Barcelona in der Champions League:Ein vollends zerzauster Klub

Champions League - Group E - FC Barcelona vs Bayern Munich

Geschlagen vom Platz: Die Spieler des FC Barcelona verschwinden nach dem 0:3 im eigenen Stadion in die Kabine.

(Foto: Albert Gea/Reuters)

Der FC Barcelona wirkt gegen Bayern phasenweise wie eine Mannschaft, die für ein Saisonvorbereitungsspiel rekrutiert wurde. Trainer Koeman steht unter Druck - setzt aber auf ein System, das dem Präsidenten nicht gefällt.

Von Javier Cáceres, Barcelona

Es gibt kaum einen Ort, der geeigneter wäre, die Temperatur des FC Barcelona zu erfühlen als El Kiosko Universal - ein Restaurant im berühmten Boquería-Markt, der direkt an der zentralen Flaniermeile Rambla liegt. Es wird dort jeden Tag viel über den FC Barcelona gefachsimpelt; es kehren dort einige Menschen aus dem direkten Umfeld des Klubs ein - und allmählich auch wieder Touristen und Touristinnen. Den Gästen aus Deutschland, die aus Anlass des Champions-League-Spiels vom Dienstag angereist waren, servierte der Wirt Antonio dieser Tage nicht nur feines Meeresgetier. Sondern auch eine gehörige Portion Defätismus. "Na? Hergekommen, um euch eine Runde über uns lustig zu machen?" Nun, der bayerische Humor hielt sich am schwülwarmen Dienstagabend in Grenzen. Aber eine deutliche und verdiente 0:3-Niederlage setzte es eben doch.

Der vorauseilende Kleinmut der Katalanen war nicht gespielt. Der einst große FC Barcelona ist ein vollends zerzauster Klub, der die jüngere Vergangenheit noch nicht mal ansatzweise überwunden hat. Wer sich Stunden vor dem Spiel in den Fanshops an der Travessera de Les Corts - einer der Zugangsstraßen zum Camp Nou - umschaute, der hatte den Eindruck, in einem Outlet-Shop gelandet zu sein.

Feilgeboten wurden Barça-Trikots, die mit den großen Namen der letzten Jahre beflockt waren. Was ja nichts anderes heißt, als dass die Hemden mit den Namenszügen von Antoine Griezmann, Luis Suárez und erst recht von Lionel Messi noch immer besser gehen als Shirts von Eric García oder Luuk de Jong. Obwohl Griezmann, Suárez und Messi längst woanders spielen. Ach, Messi: Am 07. Dezember 2004 hatte er bei Barça sein Champions-League-Debüt gefeiert, am Dienstag aber bereitete er sich mit Paris Saint-Germain auf seinen ersten Königsklassen-Auftritt mit den Franzosen vor, beim Klub Brügge. Ob er wohl am TV-Schirm saß?

Wenn ja, dürfte er kaum wahrgenommen haben, dass das Stadion ausgehungerter wirkte als Rocinante, das Klapperross von Don Quijote. Manche Fernsehbilder täuschen ja. Bis zu 40 000 Zuschauer hatten die örtlichen Behörde zugelassen und damit weniger als die Hälfte des Fassungsvermögens; am Ende kamen 39 737. Sie rieben sich anfangs die Augen: Der FC Barcelona wirkte doch tatsächlich wie eine Mannschaft, mit der man vor die Tür gehen kann. Nur, es hielt nicht lange an.

Trainer Ronald Koeman liegt mit dem Präsidium überkreuz

Je länger die Partie dauerte, desto mehr wirkte Barça im eigenen Stadion wie eine Mannschaft, die von den Bayern für ein Saisonvorbereitungsspiel rekrutiert worden war. Im Camp Nou machte sich jedoch bald das Gefühl breit, dass die Bayern Pietät walten ließen, dass sie die Autorität, mit der sie das Spiel regierten, nicht missbrauchen wollten. Das 2:0 durch Robert Lewandowski (56.) war für den größeren Teil des Barcelona-Anhangs bloß noch das Signal, Rechnungen zu begleichen. Luuk de Jong und Sergio Roberto mussten gellende Pfeifkonzerte ertragen, als sie ausgewechselt wurden. Sergio Roberto nicht nur wegen seiner schwachen Leistung, sondern auch, weil er noch nicht in die Gehaltskürzung eingewilligt hat, auf die der milliardenschwer verschuldete Klub angewiesen ist.

Und Trainer Ronald Koeman? Liegt mit dem Präsidium überkreuz. Bis in den Spieltag hinein gab es Scharmützel zwischen dem niederländischen Coach und Vorstandsmitgliedern, und es war umso bemerkenswerter, dass Koeman eine Fünferkette mit drei Innenverteidigern aufbot. Präsident Joan Laporta hat öffentlich erklärt, ein 4-3-3-System für stilecht zu halten. Koeman steht unter Druck; er schützt sich, indem er auf die Jugend setzt. Er wechselte Yusuf Demir ein und Gavi, Óscar Mingueza und am Ende den erst 17-jährigen Linksverteidiger Alex Balde. Sie wurden gefeiert, wie die Vorboten eines Funken Hoffnung.

Aber als die Bayern sich am Ende den Ball zuschoben, nachdem Lewandowski das dritte Bayern-Tor erzielt hatte, waren nur noch die Münchner Touristen zu hören, und ihre Olé-Rufe klangen nicht nur in den Ohren von Antonio wie Hohn.

© SZ/tbr
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