Pep Samitier war einer der ersten großen Stars des Fußballs in Spanien. In den 1920er- und 1930er-Jahren spielte er sowohl für den FC Barcelona als auch für Real Madrid. „L’home llagosta“, der Langusten-Mann, wie sie ihn nannten, war nicht nur ein feiner Kicker. Sondern auch ein Produzent von Aphorismen, die man in Marmor meißeln konnte. Besonders bekannt ist sein Diktum: „Wäre der Fußball ein (einträgliches) Geschäft, so hätten ihn sich die Banken geschnappt.“
Wäre Samitier gut 53 Jahre nach seinem Ableben von den Toten auferstanden und hätte er sich dann am Sonntag zur Mitgliederversammlung des FC Barcelona begeben, so hätte er verblüfft feststellen können, wie sehr sich die Dinge verändern können. Denn es scheint, dass der FC Barcelona tatsächlich einem Geldinstitut gehört, genauer: der Investmentbank Goldman Sachs.
Am Vorabend der Mitgliederversammlung kam das besonders gut in einem Interview mit Barça-Schatzmeister Ferran Olivé zum Ausdruck, es erschien in der Zeitung El Periódico. Es ging dabei – wie auch bei der Mitgliederversammlung – um die übergeordnete Frage, warum die Rückkehr des FC Barcelona ins angestammte Stadion, die 90 000-Mann-Arena Camp Nou, seit fast einem Jahr überfällig ist. Oder, was das Gleiche ist, warum sich die Renovierung so sehr hinzieht.
Die erste Phase der Rückkehr war zur 125-Jahrfeier im November 2024 angedacht gewesen, mit einem provisorischen Fassungsvermögen von 60 000 Zuschauern, das sukzessive gesteigert werden sollte. Der Plan wurde nicht nur verworfen: Zu Beginn der laufenden Saison musste Barcelona sogar ein paar Spiele im Stadion in Sant Joan Despí austragen, wo sonst die Frauen und der Nachwuchs spielen – vor 6000 Zuschauern vor den Toren Barcelonas.
Am Freitag konnte der FC Barcelona nun zwar einen Teilerfolg erzielen, nach mehreren vergeblichen Anläufen erhielt Barça von der Stadt die „Erstbezugslizenz“. Die Behörden genehmigten dem Klub, ab sofort bis zu 25 991 Zuschauer im Camp Nou zu beherbergen. Barça teilte jedoch umgehend mit, dass man vorerst auf die Rückkehr verzichten wolle. Erst wenn die Erlaubnis vorliege, rund 45 000 Zuschauer zu begrüßen und also die zweite Phase des Umbaus abgeschlossen sei, wolle man wieder ins Camp Nou.
Flick sieht Rot und fehlt kommenden Sonntag beim Clásico gegen Real
Zöge Barça jetzt schon ins Eigenheim, würde es zu viele Einnahmen verlieren. Ein Zuschauervolumen von 45 000 entspricht in etwa der Kapazität des (städtischen) Olympiastadions, wo Barça seit Beginn des Umbaus die meisten seiner Heimspiele ausgetragen hat – und auch am Samstag spielte. Gegen den katalanischen Regionalrivalen FC Girona siegte Barça durch ein spätes Tor von Ronald Araújo mit 2:1, Hansi Flick feierte mit einer Geste, die vom Referee als obszön empfunden und mit einer Verwarnung bedacht wurde. Weil Flick sich darüber aufregte, sah er eine zweite gelbe und somit eine rote Karte. Flick verpasst damit am kommenden Sonntag den Clásico bei Real Madrid.
Es gibt nicht wenige Mitglieder, die Präsident Joan Laporta auch die rote Karte zeigen würden. Wegen Jahresfehlbeträgen, die nach Berechnungen des Oppositionsführers Víctor Font seit dem Beginn der Amtszeit vor viereinhalb Jahren bei kumuliert einer Milliarde Euro liegen. Und wegen des Chaos rund ums Stadion. Das gilt spätestens, seit der Radiosender Cadena SER Anfang vergangener Woche enthüllte, dass der Bauträger des monumentalen und milliardenschweren Umbaus, die türkische Firma Limak, 2023 bei der Ausschreibung nicht nur nicht am besten, sondern am schlechtesten abgeschnitten hatte.
