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FC Barcelona nach der "Katastrophe":Zweifel am müden Messi

Der FC Barcelona gibt sich fast geschlagen: Nach dem desaströsen 0:4 beim FC Bayern gratulieren Spieler und Trainer den Münchnern und erkennen deren Überlegenheit an. Dass Weltfußballer Lionel Messi die Laufbereitschaft eines Landesliga-Kickers mitbrachte, irritiert allerdings.

Von Thomas Hummel

Tito Vilanova ist für die Öffentlichkeit ein stummer Mann. Der Trainer des FC Barcelona musste sich zuletzt wochenlang einer Behandlung unterziehen, weil er an Ohrspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist. Seither ist sein Ko-Trainer Jordi Roura das Sprachrohr des Klubs - ein fleißiger, gescheiter Arbeiter, aber gänzlich ohne Charisma. Vilanova ist zur Freude aller immerhin wieder an die Seitenlinie zurückgekehrt. Doch in München strahlte der 44-Jährige dort kaum Energie aus.

Dieser hagere Mann, ausgewiesener Experte des Fußballs, der für einige das Gehirn hinter dem sagenhaften Trainer Pep Guardiola gewesen war, wirkte gegen den FC Bayern wie paralysiert. Er schaute regungslos dem hoffnungslosen Treiben seiner Spieler zu und startete auch keinen Versuch, dem prekären Spielverlauf durch frühzeitige Einwechslungen eine Wendung zu geben.

Erst in der 83. Minute brachte er den spanischen Nationalstürmer David Villa für Pedro - da stand es schon 0:4. Kurz vor Mitternacht verließ Vilanova wortlos, seinen Mantel über den Unterarm gelegt, das Stadion und stieg in den Mannschaftsbus. Kommentar? Keiner.

Ist Tito Vilanova das Sinnbild gewesen des FC Barcelona an diesem Abend, den die katalanische Zeitung Mundo Deportivo überschrieb mit "Katastrophe en Múnich"? Oder doch Lionel Messi, der zuvor angeschlagene Weltfußballer? Hätten die Beobachter nicht jahrelang die Bescheidenheit dieses begnadeten Kickers besungen, man müsste ihn nach dem Desaster im Halbfinal-Hinspiel der Champions League für eine Diva halten. Messi nahm kaum am Spiel teil, wirkte abwesend und resigniert. Mit seinen Dribblings kam er nicht durch, im früher so gefürchteten Pressing Barças spielte er keine Rolle.

Die spanischen Berichterstatter fragten ihn nach der Partie irritiert, ob er denn seine Oberschenkelverletzung wirklich auskuriert hatte. "Die Verletzung war okay, ich habe mich bereit gefühlt zu spielen", antwortete Messi. Allerdings erinnerte er daran, vor seinem Auftritt in München 15 Tage gefehlt zu haben. Doch rechtfertigt das einen derart müden Auftritt?

Die Zeitung Marca rechnete vor, dass Messi genau 7409 Meter gelaufen sei während der 93 Minuten. Ein Landesliga-Wert, Trainer wie Guardiola oder Jürgen Klopp werden fuchsteufelswild, wenn sich einer ihrer Profis so gehen lässt. Schon zweifelt Spanien, ob es richtig war, Messi überhaupt auflaufen zu lassen. Immerhin gab Roura wachsweich zu: "In der Schlussphase mussten wir unsere physischen Probleme anerkennen, die wir mitgeschleppt haben." Das war weit untertrieben.

Piqué: "Sie sind schneller, sie sind stärker"

Die Krux ist indes, dass das gesamte Offensivspiel Barcelonas auf den kleinen Argentinier ausgerichtet ist. Ohne ihn fehlt dem Ensemble die Torgefahr. Kommt Messi nicht zum Abschluss, geht fast nichts mehr. Weder Pedro noch Sanchez noch Iniesta oder gar Xavi konnten in diese Lücke stoßen. So war bezeichnend, dass ausgerechnet der Champions-League-Debütant und Innenverteidiger Marc Bartra die meisten Schüsse in Richtung von Manuel Neuer abgab: zwei. Bartra erwies sich dabei als derart nervös und überfordert, dass zunächst ein lächerlicher Roller herauskam. Der zweite Versuch landete im Seitenaus.

Den Status, die beste Mannschaft der Welt zu beherbergen, trägt die Stadt Barcelona einige Jahre mit Stolz. Nach dem Landesmeister-Pokal 1992 gelang 2006 der erste Sieg in der Champions League, 2009 der zweite und 2011 der dritte. Und in all den Jahren dazwischen, in denen Barça meist im Halbfinale ausschied, erkannten neun von zehn Experten an, dass dieser Klub den besten, auf jeden Fall den schönsten Fußball der Erde spielt.

Ging in München nun eine Ära zu Ende? Immerhin verloren die Katalanen im Laufe des Wettbewerbs ja schon in Glasgow und beim AC Mailand. Gegen Paris im Viertelfinale retteten noch die Geniestreiche des damals schon verletzten Messi.

Als Verteidiger Gerard Piqué noch auf dem Platz interviewt wurde, zuckte er so häufig mit den Schultern, dass von weitem zu erkennen war, dass da einer seine Machtlosigkeit in Worte fasste. "Sie sind schneller, sie sind stärker, sie spielen besser Fußball", erklärte der spanische Nationalspieler und bilanzierte: "Sie haben uns eine Tracht Prügel verpasst." Für das Rückspiel am 1. Mai im Stadion Camp Nou kündigte er an, dass eine Aufholjagd praktisch unmöglich sei. Immerhin für die Zuschauer müsse man noch einmal alles versuchen.

So gnadenlos analysierte zwar kein weiterer Katalane die eigene Unterlegenheit, doch war bei allen die Ratlosigkeit herauszuhören, die dieser Untergang in München hinterließ. Ko-Trainer Roura mäkelte ein bisschen an den zweifelhaften Schiedsrichter-Entscheidungen vor den ersten drei Gegentoren herum, erkannte aber: "Die Bayern waren besser. Wir haben keinen Weg gefunden, ihrem physischen Druck zu begegnen."

Während alle ihre Hoffnungen und ihren Mut zum Ausdruck brachten, im Rückspiel ein Fußball-Wunder vollbringen zu wollen, denkt Messi bereits an die Zeit danach. Erst einmal müsse die spanische Meisterschaft gesichert werden, was angesichts von 13 Punkten Vorsprung auf Real Madrid gelingen dürfte. Und falls man dieses Wunder gegen die Bayern nicht schaffen werde, dürfe nur wenig Zeit vergehen, "um die Vorbereitung auf die kommenden Saison zu beginnen".

Will die Stadt Barcelona dann wieder die beste Mannschaft der Welt beherbergen, gibt es nach dem Spiel vom Dienstagabend einiges zu tun.

Match-Fakten zu Bayern - Barcelona

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