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FC Augsburg:Jetzt aber wirklich

Heiko Herrlich

Zum ersten Mal auf der Bank: Heiko Herrlich.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Nach seinem Einkaufs-Eklat debütiert Heiko Herrlich am Sonntag auf Schalke als Trainer des FC Augsburg - am 75. Tag im Amt.

Von Sebastian Fischer

Am Freitag betrat Heiko Herrlich den Pressekonferenzraum im Stadion des FC Augsburg, und diesmal wollte er natürlich unter keinen Umständen einen Fehler machen. Eine Kamera filmte, wie er sich hinsetzte, mit einem Handgriff seinen Mundschutz abnahm und danach über das anstehende Bundesligaspiel bei Schalke 04 sprach. Die Kamera filmte ihn immer noch, als er rund zwanzig Minuten später solange noch sitzen blieb, bis er den Mundschutz wieder aufsetzt hatte.

Er hielt die Hygiene-Regeln ein. Und er berichtete auch nichts Gegenteiliges. Herrlich, 48, wird am Sonntag um 13.30 Uhr, an seinem 75. Tag als Trainer des FC Augsburg, zum ersten Mal auf der Bank sitzen, jetzt aber wirklich. Wie er vor einer Woche sein Debüt am ersten Bundesligaspieltag nach der Saisonunterbrechung selbst verschuldet verpasst hatte, diese Geschichte hatte es ja zu großer Bekanntheit weit über die Landesgrenzen hinaus geschafft. Gar in der US-Satire-Show "Last Week Tonight", die sich tendenziell eher wenig mit schwäbischem Fußball beschäftigt, erwähnte Moderator John Oliver diesen Coach in Germany, der das Hotel verließ, um Zahnpasta zu kaufen, damit gegen die Quarantäne-Regeln verstieß und dann freimütig davon erzählte, bevor er seinen Fehler erkannte und sich selbst die Strafe auferlegte, erst nach zwei negativen Corona-Tests die Mannschaft wiederzusehen.

Das 1:2 gegen Wolfsburg, Augsburgs erstes Spiel nach rund zwei Monaten Saisonunterbrechung und sein erstes als verantwortlicher Trainer, seit er die Mannschaft am 10. März kurz vor der Pause übernommen hatte, verfolgte Herrlich deshalb in einer Loge im Stadion. Am Montag betrat er wieder den Trainingsplatz. Und als er nun auch wieder in die Öffentlichkeit zurückkehrte, im Rahmen der in diesen Tagen üblichen Video-Pressekonferenz, sprach er auffällig wenig über sich selbst. "Ich freue mich, dass es jetzt endlich für mich losgeht", das schon. Zu seinem Supermarktbesuch sei allerdings alles gesagt.

"Es gab zu Recht Kritik", sagte Herrlich. "Auch den Hohn und Spott kann ich ertragen."

"Ich war naiv, dumm oder doof, wie auch immer Sie das bezeichnen möchten", hatte Herrlich unter der Woche der Bild-Zeitung erklärt. "Es war gleich doppelt dumm von mir, dass ich während der Quarantäne einkaufen war - und es in der Pressekonferenz frei heraus erzählt habe". Und: "Es gab zu Recht Kritik. Auch den Hohn und Spott kann ich ertragen. Ich selbst hätte wahrscheinlich ebenfalls über mich geschmunzelt."

Tatsächlich blieben also zur vielleicht kuriosesten Anekdote rund um den Bundesliga-Neustart in der Corona-Krise wenige Fragen offen. Sogar DFL-Geschäftsführer Christian Seifert lobte Herrlichs Reaktion auf seinen Fehler als "absolut vorbildlich". Eine der wenigen offenen Fragen ist jedoch, ob die Geschichte Herrlichs Beziehung zur Mannschaft beeinflusst, seiner Glaubwürdigkeit womöglich schadet. Die Frage hatten bislang andere zu beantworten versucht: "Heiko genießt hohe Akzeptanz", sagte etwa Manager Stefan Reuter. "Wir sind alle froh, wenn er wieder auf der Bank sitzt", sagte Linksverteidiger Philipp Max. "Ich schaue in die Zukunft. Alles andere müssen Sie die Spieler fragen", sagte am Freitag Herrlich selbst.

Um zu verstehen, wie er mit der Situation umgeht, lohnt ein Blick in seine Trainerlaufbahn. Herrlich gilt als ausgesprochen prinzipientreu, eines dieser Prinzipien ist Ehrlichkeit. Herrlich sei gar "manchmal überehrlich", sagte nun im kicker Manfred Schwabl, Präsident der SpVgg Unterhaching, wo Herrlich von 2011 bis 2012 arbeitete. Zu dieser Ehrlichkeit gehört einerseits, dass er sich auf Fragen, manchmal auch in Interviews mit Journalisten, ungewöhnlich ausführlich einlassen kann. Dazu gehört auch ein offener und konsequenter Umgang mit Fehlern.

Ob er es erfolgreich geschafft hat, sich in den vergangenen Tagen wieder den fußballspezifischen Fehlern der Mannschaft zu widmen, das könnte schon das Spiel beim FC Schalke zeigen. Dass es notwendig ist, beweist neben der Rückrundentabelle, in der Augsburg den letzten Platz belegt, auch immer mehr die Tabelle der gesamten Saison: Augsburgs Vorsprung vor dem Relegationsplatz beträgt dort nur noch vier Punkte.

Herrlich war im März angetreten, um der Mannschaft die Abstiegsgefahr bewusst zu machen, unter anderem Zweikampfschwäche zu beheben und ihr Spiel wieder dominanter und offensiver zu gestalten, was für ein aufs Kontern ausgerichtetes Team zu den ambitionierteren Vorhaben gehört. Die Zweikampfbilanz und die Passquote sprachen gegen Wolfsburg für den Gegner, die Laufleistung immerhin für den FCA. Herrlich sagte, er habe in der zweiten Halbzeit eine Verbesserung im Defensivverhalten gesehen. Es gab also auch Positives in der Niederlage. Und über noch etwas, antwortete Herrlich auf die entsprechende Frage, habe er mit seiner Mannschaft gesprochen. Vor einer Woche hatte er gesagt, man dürfe keinen Spieler dafür verurteilen, wenn er trotz anderslautender Empfehlungen der DFL beim Torjubel seine Mitspieler umarme. Diesmal sagte er: "Wir haben die Spieler noch mal daran erinnert, dass das nicht passieren sollte."

© SZ vom 23.05.2020
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