Dass da etwas nicht stimmte, ahnte man schon am Tag, da die Wahl auf Limak fiel: Das für den Umbau zuständige Präsidiumsmitglied von Barça reichte umgehend seinen Rücktritt ein, schwieg sich aber – vielsagend? - über den Grund der Demission aus.
Zu den Punkten, die bei der Bewertung besonders gegen Limak sprachen, zählte einerseits die Forderung, einen Vorschuss von 200 Millionen Euro auf den Tisch zu legen. Spanische Mitbewerber hätten sich mit zwölf Millionen begnügt. Zudem soll Limak nicht schlüssig dargelegt haben, wie die Bautermine eingehalten werden sollen. Aber, und hier kommt Goldman Sachs ins Spiel, Limak stach die Konkurrenten an einer anderen Front aus.
Denn: Der Kostenvoranschlag lag weit unter dem Preis spanischer Bewerber, sagte Olivé. Daraufhin habe Goldman gesagt: „Ich kann meinen Investoren nicht unterbreiten, ein Angebot anzunehmen, das 300 oder 400 Millionen (Euro) über anderen liegt.“ Im Übrigen sei Goldman nach eigenen Machbarkeitsprüfungen zu dem Schluss gekommen, dass Limak sehr wohl alle Voraussetzungen erfülle, um das Bauprojekt abzuschließen. „Die Entscheidung traf am Ende Goldman“, erklärte Olivé. Womit umrissen war, wem der Klub tatsächlich gehört: nicht mehr den Mitgliedern, die viel auf das Vereinsmotto halten, Barça sei „mehr als ein Klub“. Das letzte Wort haben bei entscheidenden Fragen Investmentbanker aus Manhattan.

Die Unruhe, die das unter vielen Barça-Mitgliedern auslöst, ist enorm. Denn es wirkt wie ein Vorbote auf das, was kommt. Die Schuldenlast bei Barça ist mittlerweile in der Sphäre des Unvorstellbaren angelangt. Der Klub steht mit insgesamt rund 2,6 Milliarden Euro in der Kreide – den von Goldman Sachs syndizierten Kredit für den Stadionumbau eingerechnet, er liegt bei 1,5 Milliarden Euro. Das Nettokapitalvermögen liegt aktuell bei minus 150 Millionen Euro.
Zwar verweist der Klub darauf, dass den Außenständen Vermögenswerte gegenüberstehen, die sogar knapp berechnet seien: Jungstar Lamine Yamal etwa, ein Eigengewächs, ist in den Büchern mit null Euro verbucht, hat aber einen Marktwert von 200 Millionen Euro. Die Marketingtochter BLM stehe entgegen anderslautender Gerüchte nicht zum Verkauf und werfe immer mehr Gewinne ab; gleichzeitig seien die Gehaltskosten von untragbaren 98 Prozent der ordentlichen Einkünfte auf rund 54 Prozent gesunken.
Gleichwohl warnen lokale Medien davor, dass Goldman möglicherweise Sonderverwalter vorbeischicken werde, „Men in Black“, um die Interessen seiner Investoren zu wahren. Oder die Umwandlung Barças in eine Sport-Aktiengesellschaft voranzutreiben. Oder beides.
Laporta versicherte das Gegenteil. „Ich höre seit viereinhalb Jahren, dass wir Barça in eine AG verwandeln werden. Geschwätz! Wir sind die Garanten dafür, dass Barça immer seinen Mitgliedern gehören wird. Vielleicht sogar die einzigen Garanten“, rief Laporta am Sonntag – und wetterte gegen die „Alleswisser“. Man stehe „sehr viel besser da“ als zu Beginn seiner Amtszeit vor vier Jahren. Bei 412 von 553 stimmberechtigten Mitgliedern kam das an: Sie entlasteten das Präsidium – und billigten den Etat für die kommende Saison, der steigende Einnahmen vorsieht.

