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Pokal-Aus der Bayern in Kiel:Steife Brise mit Ansage

Die Münchner verlieren gegen leidenschaftlich spielende Kieler erstmals seit 2000 in der zweiten Runde des DFB-Pokals. Die Niederlage passt zu den Auftritten der vergangenen Wochen.

Von Martin Schneider

So ein Schneesturm macht alles noch mal dramatischer, sogar ein Elfmeterschießen. Robert Lewandowski, Hauke Wahl, Thomas Müller, Janni Serra - sie alle mussten nach 120 Minuten nicht nur in der Drucksituation des Fußballs schlechthin bestehen, nein, während sie das taten, jagte ihnen der klirrende Nordwind auch noch die Flocken ins Gesicht. Der Sturm tobte so heftig, dass es dem Südkoreaner Jae-Sung Lee den Ball vom Punkt pustete und er ihn wieder zurückrollen musste.

Es kursiert ja die Sage, dass es auf den Färöer Inseln mal vorgekommen sein soll, dass ein anderer Spieler den Ball festhalten musste, damit ein Elfmeter überhaupt ausgeführt werden kann. Dazu kam es nicht, die Schützen blieben angesichts der Umstände, na ja, eiskalt, es war ein Elfmeterschießen fürs Lehrbuch, die Versuche landeten alle präzise und hart im Tor. Nur der Spanier Marc Roca vergab schließlich und eigentlich war sein Versuch auch nicht schlecht, ein bisschen zu halbhoch vielleicht.

Aber dann kam ja noch der gebürtige Kieler Fin Bartels, 33 Jahre alt, graumeliertes Haar, der in seiner gesamten Fußballer-Karriere Norddeutschland niemals verlassen hat (Kiel, Rostock, St. Pauli, Bremen, Kiel). So einer besteht in der steifen Brise und man mag sich nicht vorstellen, was los gewesen wäre, wenn Zuschauer da gewesen wären, als Bartels den sechsten Kieler Elfmeter mit einer unverschämten Lässigkeit an Manuel Neuer vorbei zum 8:7 (2:2 nach Verlängerung) im Elfmeterschießen ins Tor schob.

Pokalsensationen, gerade gegen die Bayern, schienen ja abgeschafft zu sein, zuletzt scheiterten Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic im Jahr 2000 in der zweiten Runde an Magdeburg, 2004 war Alemannia Aachen der letzte unterklassige Klub, der die Münchner bezwang. "Ich habe gerade in der Kabine ziemlich viele verwirrte Menschen getroffen", sagte dazu passend Kiels Trainer Ole Werner am ARD-Mikrofon nach dem Spiel. "Es ist ein außergewöhnliches Erlebnis und etwas, an das man sich in vielen Jahren noch erinnert." Die Fans, die nicht im Stadion zugelassen waren, veranstalteten noch einen Autokorso, einige hielten Plüschstörche hoch, das Wappentier der Kieler.

Holstein Kiel v Bayern Muenchen - DFB Cup: Second Round

Holstein-Fans feiern vor dem Stadion.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Für die Bayern ist es das erste Aus in einem großen Wettbewerb, seitdem Jürgen Klopps Liverpool sie aus der Champions League warf. Das war 2019. Seitdem haben die Münchner mit einer unheimlichen Gefräßigkeit alles gewonnen, aber gerade diese Niederlage gegen Kiel, es war aus Sicht der vergangenen Wochen eine Überraschung mit Ansage. "Im Moment ist das so ein Lauf, den wir haben", sagte Trainer Hansi Flick in der Pressekonferenz nach dem Spiel, von Kälte und Niederlage gezeichnet, und meinte damit vor allem, wie seine Mannschaft überhaupt in dieses Elfmeterschießen gerutscht war.

Der Start war ja aus Bayern-Sicht noch ganz glücklich, Serge Gnabry traf zum 1:0 aus glasklarer Abseitsposition - aber in der zweiten DFB-Pokalrunde gibt es keinen Videoschiedsrichter. Dann kam das 1:1 durch Bartels. "Das ist ein Muster, das wir bei vielen Gegentoren öfter gesehen haben", fand Flick und in der Tat haben die Bayern so einen Treffer in den vergangenen Wochen in gefühlt jedem Spiel kassiert. Die Abwehrkette steht hoch, der Gegner spielt schnell einen tiefen Ball, der gegnerische Stürmer sprintet, Tor. Auch diesmal.

