Beim FC Augsburg hat sich einiges verändert mit Sandro Wagner, darunter der Tonfall. Beleg dafür war vor seinem Bundesligadebüt als Chefcoach an diesem Samstag beim SC Freiburg ein kurzer Wortwechsel, in dem das angriffslustige Naturell des neuen FCA-Trainers deutlich wurde. „Herr Wagner, nervös?“, fragte ein Reporter. „Ich?“, fragte Wagner zurück. „Ja“, sagte der Reporter. „Nee, Sie?“, konterte Wagner.
Es ist für den FC Augsburg auch ein Aufbruch in ein Abenteuer, und gestaltet wird dieses maßgeblich von Wagner, der als Cheftrainer auf nur zwei Jahre in der viertklassigen Fußball-Regionalliga Bayern in seinem Wohnort Unterhaching zurückblicken kann. Dennoch glaubt Wagner fest daran, als Coach erfolgreicher zu werden, als er es als Spieler war. Über das Wie möchte er aber branchenüblich nicht wirklich sprechen. Wohl auch, weil er den Gegnern damit zu viel verraten könnte. Zudem macht man sich ja angreifbar, wenn man konkret wird und dann nicht erfolgreich sein sollte. Also sagt Wagner zu seinen Plänen lieber nur sehr allgemein, das Ziel sei, zu gewinnen. Ob er das Publikum nicht etwas mitnehmen könne in seine Gedankenwelt und Vorhaben oder ob er sage, das sieht man dann auf dem Platz? „Ich hoffe, ihr seht es am Samstag auf dem Platz, weil sonst wäre das schon ein wenig zu selbstbewusst“, antwortet Wagner.
Praktischerweise für ihn haben die Inhalte bisher ohnehin noch keine große Rolle gespielt. Vor allem die Sprüche und die Vita des neuen Augsburger Trainers standen im Mittelpunkt des Interesses, seit der frühere deutsche Nationalspieler beim FCA vor sechseinhalb Wochen angefangen hat, auf sein zweites Bundesligadebüt hinzuarbeiten. Als Profi hat der ehemalige Stürmer in Deutschlands höchster Spielklasse für Bayern, Bremen, Kaiserslautern, Hertha, Darmstadt und Hoffenheim insgesamt 180 Einsätze absolviert und 44 Tore geschossen. Nun trägt der 37-Jährige erstmals als Bundesligacoach Verantwortung dafür, dass seine Mannschaft in Freiburg Tore erzielt und aus seiner Sicht bestenfalls genau deshalb gewinnt, weil er ihr dafür unter anderem die richtigen Lauf- und Passwege vermittelt hat. Was man jetzt schon sagen kann: Es sind einige neue dabei.
Manche seiner Neuerungen sind natürlich schon aufgefallen. Besonders sichtbar war jene XXL-Videowand, die der Trainer auch ins Trainingslager nach Oberösterreich transportieren ließ, um während der Einheiten seine Erklärungen mit Bewegtbildern unterfüttern zu können. Die Spielweise soll aktiver werden als in den vergangenen Jahren und unter seinem Vorgänger Jess Thorup. Nach den bisherigen Eindrücken zählen zu den Neuerungen mehr Ballbesitz, mehr Kontrolle beim Aufbau, weniger lange Bälle, mehr Kurzpassspiel übers Zentrum und ein höheres Verteidigen der gesamten Mannschaft. Zudem sollen mehrere Systeme verinnerlicht werden. Vor allem aber gilt als oberstes Prinzip: mehr Fußball spielen, nicht nur Fußball arbeiten, wie das viele Jahre in Augsburg praktiziert worden war, ziemlich unabhängig vom jeweiligen Trainer. Womöglich lag das zumindest teilweise auch an der Qualität des kickenden Personals.
„Sandro ist wirklich der erste Trainer, bei dem ich schon in den ersten drei Wochen extreme Kopfschmerzen habe, weil es sehr viel Input ist“, sagt Angreifer Tietz
Für die Mannschaft sind Wagners zahlreiche Neuerungen durchaus anstrengend. „Sandro ist wirklich der erste Trainer, bei dem ich schon in den ersten drei Wochen extreme Kopfschmerzen habe, weil es sehr viel Input ist“, sagte Angreifer Phillip Tietz während der Vorbereitung. Auch personell und strukturell verschiebt sich unter Wagner einiges. Einen klassischen Mannschaftsrat gibt es nicht mehr. „Ich bin kein Freund davon, alles so zu machen, wie es vor zehn oder 20 Jahren war“, sagte Wagner dazu.
Innovationen gefallen ihm umso mehr. Mit der Vorgabe des Vereins, verstärkt Talente einzubauen, identifiziert er sich. Dem kürzlich 20 Jahre alt gewordenen Mert Kömür ist eine tragende Rolle zugedacht. Der offensive Mittelfeldspieler darf sich nach seinen 23 meist eher kurzen Einsätzen in der vergangenen Saison Hoffnungen auf viele Startelfmandate machen, auch schon in Freiburg. „Ich nehme ihn super positiv wahr, bin überrascht, wie gut er wirklich ist“, sagt Wagner. Dennoch brauche der sehr lernwillige Kömür wie jeder junge Spieler natürlich noch „viel auf die Festplatte“. Aber er denke schon oft „Wow!“, wenn er Kömür beobachte.
Der Hochbegabte aus der eigenen Jugend scheint damit ebenso ein Profiteur des neuen Trainers werden zu können wie der erfahrene Steve Mounié, 30. Der Angreifer hatte seit seinem ablösefreien Wechsel von Stade Brest im vergangenen Sommer kaum eine Rolle gespielt. Nun darf Benins Nationalstürmer hoffen, als zweiter Angreifer neben Tietz aufgeboten zu werden, wie am vergangenen Sonntag beim 2:0-Pokalsieg beim Regionalligisten Hallescher FC. Wagner sagt zu dem Routinier mit der doppelten Staatsbürgerschaft: „Er führt die Franzosengruppe sehr, sehr gut, er ist da so ein bisschen der Papa.“ Zudem traf Mounié in Halle zum 1:0. Auch das System mit Doppelspitze ist übrigens ungewohnt für den FCA, und in Freiburg geht das Abenteuer ja erst richtig los. Für Wagner und seine Augsburger Mannschaft.

