Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:"Es werden immer weniger"

Vielseitige Probleme für Hansi Flick: Der Bayern-Trainer beklagt mit Corentin Tolisso den nächsten Ausfall. Und abseits des Platzes sieht er sich gezwungen, mit Anwälten gegen den AfD-Politiker Johannes Huber vorzugehen.

Von Philipp Schneider

Doch, doch, gewiss. Es gebe immer wieder solche Phasen im Saisonzyklus einer Fußballmannschaft, findet Hansi Flick. Er macht eine kurze Pause. Damit seine aufmunternde Botschaft auch bei allen Zuhörern so ankommt, die lautet: Es ist doch alles fast wie jedes Jahr! Flick sagt: "In einer Saison kann das durchaus mal so kommen."

Kann es schon. Aber unter diesen Umständen?

Normal sind die ja derzeit nicht. Weder in der Welt noch beim FC Bayern. Auch wenn man sich inzwischen daran gewöhnt hat, dass eine im Wesenskern schräge Pandemie fast täglich mit einer Neuigkeit oder Mutation überrascht und jederzeit in der Lage ist, vermeintliche Gewissheiten ins Gegenteil umzukehren. Dass es etwa so kam, dass Fußballtrainer vor Spieltagen über Infektionen genauso referieren wie über Verletzungen, müsste ja noch gewöhnungsbedürftig sein. "Es werden immer weniger", ist Flick aufgefallen: "Ob es jetzt mit den infizierten Spielern ist, was schlimm ist. Oder mit den Spielern, die verletzt sind - wir haben einige."

Das ist keine Übertreibung. Mindestens vier Spieler aus der erweiterten Stammelf fehlen den Münchnern am Samstag im Liga-Betrieb bei Eintracht Frankfurt. Und wohl auch noch am Dienstag im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bei Lazio Rom. In der ersten Partie geht es um die wohl letzte Gelegenheit für die Konkurrenz, dass den Bayern die Meisterschaft noch entgleiten könnte. In der zweiten geht es schon um die Frage, ob nach dem DFB-Pokal bereits die zweite zu gewinnende Trophäe der Münchner in Gefahr geraten wird. Vor drei, vier Wochen hat es noch ganz anders ausgesehen, das sagt auch Flick: "Da haben wir einen vollen Laden gehabt, da hatten wir 25, 26 Spieler auf dem Platz."

Am Freitagmorgen hat Flick stattdessen zwei Profis am Telefon gehabt. Zum einen sprach er mit Thomas Müller, dem Spieler, der während der Klub-WM in Katar positiv auf das Coronavirus getestet wurde, weswegen er mit einem separaten Sanitätsflieger heimgeflogen werden musste. Müller trainiert zwar noch nicht wieder mit wie Leon Goretzka und Javi Martínez, die nach ihren überstandenen Corona-Infektionen in Frankfurt wieder auflaufen könnten, genau wie Jérôme Boateng, der zuletzt aus privaten Gründen fehlte. Aber: Müller geht es offenbar immerhin "sehr gut", wie Flick herausfand.

Ihm geht es demnach deutlich besser als dem zweiten Spieler, den Flick am Freitag kontaktierte. Was sich schon allein daran erkennen lässt, dass ihn Flick anrief, um ihm alles Gute zu wünschen für eine Operation am Oberschenkel: Corentin Tolisso war am Vortag bei einem Torschuss eine Sehne im linken Oberschenkel gerissen. "Mir tut's einfach leid. Wir waren alle geschockt", sagte Flick. Er wusste da bereits: Mindestens drei Monate wird der Franzose nun ausfallen, der 2017 als damals teuerster Spieler der Bundesliga-Geschichte für eine Ablöse von 41,5 Millionen Euro von Olympique Lyon kam. Ein Betrag, den er mit Leistung auf dem Platz noch nicht zurückzahlen konnte, wenn das bei dieser Summe überhaupt menschenmöglich ist. Vor allem bei seinen Verletzungen.

Kleinere Blessuren plagten Tolisso schon, bevor er im Herbst 2018 die schlimmste aller möglichen Diagnosen für einen Fußballer erhielt: Kreuzbandriss. Dann, Flick hatte soeben die Mannschaft von Niko Kovac übernommen, fiel Tolisso erst wegen Muskelproblemen aus, und später, als Flick sein Mittelfeld schon ohne ihn gebaut hatte, noch mal wegen einer Operation am Sprunggelenk. Genau jetzt, da sich seine Konkurrenz im Mittelfeld auch aus pandemischen Gründen verkleinert hatte, hätte sich Tolisso endlich ins Rampenlicht spielen können. Flick sagt: "Er hätte die Möglichkeit gehabt zu spielen, mal zu zeigen, was für eine Qualität er hat. Ich bin von ihm mehr als überzeugt. Er braucht einfach auch ein bisschen Rhythmus. Und den hätte er jetzt bekommen können. Wirklich schade."

Ebenfalls schade findet Flick, das war deutlich rauszuhören, dass er nun Anwälte einschalten muss, um sich dagegen zu wehren, dass ihn der AfD-Politiker Johannes Huber, 34, für eine seiner politischen Kampagnen instrumentalisiert. Huber hatte den inzwischen vielzitierten Satz aufgegriffen, mit dem Flick am Sonntag seinerseits den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach kritisiert hatte: "Man kann die sogenannten Experten langsam nicht mehr hören."

Das sieht die AfD offenbar auch so, Huber ganz besonders, Flick aber zumindest nicht mehr so, wie es die AfD gerne hätte. Anstatt den Experten Lauterbach nicht mehr zu hören, sprach er sich sogar privat mit ihm aus. Der Politiker erklärte daraufhin, der Streit sei beigelegt.

Er werde nun "mit allen rechtlichen Mitteln" gegen Huber vorgehen, kündigte Flick an: "Ich möchte mit dieser Partei nicht in Verbindung gebracht werden, ganz einfach. Das ist nicht meine Überzeugung, die Partei vertritt nicht meine Werte." Und was seine neue Beziehung zu Lauterbach angeht, da gab sich Flick ein bisschen geheimnisvoll, indem er betonte: "Jeder konnte aus dem Gespräch etwas mitnehmen."

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