Aus der Ferne betrachtet haben die Basketballer des FC Bayern am Donnerstag ein hervorragendes Euroleague-Spiel beim Favoriten Fenerbahce Istanbul gezeigt. Nach verschlafenem Beginn (12:22) retteten sie sich auch durch drei erfolgreiche Freiwürfe Sylvain Franciscos, ihres Besten an diesem Abend, in die Verlängerung. Erst dort verließen sie die Kräfte, Istanbul gewann das Spiel, das viel Spektakel und noch mehr Führungswechsel bot, auch dank der 30 Punkte seines überragenden Spielmachers Scottie Wilbekin 98:91. Und die Münchner stehen - mal wieder - mit leeren Händen da.
83:85 in Bologna, 62:76 in Mailand, 71:92 gegen Real Madrid. Und nun 91:98 nach Verlängerung bei Fenerbahce. Dies sind die nackten Zahlen ihrer vergangenen vier Euroleague-Spiele, absolviert binnen acht Tagen. Es sind keine schönen Zahlen aus Sicht der Münchner, und sie belegen Zweierlei: Im besten europäischen Klubwettbewerb ist der deutsche Vorzeigeklub konkurrenzfähig, das schon, zumal die Bayern mindestens zwei der vier jüngsten Spiele hätten gewinnen können - selbst gegen ein Spitzenensemble wie Istanbul hatten sie ihre Chance. Andererseits kämpft die Mannschaft von Pablo Laso mit einer veritablen Auswärtsschwäche.
Zwei Erfolge gegen Baskonia und Villeurbanne in insgesamt zehn Spielen fernab der Heimat sind jedenfalls zu wenig, um das eigentliche Ziel, das Playoff-Viertelfinale, noch erreichen zu können. Die letzten fünf Auswärtsspiele haben die Bayern verloren, vier Siege liegen sie nun hinter Platz zehn zurück, jenem Rang, der ihnen immerhin Qualifikationsduelle für die Runde der letzten Acht erlauben würde. Rechnerisch ist weiterhin alles möglich, 13 Spieltage liegen noch vor den Münchnern. Doch die Erfahrung zeigt: Ein derart großer Rückstand ist in der Euroleague, in der so viel europäische Exzellenz reüssiert, kaum mehr aufzuholen.
Die Chancen auf die Playoffs sinken so langsam auf ein Minimum
Und so wirkte auch Laso nach der Niederlagen-Serie etwas desillusioniert. "Wir wussten, dass diese Wochen schwierig werden", sagte er nach dem Spiel in Istanbul: "Ich finde, wir hätten einen Sieg verdient gehabt." Laso sagte auch, und dieser Satz belegt wiederum eine der großen Erschwernisse für die Bayern in dieser Saison: "Es fehlte ein bisschen physische und mentale Energie, weil wir seit Weihnachten einen verrückten Spielplan haben."
Jede einzelne der 18 Euroleague-Mannschaften steckt gerade in diesem Wettbewerb in einem Hamsterrad, nicht nur die Bayern spielen mitunter - inklusive Bundesliga und Pokal - vier Partien pro Woche. Der zweite deutsche Euroleague-Vertreter Alba Berlin zollt dieser Belastung dahin gehend Tribut, dass er sich am Ende der Tabelle wiederfindet und den Wettbewerb nun am ehesten noch als gutes Sparring fürs Pokal-Final-Four im Februar in München und die nationale Meisterschaft nutzen kann.
Die Münchner hingegen wollen nicht zum zweiten Mal in Serie die Euroleague-Playoffs verpassen. Zuvor hatten sie sie ja zweimal erreicht und langsam Geschmack daran gefunden. Aber diese Saison, Lasos Zitat beinhaltete dies, ist längst auch eine Zerreißprobe, was den Kader angeht.
Laso hat gar nicht so sehr mit der Unbill zu kämpfen, mit der sein Vorgänger Andrea Trinchieri so lange haderte - mit Corona und auch deshalb einer nie abreißenden Welle an erkrankten und auch verletzten Spielern. Unter Laso kehrte zuletzt auch der langzeitverletzte Kapitän Vladimir Lucic zurück. Dieser überzeugte in Istanbul mit elf Punkten und sechs Rebounds, benötigt aber noch Zeit, um Konstanz zu finden. Das ist wohl das entscheidende Stichwort in dieser Saison für die Bayern, die in Istanbul ausgerechnet auf Mr. Konstanz Serge Ibaka (Handgelenk) verzichten mussten. Egal, ob der so hoch veranlagte Leandro Bolmaro, dem zwar sechs Assists und drei Steals gelangen, der aber auch wieder vier Turnovers erlitt; ob Weltmeister wie Andreas Obst und Isaac Bonga, die seit Sommer pausenlos durchspielen, was ihnen nicht unbedingt guttut; oder ob Francisco, der mal leuchtet wie in Istanbul (21 Punkte), aber eben nicht dauerhaft: Auch den Schlüsselspielern fehlt seit geraumer Zeit jene "physische und mentale Energie", von der Laso sprach. Apropos: Am Sonntag erwarten die Bayern Bamberg in der Bundesliga.
