Süddeutsche Zeitung

FC Augsburg:"Wir fangen keine Trainerdiskussion an"

Augsburgs Geschäftsführer Stefan Reuter erneuert sein Bekenntnis zu Trainer Heiko Herrlich, fordert Geschlossenheit und erinnert an die einst lohnende Entscheidung, am damaligen FCA-Coach Weinzierl festgehalten zu haben.

Von Maik Rosner

Das Porträt ist Ausdruck eines Lebensmottos, jedenfalls in Verbindung mit dem Leitspruch daneben. "Es ist nie zu spät noch einmal durchzustarten", ist da zu lesen. Daneben steht Udo Lindenberg mit einer Hand an einem Cello, stilecht mit Sonnenbrille. Gemalt hat der Musiker das Bild selbst. Der Spruch ist angelehnt an eine Liedzeile aus seinem Song "Durch die schweren Zeiten".

Stefan Reuter, der Geschäftsführer Sport des FC Augsburg, hat Lindenbergs Selbstporträt einmal geschenkt bekommen. Es hängt in seiner Wohnung und dient ihm zudem als Profilbild bei WhatsApp. Mit der aktuellen Debatte um den FCA-Trainer Heiko Herrlich hat es zwar nichts zu tun, weil Reuter Lindenbergs Porträt bereits seit Sommer 2020 als Profilbild nutzt. Es passt aber sehr gut zum klaren Bekenntnis zu Herrlich, das Reuter am Dienstag gegenüber der SZ noch einmal in aller Deutlichkeit erneuert hat. Für ihn beinhalte Lindenbergs Leitspruch "aus Überzeugung zu handeln, nie locker zu lassen und auch aus schwierigen Phasen gestärkt hervorzugehen", sagt er. "Nach einigen schlechten Ergebnissen wird immer sofort die Trainerfrage aufgeworfen. Wir sind gut beraten, die Situation realistisch einzuschätzen."

Es ist durchaus ungewöhnlich, wie vehement Reuter sich gerade vor Herrlich wirft

Reuter räumt vor dem Ligaspiel am Freitag in Leipzig ein, dass sowohl Ertrag als auch Spielweise gerade nicht zufriedenstellend seien. Das sähen alle so, auch Herrlich. "Aber wir fangen deshalb keine Trainerdiskussion an", sagt Reuter, "wir bleiben ruhig, vertrauen dem Trainer, der absolute Qualität und sehr viel Erfahrung hat." Mit dem Szenario Abstieg beschäftige man sich nicht, "weil wir überzeugt sind, dass wir die Situation gemeinsam meistern".

Es ist einerseits naheliegend, dass Reuter um Ruhe bemüht ist und versucht, die Debatten um Herrlich auszubremsen. Andererseits ist es durchaus ungewöhnlich, wie vehement Reuter sich gerade vor seinen ehemaligen Mitspieler bei Borussia Dortmund wirft. Beinahe könnte man meinen, es gehe nicht allein um die Trainerfrage, zumal zuletzt Kritik an Reuters Personalentscheidungen laut geworden war. Dieser Kritik stelle er sich, sagt der 54-Jährige. Zugleich verweist er auf die Gesamtentwicklung des Vereins nach zehn Jahren Bundesliga, seit Ende 2012 mit Reuter als Manager. "Eine große Erfolgsgeschichte" sei mit dem FCA gelungen, der finanziell weiterhin zu den Kleinen der Liga zählt. Zugleich appelliert er: "Nur mit Geschlossenheit werden wir uns gegen die Konkurrenz behaupten können."

Es heißt, Manuel Baum und Markus Weinzierl seien als mögliche Nachfolger im Gespräch

Womöglich ist das nicht nur als Botschaft an die Mannschaft zu verstehen, sondern auch an die Gremien des FC Augsburg, in denen nicht immer alle einer Meinung sind. Im Verein, so ist zu vernehmen, stehen wohl nicht alle ganz so fest zu Herrlich nach zuletzt fünf Niederlagen in sechs Partien. Hinzu kommt, dass die angestrebte spielerische Entwicklung der Mannschaft, der nun auch noch der am Sprunggelenk operierte Stamm-Linksverteidiger Iago mehrere Wochen fehlt, nicht recht vorangekommen ist. In diesem Kontext ist es vielleicht zu verstehen, warum Reuter bereits am Samstag nach der 0:2-Niederlage gegen den Tabellendritten VfL Wolfsburg in der ARD so deutlich versucht hatte klarzustellen, dass Herrlich nicht zur Disposition stehe.

Dennoch berichtete das Fachmagazin kicker, die Luft für Herrlich werde "immer dünner". Im Umfeld des Vereins seien sogar bereits die ehemaligen FCA-Trainer Manuel Baum und Markus Weinzierl als mögliche Nachfolger im Gespräch. Reuter sagt dazu: "Die Frage stellt sich für uns nicht." Natürlich gebe es Unzufriedenheit, und dass "Fans oder Menschen im Umfeld diskutieren, ist völlig legitim". Aber: Man habe schon bei Weinzierl "in einer noch viel schwierigeren Situation" gute Erfahrungen damit gemacht, am Trainer festzuhalten. Das habe dazu geführt, dass Weinzierl über einige Jahre erfolgreich beim FCA war.

So will Reuter auch sein Eintreten für den aktuellen Trainer verstanden wissen, er sagt: "Auch von Heiko Herrlich sind wir überzeugt." Höhepunkt in Weinzierls Amtszeit war der bisher einzige Einzug in den Europapokal. Erst in der Zwischenrunde der Europa League schied Augsburg 2016 knapp gegen den FC Liverpool aus. Von derartigen Ausreißern nach oben sind sie nach elf Monaten unter Herrlich mit fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz gerade sehr weit entfernt. Andererseits, so sieht es Reuter: Für Lindenbergs Lebensmotto ist es nie zu spät.

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