Es ist bald einen Monat her, dass Hansi Flick etwas in seiner Zeit als Trainer des FC Bayern ungewöhnliches widerfuhr: Ihm wurde widersprochen, er wurde kritisiert, und das zur besten Fernseh-Sendezeit. "Unnötig" hoch stehe die Abwehrreihe des Rekordmeisters, sagte der frühere Nationalspieler Bastian Schweinsteiger als ARD-Experte während der DFB-Pokalniederlage der Münchner beim Zweitligisten Holstein Kiel. Es war seine Erklärung für die vielen Gegentore des FC Bayern durch die Mitte und damit für eine Schwächephase des Klubs, der sich im Grunde keine Schwächephasen zugesteht. Die Höhe der Abwehrkette sei nicht entscheidend, erwiderte Flick.
Inzwischen ist die Schwächephase des FC Bayern schon wieder vorbei, die Abwehrprobleme scheinen vorerst behoben zu sein, der Vorsprung des Tabellenführers auf Rang zwei beträgt sieben Punkte. Zwei Gegentreffer kassierten die Münchner in den vier vergangenen, allesamt gewonnenen Ligaspielen, keinen davon durch einen Konter durch die Mitte. Und als Flick nun vor dem Spiel bei Hertha BSC an diesem Freitag über die Gründe dafür referierte, da gab er zu, dass es zu den Korrekturen gehörte, die Mannschaft "vier, fünf Meter tiefer" zu positionieren. Das gebe "mehr Sicherheit".

Verliehene Profis des FC Bayern:Zu wenig Platz für zu viele Talente
Am letzten Tag der Winter-Transferperiode verleiht der FC Bayern Stürmer Joshua Zirkzee und Verteidiger Chris Richards - sie sind nicht die einzigen Münchner, die sich anderswo versuchen.
Man könnte nun also bilanzieren, dass Flick, 55, mit etwas Kompromissbereitschaft eine Lösung gefunden hat für das drängendste sportliche Problem seiner Mannschaft, und das zu einer günstigen Zeit. Die Münchner wollen in der kommenden Woche ja auch noch den sechsten zur vergangenen Saison gehörenden Titel gewinnen, bei der Klub-Weltmeisterschaft in Katar, wohin sie gleich nach dem um eine halbe Stunde auf 20 Uhr vorverlegten Spiel in Berlin aufbrechen. Flicks Lösung in der Abwehr ist allerdings nur eine Lösung auf Zeit. Seine Idee, wie der FC Bayern verteidigen soll, dürfte sich spätestens in ein paar Monaten wieder ändern müssen.
Der Leipziger Upamecano soll kommen
Die Abwehrreihe, mit der die Münchner die kommenden Aufgaben angehen, ist eine, die es so im Sommer wohl nicht mehr geben wird. "Sie sind gesetzt", sagte Flick neulich über die Innenverteidiger Jérôme Boateng und David Alaba. Über Alaba sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge dann bei Sky, er werde die Bayern "zu 99,99 Prozent" verlassen. Er bestätigte bei der Gelegenheit das große Interesse der Münchner an Dayot Upamecano von RB Leipzig, das zuvor als eine Art offenes Geheimnis galt. Und über Boateng sagte Rummenigge zwar, dass dieser eine gute Saison spiele. Doch sollten die Bayern doch noch vorhaben, seinen auslaufenden Vertrag zu verlängern, so klang zumindest Rummenigge nicht besonders eilig.

Es sind gerade etwas unstete Zeiten für Boateng, unter der Woche informierte er via Bild-Zeitung in abenteuerlicher Detailtiefe über die Trennung von seiner Lebensgefährtin. Beruflich läuft es dagegen gut für ihn. Seit Wochen verteidigt er überzeugend. Gemeinsam mit Alaba setzt er nicht nur die Vorgabe Flicks um, zur Sicherheit etwas tiefer zu stehen. Auch die anderen Korrekturen des Trainers lassen sich an seinem und Alabas Spiel beobachten: Lange Pässe des Gegners werden besser antizipiert, die Staffelung der Hintermannschaft kompakter organisiert. Und dennoch: Boateng wird in diesem Jahr 33; sollte es demnächst Gespräche über ein Vertragsangebot des Klubs für ihn geben, dann wohl mit dem Hinweis versehen, dass er in Zukunft nicht unbedingt gesetzt ist. Ob er in München bleibt, ist fraglich.
Dass es dagegen der Münchner Wunsch ist, dass Upamecano, 22, im Sommer kommt, das hat nicht nur Rummenigge bestätigt, sondern darüber sprachen auch bereits Sportvorstand Hasan Salihamidzic, Leipzigs Vorstandschef Oliver Mintzlaff und Upamecanos Berater Volker Struth. Der ärgste Konkurrent im Werben um den hochtalentierten Franzosen, der Leipzig für eine festgeschriebene Ablöse von etwas mehr als 40 Millionen Euro verlassen darf, ist wohl der FC Chelsea. Mit einer Entscheidung des Spielers wird bald gerechnet.
Auch die künftige Rolle von Lucas Hernández ist noch unklar
Was die weiteren Positionen in der Bayern-Abwehr der Zukunft angeht, ist auch noch einiges fraglich. Da ist zum Beispiel die Rolle von Innenverteidiger Niklas Süle, 25, der eine wechselhafte Saison spielt, den Flick zuletzt wiederholt rechts in der Viererkette einsetzte und am Mittwoch vorsichtig lobte. Zu dem Gerücht, dass sich für den ebenfalls von Struth beratenen Nationalspieler, dessen Vertrag bis 2022 gilt, ebenfalls der FC Chelsea interessiere, sagte Flick: "Es spricht für einen Spieler von uns, wenn andere Vereine Interesse zeigen."
Und da ist auch die Rolle von Lucas Hernández, den die Münchner 2019 für 80 Millionen Euro als Innenverteidiger verpflichteten, den Flick aber eher als Linksverteidiger sieht - und der gerade oft nur Ersatzspieler ist. Andererseits wäre wohl nur durch einen Wechsel von Hernández in die Mitte gewährleistet, dass dort wie aktuell Alaba ein Linksfuß auf der Position des linken Innenverteidigers agiert, was wiederum der Spielidee Flicks zuträglich ist.
Erst mal wird aber in Berlin der Plan lauten, mit der Abwehrbesetzung der Gegenwart weiterhin wenige Torchancen zuzulassen. 4:3 gewann München das Hinspiel, trotz dreier Gegentreffer. Die Innenverteidiger damals: Boateng und Alaba.

