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Barcelonas Demütigung:Am Boden angekommen

Champions League - Quarter Final - FC Barcelona v Bayern Munich

Geht er zu Inter Mailand? Barcelonas Lionel Messi.

(Foto: REUTERS)

Das 2:8 gegen Bayern wird rund um das Camp Nou ein Erdbeben auslösen. Trainer Setien wird nicht weitermachen, der Präsident steht vor dem Aus - aber alle Blicke richten sich auf Lionel Messi.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Es war 23.03 Uhr, als für die Expedition des FC Barcelona der letzte Spießrutenlauf des Abends anstand. Das war der Zeitpunkt, da die Mannschaft zwei Bussen entstieg, deren Aufschrift einer Zeile der Barca-Hymne entnommen ist. "Wir haben einen Namen, jeder kennt ihn.... Barca, Barca, Barca". Und sie entschwanden getragenen Schrittes und - die meisten jedenfalls - gesenkten Hauptes ins Sheraton-Hotel; der deutsche Torwart Marc-André ter Stegen als einer der letzten, er strich sich zwei Mal über die Stoppeln am Hinterkopf.

Drei, vier, vielleicht fünf Dutzend Fans hatten sich vor der Bleibe versammelt, sie standen hinter einem Gitter und in Schach gehalten von Beamten der portugiesischen Polizei, und meldeten sich doch zu Wort. Bei jedem Star, der aus einem der Busse stieg. In crescendo. Und das Gejohle war besonders laut, als Lionel Messi zu sehen war. "Sinvergüenza, Leo! Sinvergüenza!!!", krakeelte einer, der nicht zu denen zählte, die klangen, als seien sie Portugiesen, es ist das spanische Wort für ein schamloses Etwas. Und die Beschimpfungen verstummten erst, als auch der Letzte aus dem Team im Inneren des Hotels verschwunden war.

Wollte man die Barca-Hymne paraphrasieren, könnte man nun tatsächlich sagen: Jeder kennt nun ihre Namen - ter Stegen, Semedo, Busquets, Lenglet, Alba, Rakitic, de Jong, Vidal, Messi und Suárez, die mit 2:8 gegen den FC Bayern verloren hatten. Eine wirklich beispiellose Schmach, die nicht dadurch besser wird, dass es dem Hamburger SV in den vergangenenJahren oft ähnlich erging. Sondern schlimmer, wenn man daran denkt, dass Vidal auf die kleinen Sticheleien aus München am Vorabend der Partie gesagt hatte: "Die Bayern spielen nicht gegen ein Team aus der Bundesliga, sondern gegen Barca, die beste Mannschaft der Welt." Tja. "Historische Demütigung", titelten die Zeitung Sport aus Barcelona und die As aus Madrid; "Schande", titelte Marca über die Partie, bei der Barcelonas Lichter ausgingen, sinnigerweise im Estádio Da Luz, im Stadion des Lichts.

Es bedurfte schon in den Schlussminuten keiner großen Phantasie, um zu erahnen, dass das Camp Nou zum Epizentrum eines größeren Erdbebens werden würde. Und das Resultat war deutlich genug, dass sich Gerard Piqué, einer der größten Barca-Fans im Kader, einen Monolog zurechtlegen konnte, der zwar aus unvollendenten Sätzen bestand, es aber in sich hatte. "Schreckliches Spiel", sagte Piqué, "ein katastrophales Gefühl. Schande. Das ist das Wort. So kann man keinen Wettbewerb bestreiten. So kann man nicht durch Europa ziehen. Und es ist nicht das erste, das zweite und nicht das dritte Mal", fügte er in Anspielung auf die desaströsen Pleiten gegen Rom (0:3), Paris St.-Germain (0:4) und den FC Liverpool (0:4) hinzu.

"Es ist sehr hart, sehr hart. Ich hoffe, dass es zu etwas nütze ist. Und ja, jetzt müssen alle nachdenken. Der Klub braucht Wechsel, und ich rede weder vom Trainer noch von den Spielern. Ich möchte nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Strukturell braucht die Mannschaft, braucht der Klub alle möglichen Veränderungen. Niemand ist unverzichtbar. Wenn neues Blut kommen muss, um die Dynamik zu ändern, bin ich der Erste, der geht. Denn jetzt sind wir wirklich am Boden angekommen. Wir müssen schauen, was das Beste für Barca ist", proklamierte Piqué.

