FC Barcelona:Die Finanz-Alchemisten

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FC Barcelona: Von Manchester City zum FC Barcelona: Nationalstürmer Ferran Torres.

Von Manchester City zum FC Barcelona: Nationalstürmer Ferran Torres.

(Foto: Gerard Franco/Zuma Wire/imago)

Der FC Barcelona hat Milliardenschulden angehäuft. Trotzdem investiert der Klub sündhaft viel Geld in Talente wie Ferran Torres - und träumt von Erling Haaland. Wie geht diese Rechnung auf?

Von Javier Cáceres

Nicht nur das neue Jahr, sogar der Januar ist noch lang. Aber beim FC Barcelona steht der Mitarbeiter des Monats jetzt schon fest: Mateu Alemany, Fußball-Direktor des Klubs und Spezialist für die Quadratur des Kreises. Sein jüngstes Kunststück, am Vorabend des Clásicos gegen Real Madrid im Halbfinale des spanischen Supercups, das am Mittwoch in Saudi-Arabien ausgetragen wird (was im Lichte der dortigen Menschenrechtslage eine Geschichte für sich wäre): Alemany eiste den spanischen Nationalstürmer Ferran Torres los - bei Manchester City, aber auch beim spanischen Ligaverband LFP. Der hatte zunächst die Spielgenehmigung verweigert, weil der FC Barcelona sich jenseits des Rahmens der Financial-Fairplay-Regeln der LFP bewegt hatte.

Die Geschichte, wie das Geschäft bei Manchester City gelang, ist schnell erzählt: Barça verpflichtete sich, eine Ablöse von mindestens 55 Millionen Euro zu zahlen (und weitere zehn Millionen zu überweisen, wenn es in den kommenden Jahren Titel regnen sollte). Die Genehmigung durch die LFP gestaltete sich weitaus komplexer. Und lässt Alemany, der einst Präsident von Real Mallorca war und als Kaderplaner und Sportdirektor einen blendenden Ruf genießt, nun als einen Mann erscheinen, der gleichermaßen ein Meister der Finanz-Alchemie und der Algebra ist.

Die Ausgangslage des FC Barcelona könnte nämlich desaströser nicht sein. Die Schulden wurden im vergangenen Jahr auf mehr als 1,3 Milliarden Euro beziffert; nach Verlusten von mehr als 400 Millionen Euro aus der Corona-Saison 2020/21 konnten die dringendsten Rechnungen nur deshalb beglichen werden, weil man Kredite über mehr als 600 Millionen Euro an Land zog.

Aston Villa leiht Philippe Coutinho und übernimmt Teile seines Millionengehalts

Mit dem gepumpten Cash war das Financial-Fairplay-Problem aber nicht behoben: die dringend benötigte Senkung der Lohnkosten, die im Sommer 2019 noch bei 671 Millionen Euro lagen und die im vergangenen Sommer immerhin noch rund 420 Millionen Euro betrugen. Die Finanzkontrollnormen der Liga hätten eigentlich vorgesehen, dass Barças Lohnkosten in dieser Saison 97 Millionen Euro nicht übersteigen dürfen. Angesichts laufender Verträge ist eine solche Reduktion unmöglich - es sei denn, man stürzt den katalanischen Klub ad hoc aus dem Wettbewerb. Das heißt nicht, dass die Liga nicht auf eine Verringerung der Kostenstruktur drängen würde. Aber mit vergleichsweise sanftem Druck, und nicht mit dem Halseisen.

Dass die Ausgaben rigide und perspektivisch zurückgefahren werden, darüber wacht die Liga durch die Anwendung der sogenannten 1×4-Regel. Sie besagt, dass ein Klub, der die erlaubte Ausgabengrenze reißt, nur dann einen Euro in das Gehalt eines neuen Spielers investieren darf, wenn er zuvor vier Euro Gehalt anderweitig eingespart hat. Das hat Barcelona durch die Neustrukturierung von Verträgen und vor allem durch Weggänge geschafft. Der genaue Betrag ist unbekannt - aber für den laufenden Betrieb war Folgendes entscheidend: Dem Ligaverband war's erst mal genug.

Nachdem Großverdiener wie Lionel Messi (PSG) und Antoine Griezmann (Atlético Madrid) weg waren, sind auch weitere Spieler von der Payroll verschwunden. Darunter Sergio Kun Agüero, dessen Vertrag aufgelöst wurde, nachdem er wegen einer Herzerkrankung die Karriere beenden musste. Aston Villa borgte sich soeben die Offensivkraft Philippe Coutinho aus - und zahlt nun bis Saisonende einen erheblichen Teil des Gehalts des Brasilianers, das sich auf 28 Millionen Euro brutto belaufen haben soll.

FC Barcelona: Stimmte einer Streckung seines Gehalts zu: Innenverteidiger Samuel Umtiti.

