Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Es geht ein Riss durch die Mannschaft des FC Bayern

  • Der als Spielerversteher bekannte Carlo Ancelotti scheitert beim FC Bayern auch daran, dass ihn manche Spieler nicht mehr verstanden haben.
  • Auch die Treue zu seinem umstrittenen und rauchenden Fitnesstrainer schien irgendwann fragwürdig.
  • Nun sucht der FC Bayern einen neuen Trainer - jung und deutschsprachig sollte er sein.

Von Claudio Catuogno

Eines wollte auch am Tag nach dem großen Trainerbeben beim FC Bayern niemand bestreiten: dass dieser Carlo Ancelotti schon ein sehr netter Kerl war. Viele gute Gespräche. Und gar nicht nur über Fußball. Man konnte sich wunderbar mit ihm auf ein Glas Wein zusammensetzen, und Ancelottis praktizierte Leidenschaft für Tortellini in brodo war in der Stadt ja schon ausgiebig Thema, ehe der Bauernsohn aus der Emilia Romagna im Sommer 2016 überhaupt seinen Wohnsitz nach München verlegte.

Manchmal wurden es dann übrigens auch zwei Gläser Wein, und zwischendurch noch die ein oder andere Zigarette.

Allerdings waren das auch diese Abende, an denen manchem im Klub zuletzt der Gedanke kam, wie viele Tausend Euro pro gemütlicher Stunde schon wieder auf Ancelottis Konto wanderten, ohne dass er sich im Kern mit Fußball beschäftigt hatte. Und was wohl sein vergleichsweise menschenscheuer Vorgänger Pep Guardiola in diesen Stunden getan hätte. Im Videostudium die Mittelfeldraute von Darmstadt 98 nach Schwächen durchleuchtet? Schon mal auf der Taktiktafel seine Außenverteidiger ein Stück nach innen geschoben, weil das drei Wochen später in der Champions League ein Mittel sein könnte, welches man in der Liga unbedingt vorher mal ausprobieren muss?

"Carlo bleibt mein Freund", so hat sich der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in der Verlautbarung zum Rauswurf am Donnerstag zitieren lassen. Und während es sonst ja üblich ist, dass entlassene Trainer mit grimmiger Miene vom Hof brausen und den Rest die Anwälte regeln, stand Ancelotti am Freitag schon wieder auf dem Balkon oberhalb des Trainingsgeländes. Offenbar bestens gelaunt, im Kreise seiner - ebenfalls freigestellten - italienischen Co- und Fitnesstrainer. Hin und wieder trat einer der Spieler heraus, wenn auch nicht Robben, Ribéry, Müller, Hummels und Boateng. Aber zum Beispiel Thiago Alcantara. Man umarmte sich herzlich. Auf der Rangliste der am warmherzigsten entlassenen Bayerntrainer belegt Ancelotti nun definitiv einen Spitzenplatz. Übrigens schon seinen zweiten in dieser Trennungsgeschichte: So früh in der Saison haben die Bayern noch nie einen Trainer gefeuert. Auch das also eine Premiere.

Das zeigt schon den ganzen Zwiespalt der Bayern-Bosse. Sie mochten ihn, ihren Carlo - aber die Mannschaft sowie ihre ambitionierten Saisonziele mochten sie ihm auf keinen Fall weiter anvertrauen.

Ja, Guardiolas kompromissloser Perfektionismus war ihnen suspekt - aber mit der Zeit fanden sie es auch ein bisschen merkwürdig, dass Ancelotti so wenig Drang verspürte, überhaupt etwas zu perfektionieren. Ja, sie fanden, dass die geradezu altmodische Loyalität Ancelottis zu langjährigen Mitarbeitern gut zu jenen Werten passte, die sie selbst gern mit dem Begriff "Bayernfamilie" verklären. Aber musste der Italiener diese Loyalität wirklich so weit treiben, sein eigenes Schicksal unumstößlich an das seines Fitnesstrainers Giovanni Mauri zu knüpfen? Mauri, das zur Erläuterung, ist ein fitnessmäßig eher nicht so beispielgebender älterer Herr, dem man kürzlich das Rauchen im Kabinentrakt verbieten musste. Seither paffte Mauri dort E-Zigaretten, und die richtigen, die quarzte er nun zwar im Freien. Aber halt auch auf dem Trainingsplatz.

Das größte, am Ende unlösbare Rätsel war aber dieses: wieso Ancelotti, der in seiner an Titeln reichen Karriere immer als großer Umarmer und Spielerversteher galt, den Rückhalt in der Kabine verlor. Nicht bei allen, wie der freundliche Abschied am Freitag auf dem Klubbalkon zeigte. Aber doch so umfassend, dass nun ein Riss durch die Mannschaft geht, zwischen den alten Führungsspielern hier und Ancelottis Lieblingen dort.

Die fünf "feindlichen" Spieler sind leicht zu dechiffrieren

Und was, bitte schön, war das für eine Startaufstellung, mit der Ancelotti seine Elf am Mittwochabend in ein 0:3 bei Paris Saint-Germain laufen ließ - ohne Hummels, ohne Boateng, ohne Ribéry, ohne Robben? War das schon Trotz-Coaching, nach all den enervierenden Trainerdebatten in den Wochen zuvor? Wollte er gar seinen Rauswurf provozieren? Vielleicht, weil es ihn zurück zum AC Mailand zieht, seiner alten Liebe? (Dass der Klub am Freitag beteuerte, in Vincenzo Montella einen ebenso guten Trainer zu haben wie Ancelotti einer ist, muss ja nichts heißen.)

