Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Diesmal ohne Angst

Lesezeit: 3 min

Von Maik Rosner, München

Robert Lewandowski tippte den Ball kurz an, um ihn sich ein bisschen vorzulegen. Zwei kleine Schritte später schlenzte er mit links, der Ball schlug unhaltbar im Torwinkel ein. Gejubelt hat der Stürmer des FC Bayern aber nicht, nicht einmal eine Reaktion zeigte er. Denn dieses formschöne Tor war nur eine Simulation für das, was am Mittwoch im Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Real Madrid folgen soll. Dann gilt es für die Münchner, im Heimspiel die Basis zu legen, um in der zweiten Verabredung mit dem Titelverteidiger am 1. Mai in Madrid den angestrebten Einzug ins Finale am 26. Mai in Kiew festzurren zu können. Es wäre der erste seit 2013, als die Münchner Triple-Gewinner wurden. Treffer wie jener von Lewandowski im Torschusstraining am Montag wären auf dem Weg dorthin sehr hilfreich, und sie sind das erklärte Ziel der angriffslustigen Bayern.

"Wir müssen auf jeden Fall nach vorne spielen. Wir müssen Tore erzielen wollen und die Schwächen, die Madrid auf jeden Fall auch hat, ausnutzen", sagt Lewandowskis Offensivkollege Thomas Müller und verweist auf Reals 1:3-Niederlage gegen Juventus Turin im jüngsten Viertelfinal-Rückspiel, bei der Cristiano Ronaldo mit einem verwandelten Foulelfmeter erst in der Nachspielzeit eine Verlängerung und damit das drohende Aus abwenden konnte. "Das heißt, sie sind auch verwundbar", folgert Müller und sieht Anlass zur Zuversicht: "Das Spiel kommt zur richtigen Zeit."

Welche Strategie die Münchner daraus für den insgesamt 25. Vergleich mit Real im Europapokal ableiten, ist deutlich zu vernehmen. Sie lautet: Angriff aufs Finale, personell und taktisch. Mit gleich fünf offensiv ausgerichteten Spielern wird gerechnet, auch weil Mittelfeldkämpfer Arturo Vidal verletzt ausfällt. Stattdessen dürfte Trainer Jupp Heynckes neben Lewandowski und Müller auch Franck Ribéry, James Rodríguez und Arjen Robben in der Startformation aufbieten. Sie alle waren im Gegensatz zu Thiago Alcántara beim 3:0-Ligasieg am Samstag in Hannover jedenfalls maximal in Teilzeit im Einsatz und dürften nun erste Wahl sein, um ein mutiges Offensivspiel aufzuziehen. Oder, wie es Robben formuliert: "Das war letztes Jahr der größte Fehler, dass wir im Heimspiel nicht unsere Leistung gebracht haben, ein bisschen ängstlich gespielt haben. Das darf jetzt nicht passieren."

Damals waren die von Verletzungen gebeutelten Münchner im Viertelfinale gegen Real ausgeschieden, nach einer 1:0-Führung im Hinspiel durch Vidal (25.) und seinem verschossenen Elfmeter kurz vor der Pause, ehe Madrid durch zwei Tore von Ronaldo (47./77.) das Spiel drehte und von der gelb-roten Karte gegen Javier Martínez nach gut einer Stunde profitierte.

Im Rückspiel erzwangen die Bayern zwar die Verlängerung, doch nach Vidals gelb-roter Karte (84.) ging es dahin (2:4 n.V.), auch wegen Ronaldos Abseitstor zum 2:2 (105.). Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge echauffierte sich danach nicht nur wegen dieser Fehlentscheidung über Schiedsrichter Viktor Kassai. "Wir sind beschissen worden", polterte Rummenigge.

"Das letzte Spiel in Madrid war schon extrem, vor allem von der Schiedsrichterleistung her", sagt Präsident Uli Hoeneß nun, "der hat ja nicht nur einen elementaren Fehler gemacht, sondern drei, vier. Das war einfach, puh, mehr als peinlich." Sein Auftrag: "Wir müssen versuchen, am Mittwoch ein gutes Ergebnis zu erzielen, möglichst ohne Gegentor."

Wenn man so will, ist die Schiedsrichteransetzung zumindest teilweise ein gutes Omen. Der WM- und EM-erfahrene Niederländer Björn Kuipers, 45, wird das Hinspiel leiten - wie schon drei Partien der Münchner zuvor. Nie verloren sie, obwohl sie nur das Viertelfinal-Rückspiel bei Benfica Lissabon 2016 (2:2) zu elft beendeten. In der Gruppenphase 2013 beim 3:1 gegen Manchester City stellte Kuipers Jérôme Boateng zurecht vom Platz und beim 3:2-Gruppensieg gegen den SSC Neapel 2011 den inzwischen zum VfB Stuttgart übergelaufenen Holger Badstuber zu Unrecht.

Mehr Gewicht als die Erinnerungen an Kuipers dürften aber ohnehin die Erlebnisse gegen Real haben. Vor den Viertelfinals 2017 wurden auch die Halbfinals 2014 gegen Madrid verloren. Letztmals setzten sich die Bayern 2012 gegen die Königlichen durch, ebenfalls im Halbfinale. Die Frage, ob es eine Rolle spiele, dass Heynckes auch damals die Münchner coachte, beantwortete Müller bereits, ohne den Verweis auf seinen Trainer abzuwarten. "Kann eine positive Rolle spielen", sagte er grinsend.

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SZ vom 24.04.2018
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