FC Bayern Es geht ein Riss durch die Mannschaft des FC Bayern

Äußerte offene Kritik am Ex-Trainer: Thomas Müller.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Der als Spielerversteher bekannte Carlo Ancelotti scheitert beim FC Bayern auch daran, dass ihn manche Spieler nicht mehr verstanden haben.
  • Auch die Treue zu seinem umstrittenen und rauchenden Fitnesstrainer schien irgendwann fragwürdig.
  • Nun sucht der FC Bayern einen neuen Trainer - jung und deutschsprachig sollte er sein.
Von Claudio Catuogno

Eines wollte auch am Tag nach dem großen Trainerbeben beim FC Bayern niemand bestreiten: dass dieser Carlo Ancelotti schon ein sehr netter Kerl war. Viele gute Gespräche. Und gar nicht nur über Fußball. Man konnte sich wunderbar mit ihm auf ein Glas Wein zusammensetzen, und Ancelottis praktizierte Leidenschaft für Tortellini in brodo war in der Stadt ja schon ausgiebig Thema, ehe der Bauernsohn aus der Emilia Romagna im Sommer 2016 überhaupt seinen Wohnsitz nach München verlegte.

Manchmal wurden es dann übrigens auch zwei Gläser Wein, und zwischendurch noch die ein oder andere Zigarette.

Allerdings waren das auch diese Abende, an denen manchem im Klub zuletzt der Gedanke kam, wie viele Tausend Euro pro gemütlicher Stunde schon wieder auf Ancelottis Konto wanderten, ohne dass er sich im Kern mit Fußball beschäftigt hatte. Und was wohl sein vergleichsweise menschenscheuer Vorgänger Pep Guardiola in diesen Stunden getan hätte. Im Videostudium die Mittelfeldraute von Darmstadt 98 nach Schwächen durchleuchtet? Schon mal auf der Taktiktafel seine Außenverteidiger ein Stück nach innen geschoben, weil das drei Wochen später in der Champions League ein Mittel sein könnte, welches man in der Liga unbedingt vorher mal ausprobieren muss?

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"Carlo bleibt mein Freund", so hat sich der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in der Verlautbarung zum Rauswurf am Donnerstag zitieren lassen. Und während es sonst ja üblich ist, dass entlassene Trainer mit grimmiger Miene vom Hof brausen und den Rest die Anwälte regeln, stand Ancelotti am Freitag schon wieder auf dem Balkon oberhalb des Trainingsgeländes. Offenbar bestens gelaunt, im Kreise seiner - ebenfalls freigestellten - italienischen Co- und Fitnesstrainer. Hin und wieder trat einer der Spieler heraus, wenn auch nicht Robben, Ribéry, Müller, Hummels und Boateng. Aber zum Beispiel Thiago Alcantara. Man umarmte sich herzlich. Auf der Rangliste der am warmherzigsten entlassenen Bayerntrainer belegt Ancelotti nun definitiv einen Spitzenplatz. Übrigens schon seinen zweiten in dieser Trennungsgeschichte: So früh in der Saison haben die Bayern noch nie einen Trainer gefeuert. Auch das also eine Premiere.

Das zeigt schon den ganzen Zwiespalt der Bayern-Bosse. Sie mochten ihn, ihren Carlo - aber die Mannschaft sowie ihre ambitionierten Saisonziele mochten sie ihm auf keinen Fall weiter anvertrauen.

Ja, Guardiolas kompromissloser Perfektionismus war ihnen suspekt - aber mit der Zeit fanden sie es auch ein bisschen merkwürdig, dass Ancelotti so wenig Drang verspürte, überhaupt etwas zu perfektionieren. Ja, sie fanden, dass die geradezu altmodische Loyalität Ancelottis zu langjährigen Mitarbeitern gut zu jenen Werten passte, die sie selbst gern mit dem Begriff "Bayernfamilie" verklären. Aber musste der Italiener diese Loyalität wirklich so weit treiben, sein eigenes Schicksal unumstößlich an das seines Fitnesstrainers Giovanni Mauri zu knüpfen? Mauri, das zur Erläuterung, ist ein fitnessmäßig eher nicht so beispielgebender älterer Herr, dem man kürzlich das Rauchen im Kabinentrakt verbieten musste. Seither paffte Mauri dort E-Zigaretten, und die richtigen, die quarzte er nun zwar im Freien. Aber halt auch auf dem Trainingsplatz.

Das größte, am Ende unlösbare Rätsel war aber dieses: wieso Ancelotti, der in seiner an Titeln reichen Karriere immer als großer Umarmer und Spielerversteher galt, den Rückhalt in der Kabine verlor. Nicht bei allen, wie der freundliche Abschied am Freitag auf dem Klubbalkon zeigte. Aber doch so umfassend, dass nun ein Riss durch die Mannschaft geht, zwischen den alten Führungsspielern hier und Ancelottis Lieblingen dort.