Dass Trainer Quique Setién, der im Januar Ernesto Valverde ersetzte, nicht mehr weitermachen wird, ist nun endgültig klar. Seine Absetzung dürfte eine Frage von Stunden sein. Präsident Josep María Bartomeu sagte, dass man nun einige "Entscheidungen, über die wir schon vorher nachgedacht hatten", umsetzen werde, ohne sie näher zu präzisieren. In Barcelona wurde er in einem Restaurant mit Mauricio Pochettino gesehen, aber der Ex-Trainer von Tottenham ist wegen seiner Espanyol-Vergangenheit und seinen Flirts mit Real Madrid für Barcelona-Fans ein rotes Tuch.

Auch am Morgen nach der Schmach stand noch eine Handvoll Fans vor dem Hotel, Polizisten und rund zehn Kamerateams waren da. Bartomeu ging um 9:43 Uhr zum Reisebus, zusammen mit Präsidiumsmitgliedern. Um kurz nach 10 Uhr waren dann alle weg. Sie gingen durch einen Nebeneingang heraus, den sie aber immer genutzt haben, um nicht durch die Lobby zu gehen.

Auch, wenn der Präsident das Wort Rücktritt umschiffte, wird auch vor ihm das Debakel nicht Halt machen. Es ist vermutlich die schlimmste Barca-Pleite der Geschichte. Schlimmer als das 1:11 bei Real Madrid von 1943, da konnte man es auf den Schiri schieben, schlimmer als die tragische Niederlage im Landesmeisterfinale von 1961; schlimmer als das 0:4 im Champions-League-Finale 1994 mit Trainer Johan Cruyff gegen den AC Milan.

"Bitte, meine Herren, gehen Sie (alle)", titelte ein Kolumnist der Zeitung El Periódico de Catalunya nach "Barcas großer Schande" (El País). Bartomeus Mandat endet im kommenden Jahr, aber es dürfte unumgänglich werden, die Wahlen vorzuziehen. Für Montag hat Bartomeu eine Krisensitzung einberufen. Dass er das Wort "Demission" vermied, kann im Grunde nur ein Motiv haben: den Klub jetzt nicht komplett führungslos durch die globale Krise schiffen zu lassen. Barcelona ist hoch verschuldet, hat durch die Einnahmeverluste der Corona-Krise kein Cash, absehbar keinen Trainer mehr - und muss dennoch den teuersten Kader der Welt bezahlen, der dringend renoviert werden muss.

Von der Mannschaft, die 2015 in Berlin das Triple perfekt machte und nach der spanischen Meisterschaft und den Pokal mit einem 3:1-Finalsieg gegen Juventus auch die Champions League gewann, standen am Samstag ter Stegen, Piqué, Alba, Busquets und Suárez auf dem Platz. Und natürlich: Lionel Messi.

Von ihm war Freitagnacht nicht ein Wort zu hören. Doch auf ihn richten sich nun alle Blicke, weil er als der heimliche Herrscher beim FC Barcelona gilt, und weil schon seit Wochen Gerüchte kreisen, er könne den Verein Richtung Italien verlassen. Er hat sich in Mailand eine Luxusimmobilie gekauft, die chinesischen Eigner von Inter Mailand wollen ihn angeblich in die Lombardei locken. Bislang war man in Barcelona davon ausgegangen, dass Messi bleibt, allen Gerüchten zum Trotz. Weil niemand das Nettogehalt von etwa 50 Millionen Euro bezahlen würde. Weil er sich an der katalanischen Küste mit seiner Familie zu wohl fühlt und sein Vertrag bis 2021 läuft. Aber nun lautet die Frage, mit der Barcelona am Samstag erwachte, ob man sich wirklich vorstellen kann, dass Messi Teil einer Mannschaft sein will, die gegen den FC Bayern mit 2:8 verliert.

© SZ.de/schm

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