Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Ancelotti weiß schon, was er macht

Die taktischen Anpassungen des Bayern-Trainers greifen. Nach den Debatten über sein 4-3-3-System wird das Vertrauen der Mannschaft größer.

Kommentar von Claudio Catuogno

Den Spruch vom "Feind" RB Leipzig, den man jetzt aber mal so richtig "bekämpfen" werde, diesen Spruch hat Uli Hoeneß längst mit Bedauern zurückgenommen. Feinde gibt es nur im Krieg. Und das Feindbild RB Leipzig? Das gehört doch auch schon irgendwie zum Establishment am Ende seines ersten Halbjahres im guten alten Fußballoberhaus namens Bundesliga. Die Bayern-Fans hatten zwar eine Menge Plakate gemalt "gegen den modernen Fußball" - aber wenn sie in der Südkurve Begriffe wie "Werte", "Mitbestimmung", "gewachsene Strukturen" und "Leidenschaft" hochhalten, dann ist das ja immer auch ein Wink an die eigenen Klubbosse, es mit ihren Internationalisierungs- und Kommerzialisierungs-Strategien bitte nicht zu übertreiben.

Feind, Feindbild - vor allem kam RB Leipzig am Mittwochabend als ein ernst zu nehmender Konkurrent zum Spitzenspiel nach München, als bestes Auswärtsteam der Liga, das an den ersten 15 Spieltagen genau so viele Punkte eingesammelt hatte wie der Branchenführer FC Bayern. Das Feindbild als Vorbild gewissermaßen. Aber als Vorbild wofür? Zum Beispiel dafür, dass man mit dem nötigen Kleingeld, klar, vor allem aber mit einem klaren Plan vom Fußball auch als Neuling seinen Weg hineinfinden kann in dieses vermeintlich so zementierte obere Tabellendrittel.

Und deshalb ist es jetzt schon ein bisschen schade, dass der Schiedsrichter Felix Zwayer in der 30. Minute die gelbe Karte, die er schon in der Hand hatte, um sie dem Leipziger Emil Forsberg unter die Nase zu halten, nach Rücksprache mit seinen Assistenten wieder in die Brusttasche verstaut und stattdessen die rote Karte aus der Gesäßtasche gefummelt hat. Ein Spitzenspiel ist gleich viel weniger Spitzenspiel, wenn der Herausforderer nur zu zehnt ist.

Ein Sieg im ungeliebten System: Das wirkt vertrauensbildend

Allerdings hatten die Leipziger auch zu elft schon weder als Feind noch als Feindbild getaugt. Mit dem alten Swingerclub-Spruch "Alles kann, nichts muss" hatte der Sportdirektor Ralf Rangnick wohl den Druck von seiner Mannschaft nehmen wollen - nicht, ohne trotzdem drei Punkte als klaren Arbeitsauftrag zu formulieren. Nichts muss, nichts kann, so sah es eher aus. Zu viel Ehrfurcht, das ist wahrscheinlich normal.

Beim FC Bayern haben sie den klaren Sieg natürlich als eine Art Wiederherstellung der alten Herrschaftsordnung empfunden, sie haben jetzt mal wieder allen klar gemacht, wer Herr und wer Hündchen ist in der Tabelle. Ein 3:0 gegen den ersten Herausforderer, damit geht man gleich viel selbstgewisser in die Weihnachtsferien. Es war eine Kombination aus Anpassung und Kontinuität. Die Außenverteidiger ließ Carlo Ancelotti weiter an der Außenlinie (bei Pep Guardiola waren sie noch halbe Mittelfeldspieler) aber meist spielte der FC Bayern gegen Leipzig im neueren 4-2-3-1 mit Thiago auf der Zehn und Arturo Vidal an der Seite des alten Recken Xabi Alonso. So groß ist der Unterschied zum 4-3-3 übrigens gar nicht, man sortiert nur die drei Mittelfeldspieler Thiago-Vidal-Alonso neu. Aber die Mannschaft fühlt sich in diesem System wohler und der Wohlfühl-Trainer Ancelotti bemerkt das natürlich.

Die eigentliche Botschaft ist darum: Das System ist gar nicht so wichtig, gewinnen können wir so oder so, und der Trainer weiß schon, was er macht - auch in Sachen Vertrauensbildung dürfte dieses Leipzig-Spiel für die Münchner hineinwirken ins kommende Jahr.

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SZ vom 22.12.2016/chge
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