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Bayern-Aus in der Champions League:Stolz im Heldentod

  • Der FC Bayern scheidet in einem furiosen Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid aus.
  • Die vielen Chancen der Bayern beim 2:2 zeigen: Das Team von Jupp Heynckes hätte ins Finale kommen können.
  • Toni Kroos und Thomas Müller geben zwei Hinweise, warum trotzdem Real gewonnen hat.

Von Martin Schneider, Madrid

Sven Ulreich war alleine. Die Hymne von Real Madrid hämmerte aus den Lautsprechern, die Fans auf den Rängen rasteten aus, die Bank von Real sprintete aufs Feld, die Bayern-Spieler sanken zu Boden, Toni Kroos tröstete Joshua Kimmich, David Alaba weinte - aber all das passierte in nur einer Hälfte des Spielfeldes, in der gegnerischen, weil die Bayern zum Schluss alles nach vorne geworfen hatten. In der Mitte der anderen saß Sven Ulreich, die Arme um die Knie geschlungen, um ihn herum und in ihm drin wohl gnadenlose Leere. Jeder konnte ihn sehen, jeder hatte gesehen, was ihm passiert war. Man kann sich auf einem Fußballplatz nicht verstecken, flüchten wollte er auch nicht, und so saß er mit sich und seinem Fehler auf dieser 68 mal 52,5 Meter großen grünen Fläche, und es tat weh, sich vorzustellen, welche Gedankenspirale sich jetzt in seinem Kopf drehte.

Sven Ulreich kam später nicht in die Interview-Zone, er wurde auch noch zur Doping-Kontrolle ausgelost, aber was hätte er auch erklären sollen? Jeder sah, was in der 19. Sekunde der zweiten Halbzeit passiert war. Wie Corentin Tolisso einen gefährlichen, für Ulreich offenbar unerwarteten Rückpass spielte, wie er rauskam, wie sein Kopf das falsche Bewegungsmuster abrief, nämlich das, bei dem er den Ball mit der Hand aufnehmen sollte. Man konnte sehen, wie er merkte, dass er das nicht darf, weil es ein Rückpass des eigenen Mannes war, und so blockierten sich zwei Gedanken. Der Ball rollte an ihm vorbei, Karim Benzema schob zum zweiten Tor für Madrid ein. "Es macht ihm da keiner einen Vorwurf", sagte Thomas Müller: "Wir hätten den Fehler egalisieren können."

Der FC Bayern ist im Halbfinale der Champions League ausgeschieden, zum vierten Mal in fünf Jahren, aber so mitreißend und so knapp wie dieses Mal war es noch nie. Das Santiago Bernabéu erlebte einen großen Fußballabend, und die Frage dieses Abends war: Warum ist die große weiße Mannschaft schon wieder weiter? Und die große rote schon wieder nicht? Denn es stimmte, was Müller sagte. Ulreich hatte den Fehler gemacht - aber das größere Problem war, dass der FC Bayern trotzdem ins Finale hätte kommen können.

Was Toni Kroos nach dem Spiel zu Mats Hummels sagt

21:9 Torschüsse standen am Ende in der Statistik, im Hinspiel waren es 17:7 für die Bayern - aber eben 1:2 und 2:2 Tore. Hinter diesen Zahlen verbergen sich unzählige Situationen, in denen Zentimeter fehlten, Real-Torhüter Keylor Navas über sich hinauswuchs, Müller, Lewandowski, Ribéry einen Tick zu spät kamen, James den Ball aus kurzer Distanz noch übers Tor bugsierte, Sergio Ramos oder Raphaël Varane sich wie Leibwächter in Schüsse warfen. Bayern vergab ein Trommelfeuer an Chancen. Schon wieder.

Dabei begann alles so gut. Nach drei Minuten staubte Kimmich zur Führung ab - was ihn nach seinem Treffer im Hinspiel zum besten deutschen Torschützen gegen Real Madrid in diesem Jahrtausend macht. Dann verhinderte er eine Marcelo-Flanke nicht, David Alaba übersah Karim Benzema - schon stand es wieder 1:1. Dann kam der Aussetzer von Ulreich. Und als James nach einer Flanke von Niklas Süle (der eine herausragende Partie hinten und vorne spielte) zum 2:2 traf - da wartete eigentlich jeder auf die Schlusspointe, auf das große Finale, das erlösende Tor des FC Bayern, einen Jetzt-muss-es-klappen-Moment. Aber er kam einfach nicht. In der allerletzten Sekunde hechtete Thomas Müller wie ein Verzweifelter in eine Flanke von Joshua Kimmich, verpasste sie knapp und blieb dann geschlagen auf dem Rücken liegen.

"Es tut mehr weh als letztes Jahr. Und es wird in zehn Jahren noch wehtun", sagte Mats Hummels und berichtete von einem Gespräch mit Toni Kroos: "Toni hat nach dem Spiel zu mir gesagt: 'Mats, das Ding haben nicht wir gewonnen - das habt ihr euch selbst zuzuschreiben, dass ihr nicht im Finale seid.' Da hat er leider recht." Müller, der schon länger als Hummels bei Bayern spielt, meinte: "Es ist natürlich extrem bitter. Wenn man in die letzten Jahre zurückschaut, wie man gescheitert ist, verbessert das nicht unbedingt die Laune." Als er gefragt wurde, ob er eine Erklärung habe, warum diese Fehler passieren (im Hinspiel hatte Rafinha einen Harakiri-Querpass vor dem 1:2 gespielt), sagte Müller: "Natürlich ist der Druck groß, aber wir sind alle gestandene Männer. Es gibt wenige Theorien, die da nachweislich greifen würden."

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