"Wir müssen da die Zentrale absichern", sagte Flick. Er bot diesmal Niklas Süle und Lucas Hernández in der Innenverteidigung auf, David Alaba wurde geschont, zudem spielte Bouna Sarr für Benjamin Pavard und dass die Münchner in Sondertrikots für den guten Zweck antraten, die aber optisch den Leiberl der eher erfolgloseren Saisons Anfang der 90er nachempfunden waren, war vielleicht auch kein gutes Omen.

Auch die zweite Halbzeit startete optimal für die Münchner, Leroy Sané zirkelte einen Freistoß unhaltbar in den Winkel. Aber nach diesem Tor ließen sich die Münchner vom Gegner das Spiel aus der Hand nehmen. Rund um den überragenden Innenverteidiger Hauke Wahl, dessen sehr norddeutscher Name nur noch durch seinen vollen Namen übertroffen wird - Hauke Finn Wahl -, machte es Kiel in einer Mischung aus Einsatzwillen und taktischer Cleverness zu einem Spiel auf Augenhöhe.

Bayern hatte keine echte Torgelegenheit mehr, auch die Einwechslung von Robert Lewandowski brachte nichts und so war es zwar glücklich, dass Wahl in der Nachspielzeit mit einer Kopfballbogenlampe Neuer zum 2:2 überwand, aber nicht einen Hauch unverdient. So ratlos wie nach diesem Tor hat man Neuer übrigens selten auf dem Rasen stehen sehen.

DFB Cup - Second Round - Holstein Kiel v Bayern Munich

Manuel Neuer unmittelbar nach dem 2:2.

(Foto: FABIAN BIMMER/REUTERS)

"Auch wenn es sich blöd anhört nach einer Pokalniederlage gegen einen Underdog aus Kiel - das Spielglück war nicht auf unserer Seite", meinte Thomas Müller nach dem Spiel. Mit Glück kann man einige Situationen erklären, aber nicht, dass der FC Bayern in 30 Minuten Verlängerung zwar drückte und auch spielerisch gegen bis zum Krampf kämpfende Kieler überlegen war - aber trotzdem nicht die Riesenchance zur Entscheidung erspielte.

"Es ist nicht gerade die beste Phase des FC Bayern", gab Müller zu. In der Verlängerung musste Bartels, der spätere Schütze des Tages, übrigens irgendwann die Spielseite wechseln - er kam den Sprints von Alphonso Davies nicht mehr hinterher, wie er dem ARD-Experten Bastian Schweinsteiger lachend bestätigte und daraufhin ankündigte "nun ein, zwei Bierchen" zu trinken.

Holstein Kiel v Bayern Muenchen - DFB Cup: Second Round

Bartels, nachdem er den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Schweinsteiger brachte auch die Probleme der Münchner recht präzise auf den Punkt. Er könne nicht verstehen, warum die Abwehr immer so hoch positioniert sein müsse, die Gegner hätten das System "entschlüsselt", sagte er schon vor dem Spiel. Flick musste sich auch nach dem Spiel dafür rechtfertigen. Es sei die Spielidee, den Gegner unter Druck zu setzen ("das haben wir heute auch nicht so fertiggebracht"), bei den erwähnten Situationen müsse man "die Tiefe absichern". Das seien Dinge, die man auch angesprochen hätte. Flick blieb seinem Credo treu, dass die fehlende Kraft in der dichten Saison keine Entschuldigung sein dürfe.

Der Bayern-Trainer befindet sich in einer schwierigen Situation. Das System, das in der vergangenen Saison zum maximalen Erfolg führte, offenbart in der verdichteten Corona-Saison offensichtliche Schwächen. Trainingszeiten, um sie zu beheben, sind aber ebenso rar und so muss er nun seine erste echte Niederlage als Bayern-Trainer einstecken. Immerhin: Die Belastung aus dem Pokal ist nun weg. Kiel trifft nun am 2. oder 3. Februar auf Darmstadt 98. Schnee ist da nicht ausgeschlossen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass es eine Fifa-Sonderregel auf den Färöer Inseln geben würde, wonach der Ball bei zu starkem Wind am Elfmeterpunkt festgehalten werden dürfe. Diese Sonderregel gibt es nicht, wenngleich ein solches Vorgehen auch nicht explizit verboten ist.

© SZ/bek
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