Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Neue Abwehr ohne Chef

Von den möglichen Stamm-Innenverteidigern beim FC Bayern konnten sich bislang nur Tanguy Nianzou und Dayot Upamecano einspielen. Der Zugang von RB Leipzig interpretiert seine Rolle anders als sein Vorgänger.

Von Sebastian Fischer

Wenn es etwas gab an diesem Abend, das man mit hoher Wahrscheinlichkeit noch oft sehen wird in dieser Saison beim FC Bayern, dann waren es seine Pässe. Dayot Upamecano spielte sie schnell und scharf, manchmal mit Schnitt, oft auf die Flügel. "Er hat heute sehr gute Spieleröffnungsbälle drin gehabt", lobte Julian Nagelsmann. Ansonsten schwärmte der Trainer aber wenig. Vor allem bemühte er sich darum, ein paar Erwartungen zu dämpfen.

Mehr als drei Wochen lang arbeitet Nagelsmann, 34, nun bereits als Bayern-Coach, eine Woche bleibt nur noch bis zum ersten Pflichtspiel in der ersten DFB-Pokalrunde beim Oberligisten Bremer SV. Und trotzdem fängt gerade erst ein maßgeblicher Teil der Vorbereitung an: Seit Wochenbeginn sind die meisten Stammkräfte aus dem EM-Urlaub zurückgekehrt. Im letzten Testspiel am Samstag gegen SSC Neapel sollen alle, die da sind, 45 Minuten zum Einsatz kommen. Im vorletzten Test am Mittwoch, beim 0:2 gegen Borussia Mönchengladbach, machte von den Nationalspielern einzig Serge Gnabry schon eine halbe Stunde lang mit.

Nagelsmann sprach deshalb mit Bedacht über den Bundesliga-Start, der - ebenfalls gegen Gladbach - bereits in zwei Wochen ansteht. "Natürlich kann es auch sein, dass das ein oder andere Spiel zu Beginn nicht mega flüssig läuft, aber da sind wir nicht der einzige Klub. Das wird immer Zeit brauchen, bis sich alles findet", sagte er. Nagelsmann betonte, dass er eine "funktionierende Mannschaft" übernehme, voller "Spieler, die sich untereinander blind verstehen". Zwar wolle er auch "ein paar neue Dinge reinbringen, aber nicht auf Teufel komm raus in den ersten Spielen". Um den wichtigsten Spielern nun noch alle Inhalte zu vermitteln, dafür fehle die Zeit. Das müsse im Liga-Alltag geschehen.

Der deutsche Meister, so war das zu verstehen, soll demnächst erst mal sehr ähnlich weiterspielen, wie er im Mai unter Hansi Flick aufgehört hat, noch nicht zwingend von neuen Ideen oder Systemen des neuen Trainers geprägt. Und zunächst sollen in den Pflichtspielen mehr die Ergebnisse zählen als die Art und Weise, wie sie zustande kommen. Doch ein paar Erkenntnisse gab es natürlich trotzdem bereits zu gewinnen. Es gibt ja durchaus Spieler, die sofort eine prominente Rolle übernehmen sollen, obwohl sie sich mit den Kollegen noch nicht blind verstehen.

Nagelsmann klang versöhnlich, als er am Mittwoch darüber sprach, dass er als Bayern-Coach noch nie als Sieger den Platz verlassen hat. 2:3 gegen den 1. FC Köln im ersten Test, 2:2 gegen Ajax Amsterdam im zweiten, nun das 0:2 gegen Gladbach - er gewinne schon lieber als zu verlieren, auch in der Vorbereitung, sagte er. Doch es war dabei die für ihn typische Andeutung eines Grinsens in seinem Gesicht zu erkennen. In allen drei Spielen kamen viele Nachwuchsprofis zum Einsatz, die eher perspektivisch an Bedeutung gewinnen sollen. Nur in der Abwehrmitte, da spielten in der Startelf Upamecano, 22, und Tanguy Nianzou, 19, die womöglich auch zu Saisonbeginn gemeinsam auflaufen könnten.

Die Abwehr ist der Mannschaftsteil, der im Sommer die größte Veränderung erfahren hat, David Alaba und Jérôme Boateng sind nicht mehr da. Außerdem hat sich Lucas Hernández verletzt, Meniskuseinriss, ein paar Wochen wird er wohl noch ausfallen. Als potenzielle Innenverteidiger für die Stammelf kommen auch Benjamin Pavard und Niklas Süle infrage, die nun aus dem Urlaub zurück sind. Aber eingespielt haben sich erst mal Nianzou, das schon von Flick hoch gelobte Talent, und Upamecano - der neue Abwehrchef?

Der mehr als 40 Millionen Euro teure Zugang von RB Leipzig wisse, "dass er von Anfang an mit seinen Leaderqualitäten gefragt ist", sagte Sportvorstand Hasan Salihamidzic bei dessen Vorstellung Mitte Juli. "Die klassische Rolle des Abwehrchefs" allerdings, sagte Nagelsmann nun auf eine entsprechende Nachfrage, sei "nicht mehr ganz en vogue". Vielmehr gebe es auf dem Platz Ketten und Pärchen, coachen müsse jeder. Upamecano, den er aus zwei gemeinsamen Jahren in Leipzig kennt, sei "kein Lautsprecher und wird es auch nicht werden".

Alabas Kommandos auf Wienerisch waren charakteristisch für das Spiel der Bayern unter Flick, in den leeren Stadion waren sie besonders gut zu hören. Dass man seinen potenziellen Nachfolger am Mittwoch nicht hörte, lag aber wohl kaum an den 6000 Zuschauern in der Arena.

Upamecano werde schon noch lauter werden, mit etwas Zeit, wenn er seine neuen Mitspieler besser kennenlerne, sagte Nagelsmann. Doch alleine werde und müsse er die Kommunikation aus der Abwehr heraus nicht stemmen. Vor allem nehme er mit seiner Interpretation des Spiels eine tragende Rolle ein, mit seiner Bereitschaft, zu verteidigen, erklärte der Trainer. Ein paar neue Ideen finden also doch schon Anwendung.

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