Jupp Heynckes lachte herzhaft, als er mit Zahlen aus seinen längst vergangenen Zeiten als Stürmer bei Borussia Mönchengladbach konfrontiert wurde. Es ging um die Frage, ob er froh sei, dass sein Rekord vorerst weiter Bestand haben wird. Als Willy Brandt Kanzler war, hatte Heynckes in der Saison 1972/73 in elf Heimspielen in Serie für Mönchengladbach getroffen. Seit dem 0:0 des FC Bayern am Samstag gegen Hertha BSC steht fest, dass ihn Robert Lewandowski nach seiner Torserie in den vorherigen elf Heimspielen nicht überbieten wird. Aber Freude? "Nein", sagte Heynckes, "ich bin ja immer wieder überrascht, was für Statistiken hervorgekramt werden." Gegönnt hätte er den Rekord Lewandowski schon.
Es gehört mittlerweile zum Bundesligaalltag, dass mit einigen Kunstgriffen in den Archiven neue Bestmarken zu Tage gefördert werden. Das galt sogar nach diesem frostigen 0:0. Allerdings mit dem Unterschied, dass ausnahmsweise schmeichelnde Werte für den Gegner der Münchner vermeldet werden konnten. Dreimal hintereinander haben die Berliner auswärts kein Gegentor kassiert, was für sie einen Vereinsrekord bedeutet.
Dreimal hintereinander haben sie zudem gegen den FC Bayern Unentschieden gespielt, derzeit ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal in der Liga. Und als erster Gegner seit dem FC Augsburg im Mai 2015 verließen sie die Münchner Arena ohne Gegentor. "Einen Punkt mitzunehmen ist eine großartige Sache", sagte Herthas Trainer Pal Dardai.
Den Münchnern ist die Anschlussfrage nicht öffentlich in den Sinn gekommen, ob die Berliner Überraschung für sie nach zuletzt 14 Pflichtspielsiegen in Serie (Rekord!) etwas zu bedeuten habe. "Solche Tage gibt es im Fußball", sagte Heynckes gelassen. Seiner Einschätzung nach hatte seine Mannschaft "eine sehr gute Einstellung" gezeigt, sie habe nur ihre Chancen nicht genutzt: "Ich kann meiner Mannschaft überhaupt keinen Vorwurf machen." Für Heynckes war das Ärgerlichste Kingsley Comans Kapselverletzung im Sprunggelenk. Selbstredend hatte der Trainer auch kein Interesse, ein Problem herbeizureden, das sich gegen die Hertha womöglich angedeutet hatte.
Es stimmte zwar, dass die Bayern ordentlich gespielt hatten. Ihre 75 Prozent Ballbesitz waren allerdings auch oft von mangelnder Zuspitzung geprägt gewesen, der unbedingte Tordrang blieb aus. Ein bisschen durften sich das die Berliner gutschreiben, dank Disziplin, Geschick und etwas Glück beim Verteidigen.
Das Zentrum wurde verdichtet, die Angriffe der Bayern verebbten oft in Querpässen, Durchbrüche zur Grundlinie waren selten. Man könne auch sagen, "dass wir defensiv den Gegner gut gelenkt haben. Wir haben gut gestanden - und die konnten nicht schneller werden", sagte Dardai. Man habe "wenig Vertikalität" erlaubt, diese gar "weggenommen". "Das gehört zu einem 0:0-Spiel. Das ist nicht schön, aber wenn du gegen Bayern München wild offensiv sein willst, dann Halleluja", referierte Dardai, "im Fußball kannst du auch defensiv der Herr sein, indem du den Gegner lenkst."
Der erste Ertrag der Hertha beim Meister seit neun Jahren lag aber vor allem daran, dass sich die Münchner für die Mühen der Ebene im Ligaalltag nicht mit voller Hingabe begeistern konnten. "Bisschen zu wenig Tempo, bisschen zu wenig Freilaufverhalten", erkannte Innenverteidiger Niklas Süle, dazu insgesamt "ein paar Prozente", die gefehlt hätten.
Ein Problem, dem die Münchner mit "Eigenmotivation" begegnen wollten. In den kommenden fünf Wochen wird es dieser wohl häufiger bedürfen, um nicht nachhaltig nachzulassen vor der entscheidenden Saisonphase. Sportliche Anreize sind vorerst kaum gegeben. Auf den sechsten Meistertitel in Serie (Rekord!) steuert das Team ungefährdet zu. Erst Anfang April wird es wieder ernst. Dann steht das Viertelfinale der Champions League an, das der Klub nach dem 5:0 im Achtelfinal-Hinspiel gegen Besiktas Istanbul nahezu sicher erreicht hat.
Heynckes weiß all das natürlich. Ihm kommt es gelegen, dass der Konkurrenzkampf die Gefahr in seiner Belegschaft eindämmt, zu lax zu werden. 2013 hatte er es geschafft, nach der frühen Meisterschaft am 28. Spieltag das Binnenklima bis zum Triplegewinn auf Spannung zu halten, obwohl sein Abschied im Sommer feststand. Bestenfalls soll das auch diesmal gelingen, und die Parallelen werden zumindest bei den Rahmenbedingungen deutlicher.
"Die Dinge bei uns sind alle geklärt", sagte der 72-Jährige der Bild am Sonntag zu der Frage nach der offiziell noch ausstehenden Trainer-Entscheidung. Er gehe davon aus, dass "der FC Bayern im Sommer einen adäquaten Trainer" bekommen werde. Ob dieser doch Heynckes heißen könnte, obwohl sein Vertrag ausläuft und er schon mehrfach angedeutet hatte, sich wieder in den Ruhestand zurückziehen zu wollen? "Es ist alles dazu gesagt", sagte Heynckes. Die weiteren Rekorde dürfte er seinem Nachfolger gönnen.


