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FC Barcelona:Koeman soll aufräumen

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Ronald Koeman im Trikot des FC Barcelona in der Saison 1990/91.

(Foto: imago images/Buzzi)

Nach dem Debakel gegen den FC Bayern wird der Niederländer Ronald Koeman den großen Umbruch als Barca-Trainer anleiten. Doch die Probleme sind zahlreich - und niemand weiß, was Messi will.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Am Dienstagvormittag kehrte Óscar Grau, der CEO des FC Barcelona, aus Amsterdam zurück - und gab sich noch wortkarg: "Ja, ich habe mit Ronald Koeman gesprochen", sagte er lediglich am Flughafen El Prat. Doch da galt es bereits als sicher, dass Koeman, aktuell niederländischer Nationaltrainer, Nachfolger des entlassenen Barça-Trainers Quique Setién wird. "Ja, ich würde gerne, das ist klar. Aber es ist nur endgültig, wenn es eine Vereinbarung gibt und die Unterschriften auf Papier sind. Ob ein Traum wahr wird? Wenn es weitergeht, ja ...", sagte Koeman, 57, dem Sender NOS, als er am Dienstag am Sitz des niederländischen Verbandes KNVB ankam - offenkundig, um letzte Details der Auflösung seines bis 2022 laufenden Vertrags zu klären. Sie umfasst eine Ablöse von angeblich mehr als sechs Millionen Euro.

"Wenn nichts mehr schief geht, wird Koeman nächste Saison Barça-Cheftrainer. Wir kennen seine Denke und seine Philosophie", wurde Klubchef Josep Maria Bartomeu am Abend Barças Twitter-Kanal zitiert. Es ging nichts mehr schief. Am Mittwoch folgte die Bestätigung.

Es ist eine Besinnung auf die Tradition: Koeman zählt zu den Figuren, die sich bei Barça unsterblich gemacht haben. 1992 schoss er im Landesmeister-Finale von Wembley gegen Genua das 1:0-Siegtor, er steht für den ersten Titel des FC Barcelona im höchsten europäischen Vereinswettbewerb, mit Trainer Johan Cruyff.

Doch ob das reicht, um einen Klub wieder aufzubauen, der seit dem 2:8-Desaster gegen den FC Bayern in Lissabon ruinierter aussieht als die Akropolis?

Am Dienstagabend gab der Klub auch die Entlassung des noch am Montag offiziell gestärkten Sportdirektors Eric Abidal bekannt. Der Franzose, bis 2013 als Verteidiger für den Klub im Einsatz, war seit Sommer 2018 im Amt. Er agierte zunehmend unglücklich, zudem galt Abidals Verhältnis zur Mannschaft, speziell zu Lionel Messi, als stark belastet. Sein Nachfolger wird Ramon Planes, zuvor Kaderplaner bei den Katalanen. Und noch eine schlechte Nachricht für Barça: Der deutsche Nationaltorwart Marc-Andre ter Stegen, der am rechten Knie (Patellasehne) operiert werden musste, fällt bis Ende Oktober aus.

Ronald Koemans Bilanz als Spieler war mit etlichen Meistertiteln, zwei Erfolgen im Landesmeister-Pokal (neben Barça 1988 mit Eindhoven) sowie dem EM-Titel von 1988 mit der Auswahl der Niederlande erfolgreicher als seine bisherige Trainerkarriere. Er hat zwar in den Niederlanden bei allen drei Großklubs gearbeitet (Ajax, Feyenoord, Eindhoven), zudem in Portugal bei Benfica und in England bei Southampton und Everton. Er holte sogar drei Meistertitel, mit Ajax und PSV. Aber er war auch in Spanien tätig - und hat dort wenige gute Erinnerungen hinterlassen.

Von Oktober 2007 bis April 2008 arbeitete er in Valencia und holte den Pokal. Weil er die Führungsspieler Cañizares, Albelda und Angulo absägte und so die prägenden Figuren einer Erfolgsgeneration demontierte, leidet sein Ansehen in Valencia bis heute. Nun soll er also bei Barcelona aufräumen. Der Kader solle "umfassend restrukturiert" werden, teilte der Verein mit.

Koeman selbst hatte bereits vor dem 2:8 im katalanischen Sender TV3 geunkt, dass Barcelona vor schwierigen Zeiten stehe. Im Grunde müsse man außer auf der Torwartposition die ganze Mittelachse neu besetzen, Gerard Piqué, Sergi Busquets und Luis Suárez seien über 30, auch auf den Abschied von Kapitän Messi müsse man sich einstellen: "¡Buena suerte!", viel Glück!, rief Koeman am Ende aus, mit hörbar ironischem Unterton. Nun wird er dieses Glück wohl selbst brauchen.

Sein Co-Trainer soll Landsmann Alfred Schreuder werden, der bis Juni den Bundesligisten Hoffenheim trainierte. Sollte sich die Verpflichtung bestätigen, müssten Koeman und Schreuder mit einer Reihe von Unbekannten umgehen - und mit einem gigantischen Mysterium. Denn auch vier Tage nach dem 2:8 blieb ungeklärt, was aus Lionel Messi wird. Aus seinem Umfeld heißt es, er schäume und sei im Grunde entschlossen, den Klub zu verlassen. Aber: Er grüble, wo es eine Zukunft für ihn geben könne und komme dabei nicht weiter. Kaum ein Klub kann sein Nettosalär von mehr als 50 Millionen Euro jährlich zahlen; er ist Sklave seines Gehalts.

Zuletzt wurde Inter Mailand genannt, wo die chinesischen Eigner, die Suning-Gruppe des Milliardärs Zhang Jindong, viel Geld haben. Aber dem Vernehmen nach hat Messi erst mal kein Interesse, in die Lombardei zu ziehen. Dass die Messis gerade Luxusimmobilien in Mailand gekauft haben, habe keinen sportlichen Hintergrund, heißt es; vielmehr wollten sie im großen Stil in der Bekleidungsindustrie auftrumpfen. Messi stellte 2019 eine eigene Modelinie vor; Mailand ist eine Haut-Couture-Metropole.

Auch ein Transfer zu Manchester City und Paris St. Germain würde sich schwierig gestalten, beide Klubs sind in ihrer Schlagkraft durch die Restriktionen des Financial-Fair-Play-Programms der Uefa gehemmt - und Messis festgeschriebene Ablösesumme liegt bei 700 Millionen Euro.

Bleibt Messi am Ende also doch? Vielleicht sogar über 2021 hinaus? Das hinge davon ab, ob Barça die Trümmer beseitigen und einen Neuaufbau einleiten kann. Dafür fehlt aber erst mal das Geld. El País schrieb, Bartomeu wolle nicht als jener Barça-Präsident in die Geschichte eingehen, der Messi verlor. Bartomeu selbst sagte am Dienstag: "Messi ist die wichtigste Säule des Projekts von Koeman." So oder so: Es dürfte ein heißer Sommer für den FC Barcelona werden.

© SZ vom 19.08.2020/schm
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