Handballer Mikkel Hansen:Sein letzter Lattenknaller

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Der letzte Wurf des großen Mikkel Hansen: Sein direkter Freiwurf landet an der Latte, Aalborg verliert 30:31 gegen Barcelona. Es war das letzte Spiel des 36-Jährigen für einen Verein. (Foto: Roberto Pfeil/AFP)

Im letzten Klubspiel seiner großen Karriere bleibt Mikkel Hansen sein Ziel verwehrt: Den Champions-League-Titel gewinnt der FC Barcelona – Hansen ist schwer enttäuscht.

Von Ralf Tögel, Köln

Kurz musste Mikkel Hansen lächeln – als seine beiden Kinder durch die Konfettischnipsel in der Lanxess-Arena tobten. Dann wurde er wieder ernst. Als er nämlich die knappe Niederlage seiner Aalborger Mannschaft erklären sollte, die gerade das Finale der Champions League in Köln gegen den FC Barcelona mit 30:31 Toren verloren hatte. Der Däne ist kein Mann der lauten Töne, man musste ihm dieses Mal besonders nahe kommen, um seine Worte zu verstehen. Was ihm durch den Kopf gehe? „Nichts“, sagte der 36-Jährige, „nur totale Enttäuschung.“ Beinahe hätte Hansen sein Team mit dem letzten Wurf noch in die Verlängerung geworfen, aber der Ball knallte an die Latte.

Es war sein letztes Spiel im Klubhandball, die letzte Chance zur Vollendung einer großen Karriere: Hansen war Meister in Dänemark, Spanien und Frankreich, er war Europameister, dreimal Weltmeister, Olympiasieger, dreimal Welthandballer, hat zahllose Rekorde aufgestellt als Torschütze – aber die Champions League hat er nie gewonnen. Allein mit Paris Saint-Germain stand er fünfmal im Final Four, nun scheiterte im Dress von Aalborg Handbold auch sein letzter Versuch.

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Titelverteidiger SC Magdeburg wird Letzter im Final Four und muss im Spiel um Platz drei auch noch eine Niederlage gegen KIel hinnehmen. Den Titel gewinnt der abgezockte FC Barcelona in einem hochklassigen Finale gegen den starken dänischen Meister Aalborg.

Von Ralf Tögel

Im Vorjahr war der Rückraumspieler aus Paris in die Heimat zurückgekehrt, der Start war schwierig. Hansen fiel zunächst wegen Stresssymptomen aus, zuletzt zwickte die Leiste. Aber er hat sich rechtzeitig zurückgekämpft und zeigte in Köln alte Führungsqualitäten. Zwar zählte er nicht mehr zur Startformation, aber beim Halbfinalsieg gegen Kiel und vor allem im Finale gegen Barcelona war er fast wieder der Alte.

Der französische Rückraum im Team von Barcelona war neben Torhüter Emil Nielsen maßgeblich für den Triumph

Hansen war mit acht Treffern bester Torschütze, lenkte umsichtig das Spiel und setzte seine Nebenleute ein. Zudem ist er ein zuverlässiger Siebenmeterschütze. Eine Qualität, die Trainer gerne in ihrem Kader wissen – auch Nicolaj Jacobsen, der das dänische Team bei Olympia zum Titel führen soll. Natürlich war er in der Halle, neben Mikkel Hansen stand in Köln das halbe dänische Nationalteam auf dem Feld, das Finale war für den Nationaltrainer eine Art Olympia-Casting. Es gibt keine andere Nation, die aus einem so großen Pool an Weltklassespielern auswählen kann.

Da waren die Torhüter: Emil Nielsen aufseiten der Katalanen und Niklas Landin im Tor von Aalborg, der 35-Jährige ist der einzige Torhüter, der sich Welthandballer nennen darf (2019 und 2021). Am Ende hatte aber der acht Jahre jüngere Nielsen die Nase vorn, er parierte in der Schlussphase die entscheidenden Würfe, was Barcelona den zwölften Sieg im höchsten europäischen Wettbewerb brachte.

Im Aalborger Rückraum bewarben sich der wuchtige Thomas Arnoldsen sowie Linkshänder Mads Hoxer Hangaard, die beide sechsmal trafen, um einen Platz im dänischen Kader, ebenso die Abwehrschränke Henrik Möllgaard und Simon Hald, die auch im Nationalteam ein furchterregendes Innenblock-Duo bilden. Dass das nicht für den Sieg genügte, lag zuvorderst am französischen Rückraum von Barcelona. Melvyn Richardson, Dika Mem und Timothey N'Guessan erzielten 21 der 31 Tore und waren neben Schlussmann Nielsen für den Sieg maßgeblich.

Barcelona feiert in Köln. (Foto: Vitalii Kliuiev/Imago)

All diese Weltklasseakteure boten den 20 000 Zuschauern einen Kampf auf höchstem Niveau. Die Spanier beeindruckten mit Präzision und Effizienz, scheinbar nichts kann diese Mannschaft aus dem Rhythmus bringen. Barcelona stellt trotz des Sparkurses, der den Handballern vom hoch verschuldeten Verein auferlegt wurde, einmal mehr ein großartiges Team. Die Katalanen haben ein geduldiges und effektives Positionsspiel, größter Trumpf aber ist das Tempo, mit dem Angriffswellen über die Gegner rollen – wofür sie fast schon traditionell in Aleix Gomez und Aitor Arino Bengoechea erstklassige Außen im Kader haben. Und Barcelona weiß ein Riesentalent in seinen Reihen: Der gerade mal 18-jährige Spielmacher Petar Cikusa Jelicic bekommt von Trainer Carlos Ortega viele Spielanteile und könnte der nächste Große des Welthandballs werden.

Die deutschen Final-Four-Vertreter Magdeburg und Kiel können nicht ihre Bestform abrufen

Die beiden deutschen Vertreter im Final Four konnten diesem Anspruch nicht gerecht werden. Der SC Magdeburg, nationaler Double-Sieger, verlangte den Dänen im Halbfinale bei der knappen 26:28-Niederlage zwar alles ab, unterlag im Spiel um Platz drei dann aber dem THW Kiel 28:32. Die Kieler Saison darf man trotzdem als missglückt bezeichnen, der THW schloss die Bundesliga nur als Vierter ab – wodurch die Qualifikation für die Königsklasse in der kommenden Saison verpasst wurde. Zu wenig für den Rekordmeister, weshalb Geschäftsführer Victor Szilagyi eine schonungslose Analyse nebst Konsequenzen ankündigte.

Dänemarks Nationaltrainer Nicolaj Jacobsen dürfte deutlich euphorischer aus Köln abgereist sein, sein größtes Problem wird es jetzt, das Angebot an Spitzenkräften für Paris auf 14 Spieler zu beschränken. Mikkel Hansen hat jedenfalls eine eindringliche Empfehlung für die Sommerspiele hinterlassen; Jacobsen ließ den Fernsehsender TV2 wissen, dass er an seinem jahrelangen Anführer in dieser Form wohl schwer vorbeikommen werde. Hansen selbst wollte nichts Erhellendes beitragen, nur: „Da müssen sie den Trainer fragen.“ Dabei huschte ihm doch tatsächlich ein Lächeln über die Lippen.

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