Zumindest diesen unterschwellig präsenten Verdacht hat der Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamidzic am Freitag zurückgewiesen: "Ich glaube nicht, dass Carlo das als Provokation gemacht hat", sagte er, "er war wirklich absolut überzeugt, dass wir mit dieser Aufstellung gewinnen können." So oder so: Harakiri-Coaching war es in jedem Fall.

Noch in Paris, Mittwochnacht um 3.30 Uhr, fiel daher die Entscheidung, ihn zu entlassen - so hat es jedenfalls der Präsident Uli Hoeneß am Donnerstag am Rande eines Vortrags in Siegen erzählt. Begründung: "Der Trainer hat fünf Spieler auf einen Schlag gegen sich gebracht. Das hätte er niemals durchgestanden." Und wie das so ist in diesem Verein, in dem selten alle die gleiche Tonlage pflegen, schob Hoeneß noch eine Bemerkung hinterher, die so gar nicht zu Rummenigges Freundschafts- Beteuerungen passte: "Ich habe in meinem Leben einen Spruch gelernt: Der Feind in deinem Bett ist der gefährlichste - deshalb mussten wir handeln."

Anschlussfrage: Wer ist da jetzt der Feind in wessen Bett? Ziemlich leicht zu dechiffrieren ist zumindest, wer die fünf "feindlichen" Spieler sind: wohl Boateng, Hummels, Robben, Ribéry und Müller. Also jene, die nach dem Renteneintritt von Philipp Lahm und Xabi Alonso das hierarchische Gerüst der Bayern-Elf bilden müssten - wenn Ancelotti denn ein solches aufgebaut hätte. Zur Wahrheit gehört aber ebenfalls, dass zuletzt auch diverse Spieler durch Disziplinlosigkeiten das Klima vergiftet haben: Müller mit öffentlichem Meckern, Ribéry mit Trikotschleudern, Robben und Hummels durch subtil geäußerte Taktikschelte. Dazu der Stürmer Lewandowski mit einem tendenziell schlaumeierischen, vor allem aber vom Klub nicht autorisierten Spiegel-Interview. Jetzt einfach so weiterzumachen, bloß halt ohne Ancelotti, dürfte da nicht viel ändern. Ja, bestätigte auch Salihamidzic am Freitag, man habe "keine gute Stimmung in der Mannschaft".

Womit man bei der Frage angelangt wäre, wie es jetzt weitergeht. Klar ist: Der Interimstrainer Willy Sagnol wird am Sonntag das Spiel bei Hertha BSC verantworten. Dann ist Länderspielpause. Und Hoeneß ist schon mit diesem Plan vorgeprescht: "Wir haben keinen Zeitdruck, aber nach der Pause von zwei Wochen wollen wir eine Lösung haben." Womit Hoeneß vor allem eines erzeugte: Zeitdruck.

Gut also, dass man nicht bei null anfängt.

Zwei Trainer passen ins Profil: Tuchel und Nagelsmann

Rummenigge und Hoeneß mögen sich in vielem nicht einig sein, aber dass sie nun einen jungen deutschen Trainer suchen, der auch ein bisschen akademisch daherkommen darf, ist Konsens. Und im Grunde passen nur zwei Kandidaten in dieses Profil. Julian Nagelsmann, 30, TSG Hoffenheim. Und Thomas Tuchel, 44, zuletzt Borussia Dortmund. Bei Tuchel wäre allerdings die Frage, ob sich die Bayern zutrauen, diesen bekanntermaßen recht komplexen Charakter in ihre ebenfalls komplexen Hierarchiestrukturen zu integrieren.

Sportfachliches, Menschliches, alles kommt jetzt auf den Tisch. Das Letzte, was man von Tuchel öffentlich gehört hat, war zum Beispiel eine Titel-Geschichte im Zeit Magazin Mann: Er hat sich da nachdenklich in New York fotografieren lassen, in zu kurzen Bundfaltenhosen und Designer-Wollmantel, und man kann nicht gänzlich ausschließen, dass sie in München schon wieder Muffensausen kriegen, wenn sie demnächst im Janker beieinandersitzen und durch diese Fotostrecke blättern. Passt der wirklich zu uns? Das letzte, was man von Nagelsmann gehört hat, war am Donnerstagabend ein Wutausbruch nach der Hoffenheimer 1:2-Niederlage in der Europa League gegen Ludogorez Rasgrad. Sowie die Versicherung, sich an den Debatten um die Ancelotti-Nachfolge nicht zu beteiligen. Könnten die Bayern die neun Monate bis zum Saisonende überbrücken, wäre Nagelsmann wohl ihr Favorit. Aber ob man ihn auch früher bekäme? Zumindest sind die Drähte zwischen Hoeneß und dem TSG-Mäzen Dietmar Hopp traditionell gut.

Carlo Ancelotti übrigens hat sich am Donnerstagabend bei Twitter gemeldet: "Es war eine Ehre, Teil der Geschichte der Bayern zu sein. Danke an den Klub, die Spieler und die grandiosen Fans." Sehr anständig war das mal wieder. Und dass sie beim FC Bayern jetzt froh sind, ihn los zu sein, muss ja nicht ausschließen, dass man schon bald mal wieder ein Glas Wein zusammen trinken geht.

Und die Gehaltszahlungen laufen ja auch erst mal weiter.

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Quelle:
SZ vom 30.09.2017/schm
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