon, dass in vielen Ligen immer die gleichen Mannschaften Meister werden - und mit noch mehr Geld würde das natürlich so bleiben. Man freut sich über den 15. Titel in Serie dann nicht mehr so sehr, der nationale Wettbewerb muss gestärkt werden.

Sie denken als Bayern-Fan, der FC Bayern wird zu oft Meister?

Es ist nicht mehr gesund für den Wettbewerb. Wir können gern zwölf Mal in Serie Meister werden, wenn die Meisterschaft am letzten Spieltag entschieden wird - das ist emotional was ganz anderes, als wenn man ständig absehbar am 30. Spieltag weiß: Die Sache ist durch.

Manche argumentieren, um dem Problem zu entkommen, müsse man eine europäische Super League gründen.

Das kann nicht die Lösung sein, mal davon abgesehen, dass es seit Jahren eher eine Drohkulisse ist, die aufgemacht wird. Eine geschlossene Elite-Liga mit den immer gleichen Gegnern würde die Emotionen töten. Wenn man vier Mal im Jahr gegen Real Madrid spielt, ist es irgendwann nichts Besonderes mehr.

© SZ/ebc
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