FC Bayern Ancelotti: "Wenn meine Spieler lieber 4-2-3-1 spielen als 4-3-3, dann sollen sie das tun"

Carlo Ancelotti, Tortellini-Freund und Bayern-Coach.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Der Bayern-Trainer trifft sich mit der SZ. Er spricht über Spielsysteme, darüber, wann er durchsetzungsfähig ist. Und was er "die Einsamkeit des Smartphones" nennt.

Von Birgit Schönau und Claudio Catuogno

Carlo Ancelotti, 57, war bereits als exzellenter Tortellini-Zubereiter bekannt, ehe er im Sommer 2016 als Trainer des FC Bayern nach München kam. Auch als leidenschaftlicher Tortellini-Verzehrer hat er sich längst einen Namen gemacht, als Mann, der den leiblichen Genüssen durchaus zugeneigt ist - und damit auch in dieser Hinsicht als Gegenentwurf zu seinem asketischen Vorgänger Pep Guardiola, 45. Deshalb darf natürlich die Frage nach dem Weihnachts-Menü im Hause Ancelotti nicht fehlen, als die SZ den Bayern-Coach zum großen Interview für die Weihnachts-Ausgabe trifft. Wer kocht?

"Na, ich!", sagt Ancelotti, "unser Weihnachtsmenü ist ja nicht sehr kompliziert. Es gibt Tortellini in Fleischbrühe, die ich selber mache. Die Tortellini kaufe ich aber." Ancelotti feiert mit seiner kanadischen Frau und deren spanischen Eltern in Vancouver Weihnachten, "man kann tatsächlich ganz gute frische Pasta in Vancouver kaufen", berichtet er. "Den Hauptgang übernehme ich dann wieder ganz: Bollito, gekochtes Fleisch. Und zum Schluss natürlich Panettone, den klassischen italienischen Weihnachtskuchen. Die Tradition wird hoch gehalten!"

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Es ist ein paar Tage vor dem letzten Bundesligaspiel des Jahres gegen den Emporkömmling RB Leipzig, welches die Bayern so überzeugend mit 3:0 gewinnen werden, dass sich auch manche Irritation rund um den neuen Trainer vorerst erledigen. Ancelotti lässt sich in der Bayern-Zentrale an der Säbener Straße in ein braunes Ledersofa fallen. Eine Dreiviertelstunde ist ausgemacht für das Gespräch, aber wenn Ancelotti sich wohlfühlt, steht er so bald nicht wieder auf, prophezeit der Pressesprecher. Wohl fühlt sich Ancelotti schon deshalb, weil er Italienisch sprechen darf.

Sein Deutsch ist zwar längst beachtlich, aber dass er sich bei jeder Gelegenheit einen abbricht in der sperrigen Sprache, wie es der Katalane Guardiola in seinen drei Münchner Jahren tat? Warum die Mühe? Da spricht Ancelotti auf Pressekonferenzen und im Fernsehen lieber in seiner Heimatsprache. Und jetzt, im SZ-Interview, spricht er auch über Italien.

Kann es sein, dass er sich langsam wieder an seine Heimat heranpirscht? Von seinen Karrierestationen der letzten sieben Jahre (London, Paris, Madrid) liegt München der Emilia Romagna am nächsten. "Das stimmt", sagt Ancelotti, "ich kann endlich wieder mit dem Auto nach Hause fahren. Die Autofahrt von München führt durch eine wunderbare Gebirgslandschaft, die ich jedes Mal sehr genieße."

"Meine Familie kannte keinen Stress"

Carlo Ancelotti ist als Bauernsohn in Reggiolo aufgewachsen, das liegt in der Nähe der Stadt Modena. Sein Vater hielt Kühe. Hat auch er das Melken gelernt? "Natürlich! Ich war regelmäßig damit betraut, aber nicht frühmorgens, sondern erst mit der Abendschicht. Wir hatten zehn Milchkühe im Stall. Die Milch verkaufte mein Vater an die lokale Kooperative für Parmesan-Käse." Er sagt, es sei eine "sorglose Kindheit" gewesen: "Meine Familie kannte keinen Stress. Sicher, die Eltern arbeiteten hart und mussten sehr früh aufstehen. Geld hatten wir auch nicht viel. Aber es fehlte uns an nichts."

Ausschließlich wohlfühlen soll sich Ancelotti in dem Interview aber auch nicht. Dafür hat sein erstes halbes Jahr in München zu viele Fragen aufgeworfen. Ist er zu nachgiebig? Lässt er den Spielern - nach drei Pep-Jahren unter permanenter Anspannung - zu viel Freiheit? Ancelotti widerspricht: "Es stimmt, ich möchte ein gutes Verhältnis zu meinen Spielern haben. Viele verwechseln das mit Nachgiebigkeit - das ist aber nicht ganz richtig. Disziplin, Einhaltung von Regeln und Respekt sind mir wichtig. Ich bin da nicht obsessiv, aber durchaus durchsetzungsfähig. Ansonsten versuche ich, mit allen zu reden und, was noch wichtiger ist, allen zuzuhören. Auf Augenhöhe."

Ähnlich anpassungsfähig zeigt sich Ancelotti bei einem zweiten, viel diskutierten Thema der vergangenen Monate: dem Spielsystem. Zunächst hatte er bei Bayern fast stoisch auf eine 4-3-3-Formation gesetzt, wie er sie auch schon zuvor bei Real Madrid spielen ließen. Und das, obwohl sich die Mannschaft damit oft schwer tat. Neuerdings lässt er seine Elf wieder in einem 4-2-3-1-System spielen, das zumindest in Teilen dem alten Guardiola-System ähnelt. Mussten ihn die Spieler dazu überreden?

"Nein, nein", versichert Ancelotti, "es war so, dass wir beim Training verschiedene Formationen ausprobieren. Es kommt immer auf die Partie an, auf den jeweiligen Gegner." Aber: "Wenn meine Spieler lieber 4-2-3-1 spielen als 4-3-3, dann sollen sie das tun. Für mich sind andere Dinge wichtig. Rhythmus, Spielintensität, Kombinationssicherheit, Organisation. Das kann man in allen Systemen immer noch verbessern."

Wenn man Ancelotti fragt, warum er seine Spieler vor Heimspielen seltener im Hotel zusammenruft als früher, sagt er, auch das habe nichts mit langer Leine zu tun. Sondern mit "einem Phänomen, das ich die Einsamkeit des Smartphones nenne". Die heutige Spielergeneration isoliere sich zunehmend mit dem Mobiltelefon, die sozialen Netzwerke seien inzwischen wichtiger als die Mitspieler. "Deshalb vermeide ich inzwischen längere Trainingslager oder Klausureinheiten. Wenn die Spieler zu Hause sind, müssen sie mit ihren Frauen und Kindern reden. In Klausur hängen manche drei Stunden am Bildschirm. Als ich noch Fußballer war, gab es im Trainingslager den intensivsten Austausch. Wir spielten Karten, Tischfußball, Tischtennis, vor allem redeten wir miteinander. Jetzt wird fast nur noch beim gemeinsamen Essen geredet."

In dem Interview erzählt Carlo Ancelotti auch, wie er Uli Hoeneß nach dessen Rückkehr ins Präsidentenamt des FC Bayern erlebt, außerdem spricht er sich gegen eine Aufstockung der WM auf 48 Teams aus. Seine Angst: "Der Fußball frisst sich irgendwann selbst."

Das ganze Interview mit Carlo Ancelotti lesen Sie hier bei SZ Plus:

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