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FC Bayern:Warum das Finale ein Abenteuer werden könnte

Olympique Lyonnais v Bayern Munich - UEFA Champions League Semi Final

Manuel Neuer in Not, doch Lyon-Stürmer Memphis Depay verfehlt das Tor

(Foto: Getty Images)

Was passiert, wenn der Gegner nicht den Pfosten, sondern zweimal ins Tor trifft? Der FC Bayern weigert sich stur, in Not zu geraten. Seine Wehrhaftigkeit bleibt deswegen ein Geheimnis.

Kommentar von Christof Kneer

Als die Bayern im Frühjahr unter ihrem neuen Trainer Hansi Flick allmählich unschlagbar zu werden begannen, haben sie sich in der Klubspitze manchmal bei diesem Gedanken ertappt: Was wohl wäre, wenn der Lauf mal endet? Ob die Mannschaft dann vielleicht gekränkt wäre oder verunsichert, ob sie ihre Selbstverständlichkeit verlieren würde und damit ihre lässige Diktatur übers Spiel? Und wie der super-souveräne Trainer wohl reagieren würde, der ja noch nie auf diesem Niveau Cheftrainer war? Ob er nervös werden oder bei sich bleiben würde, oder würde er gar so sehr bei sich bleiben, dass es an Passivität grenzt?

Man muss sagen: alles super Fragen. Fragen, auf die man eine Antwort haben sollte, wenn es mal sein muss. Nur: Es hat halt noch nicht sein müssen bisher.

Nicht mal jetzt, auf dem höchsten Niveau des Klubfußballs, hat der FC Bayern diese Frage zugelassen. Er weigert sich stur, in Not zu geraten, er spielt seine Spiele von vorne, er läuft keinem Rückstand hinterher. Das wäre ja tatsächlich interessant gewesen zu sehen: Wie sich das Halbfinale gegen Lyon entwickelt hätte, wenn Lyons Ekambi in der 17. Minute nicht den Pfosten, sondern ins Tor getroffen hätte. Ein Rückstand gegen Lyon! Wäre Bayern dann gekränkt oder verunsichert gewesen, und hätte der Trainer ...? Siehe oben.

Wie strapazierfähig Flicks Elf ist, wenn sie in der 62. Minute 0:2 hinten liegt?

Man kann das jetzt also so oder so sehen, je nach Geschmacksrichtung: Wer mag, kann den Bayern nun attestieren, dass sie ihr Spiel auch gegen Widerstände durchziehen können, den Pfostenschuss aus der 17. Minute haben sie 59 Sekunden später mit einem eigenen Tor gekontert. Sie haben sich wie schon gegen Barcelona von einer kurzen Wackelphase nicht irritieren, sondern eher inspirieren lassen, im Falle Barcelona sogar zu einem rundum ehrabschneidenden 8:2.

Man kann die Logik aber auch andersrum drehen: Man könnte einen Pfostenschuss beim Stand von 0:0 durchaus noch für eine geringfügige Bedrohung halten, die das Immunsystem noch nicht allzu sehr fordert. Wie strapazierfähig Flicks Elf ist, wenn sie in der 62. Minute 0:2 hinten liegt, ist weiter unerforscht.

Die Bayern sind eine deutsche Elf, sie sind gründlich auf alles vorbereitet, und so könnte das Finale ein Abenteuer werden. Denn eines haben sie ja nicht simulieren können: Was passiert, wenn Neymar und Mbappé, angeleitet vom Trainer Tuchel, vor den Bayern den Weg ins Tor finden? Die Wehrhaftigkeit der Münchner bleibt einstweilen ein Geheimnis, aber es sollte sich keiner darauf verlassen, dass es im Finale gelüftet wird.

Gültig wäre ein Champions-League-Sieg auch, wenn er ohne Holpern und Stolpern zustande kommt, und man könnte das den Bayern übrigens nicht mal vorwerfen.

© SZ vom 21.08.2020/sonn
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