Stimmte einer Streckung seines Gehalts zu: Innenverteidiger Samuel Umtiti.

(Foto: Pau Barrena/AFP)

Die kreativste Lösung wurde am Montag bekannt: Der französische Weltmeister Samuel Umtiti verlängerte seinen ursprünglich bis 2023 laufenden Vertrag beim FC Barcelona vorzeitig um drei Jahre - obschon er in dieser Saison nur einen Ligaeinsatz hatte und ihn der Klub erklärtermaßen verkaufen wollte. Aber: Barça teilte mit, dass Umtiti eingewilligt habe, das aktuell ausstehende Gehalt bis ins Jahr 2026 zu kassieren. Erst durch diese Verschiebung wurden die Gehaltskosten hinreichend gesenkt, um Spielraum für die Registrierung des Stürmers Torres zu haben; sie erfolgte am Montag.

Gerard Piqué macht sein Gehalt öffentlich - so groß ist der Druck

Jenseits davon haben sich eine Reihe von Profis zu einer Verringerung ihres Gehalts durchgerungen - in angeblich wirklich substanziellem Umfang. Nachdem ein Journalist im Regionalfernsehen TV3 behauptete, dass alleine der Kapitän Sergio Busquets und seine Stellvertreter Gerard Piqué und Jordi Alba Bruttojahresgehälter von insgesamt knapp 70 Millionen Euro hätten, dementierte nicht nur der Klub vehement. Piqué veröffentlichte einen Auszug aus den Eingängen seines Bankkontos aus dem Dezember. Demnach erhielt er da sein halbes Jahresgehalt für 2021 - weiterhin stattliche 2 328 884,39 Euro netto. Aber doch weniger als von vielen gedacht.

Große Hoffnungen ruhen jetzt noch auf einem Verkauf von Ousmane Dembélé, der die Kassen des Klubs mit mehr als 20 Millionen Euro belastet soll. Die österreichische Nachwuchshoffnung Yusuf Demir wiederum steht vor einer Rückkehr zu Rapid Wien. Er hat seit Wochen nicht mehr gespielt, weil bei seinem nächsten Pflichtspieleinsatz eine Kaufoption über zehn Millionen Euro fällig würde, die Barcelona nicht zahlen will oder nicht zahlen kann. Auch der Niederländer Sergiño Dest ist ein Abschiebekandidat. Trotz der misslichen Lage künden die Gazetten in Barcelona von einem anhaltenden Interesse an Stürmer Álvaro Morata, der derzeit als Leihspieler bei Juventus Turin agiert. Er gehört aber offiziell Atlético Madrid, könnte also mit Griezmann verrechnet werden.

Spannend ist freilich auch, dass Borussia Dortmunds Stürmer Erling Haaland (und dessen Berater Mino Raiola) im Sommer mit Geld überhäuft und mit der Aussicht auf eine junge, aufstrebende Mannschaft gelockt werden soll. Unter Trainer Xavi spielt die viel besser Fußball als zuletzt. Und der Kader ist voller Hoffnung weckender Talente wie Pedri, Ansu Fati, Gavi, Nico, Eric García oder eben Torres. Sie sind bei Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique genauso gesetzt wie die Altstars Busquets und Alba.

"Wir sind wieder da", ruft der Präsident Laporta. Hofft er noch auf die Super League?

Auch vor diesem sportlichen Hintergrund rief Präsident Joan Laporta zu Jahresbeginn: "Wir sind wieder da", und: "Die Wiederauferstehung Barcelonas ist eine Tatsache." Er rechnet offenkundig mit ein, dass die Super League doch noch irgendwie kommt - oder der Streit um das Projekt von Real Madrids Präsident Florentino Pérez wenigstens zu signifikant höheren Einnahmen führt. Aber: Das alles kann nicht verdecken, dass Barcelona ein riskantes Spiel betreibt.

Das Vorrunden-K.-o. in der Champions League riss ein Loch von mindestens 20 Millionen Euro, das in Europa nur gestopft werden kann, wenn das Team die Europa League gewinnt. Es ist immer noch offen, wer der neue Trikotsponsor werden soll, die Verträge von Rakuten (Brust) und Beko (Ärmel) laufen im Sommer aus; sie brachten bislang rund 40 Millionen Euro ein. Richtig finster aber würde es, wenn der Verein sich nicht für die kommende Champions League qualifizieren sollte. Auch das würde bares Geld kosten, und das nicht nur in Form von ausbleibenden Antrittsprämien. Die Zeitung El Periódico rechnete vor, dass Manchester United von seinem Ausstatter (Adidas) 30 Prozent weniger bekomme, wenn sich der Klub zwei Spielzeiten lang nicht für die Königsklasse qualifiziert. Doch so weit will man nicht denken: Ein Sieg gegen Real Madrid in Riad würde zumindest ein wenig des verlorenen Prestiges zurückbringen. Und die Hoffnung auf die Zukunft nähren.

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