bedeckt München 14°

FC Augsburg:Hin und nicht mehr weg

1. FC Union Berlin v FC Augsburg - Bundesliga

„Ich war damals sehr dumm. Das ist jetzt aber erledigt und wird mir nicht noch mal passieren“: Michael Gregoritsch, hier nach seinem Treffer zum 2:1 bei Union Berlin.

(Foto: Maja Hitij/Getty Images)

Der FCA hat im Sommer den Kader umgebaut, um eine neue Hierarchie zu schaffen. Nun gibt es auch wieder einen Platz für Michael Gregoritsch.

Von Sebastian Fischer

Wer wollte, der konnte es mit etwas bösem Willen als die nächste Provokation verstehen, was Michael Gregoritsch nach dem Auftaktsieg des FC Augsburg bei Union Berlin zu sagen hatte. "Das ist wahrscheinlich die beste Bank seit Jahren beim FCA", verkündete der Angreifer. Er selbst hatte ja nicht draufgesessen, auf der Ersatzbank. Aber so hatte er das natürlich nicht gemeint. Provozieren, das ist jetzt schließlich nicht mehr sein Ziel.

Es ist rund zehn Monate her, dass der Österreicher den Journalisten in seiner Heimat ein folgenschweres Interview gab. "Für mich ist klar, dass ich im Winter unbedingt von Augsburg weg will", sagte er damals, die pointierte Kurzfassung: "Hauptsache weg!" Kurz darauf war er erst mal suspendiert, im Winter dann wirklich weg, zum FC Schalke verliehen, wo er aber letztendlich auch nicht glücklich wurde.

Seit diesem Sommer ist er wieder zurück in Augsburg, offenbar geläutert. "Ich war damals sehr dumm. Das ist jetzt aber erledigt und wird mir nicht noch mal passieren", sagte er im Sky-Interview nach dem 3:1 in Berlin, zu dem er das Tor zum 2:1 beigetragen hatte. Mit seinem Satz von der besten Bank meinte er unter anderem die Kollegen Alfred Finnbogason und André Hahn, verdiente Augsburger, die den Erfolg als Einwechselspieler sicherten.

Gregoritsch, 26, ist als Rückkehrer kein echter Zugang, und doch lässt sich an seinem Beispiel die neue Ordnung im Klub beschreiben, die sie vor Beginn dieser historischen zehnten Bundesligasaison der Vereinsgeschichte unbedingt herstellen wollten und für die sie vor unangenehmen Entscheidungen nicht zurückschreckten. Es kamen früh und ablösefrei die Neuen Rafal Gikiewicz, Tobias Strobl und Daniel Caligiuri, womit sich auch Abschiede schon andeuteten. Kapitän und Klub-Legende Daniel Baier, dem mit Strobl im Mittelfeld weitere Konkurrenz drohte, ging zuerst, ihm folgte der von Gikiewicz verdrängte, bei Fans und Spielern beliebte Torwart Andreas Luthe. Und schließlich akzeptierte Augsburg auch ein Angebot aus Eindhoven für Außenverteidiger Philipp Max, jahrelang einer der besten Spieler.

In den vergangenen Jahren, das zeigte auch die Geschichte von Gregoritschs erzwungenem zwischenzeitlichen Abschied, war aus Augsburg ein Schauplatz der kleinen Skandälchen geworden. Der Österreicher Martin Hinteregger, zum Beispiel, war nach einem ähnlichen Muster der bewusst gesetzten Provokationen zu Eintracht Frankfurt gegangen. Auch die in Teilen enttäuschende, wenn auch mit dem erfolgreichen Klassenverbleib beendete vergangene Saison ließ die Erkenntnis reifen, die der im März als Nachfolger von Martin Schmidt verpflichtete Trainer Heiko Herrlich schon in seinen Personalentscheidungen andeutete, wenn er etwa Kapitän Baier auf die Ersatzbank setzte: Eine neue Hierarchie, eine neue Struktur sollte her.

Dass darauf der Fokus lag, das zeigten auch die Transferaktivitäten des Klubs im Sommer: Nach der Verpflichtung der als neue Achse eingeplanten Gikiewicz, Strobl (nach Verletzungspause noch kein Stammspieler) und Caligiuri ging es vor allem um die Verkleinerung eines Kaders, der zuvor als zu groß galt, um positive Stimmung über eine Saison hinweg aufrechterhalten zu können. Zwölf Profis wurden verliehen oder verabschiedet, immer noch nicht genug für den ursprünglichen Kaderplan - Stürmer Julian Schieber zum Beispiel dürfte noch gehen, wenn es ein Angebot für ihn gibt -, aber doch bereits eine merkliche Verkleinerung im Vergleich zur Vorsaison.

Dass sich Gregoritsch offenbar wieder wohlfühlt, dürfte aber auch, wie es im Fußball nun mal manchmal so ist, mit dem Wechsel auf der Trainerbank zu tun haben. Jedenfalls fühlte er sich unter Schmidt oft zu weit weg vom Tor aufgestellt, seiner Stärken und seiner Torgefahr beraubt. In seiner bislang besten Saison 2017/2018 schoss er immerhin 13 Bundesligatore. Andererseits hob Heiko Herrlich nach dem Spiel in Berlin lobend hervor, dass Gregoritsch "sehr diszipliniert mit nach hinten gearbeitet" habe.

Allzu viel, das deutet sich in den Aussagen des Trainers zu Saisonbeginn an, wird dann vielleicht auch doch nicht neu sein. Das Ziel, wie immer, sei natürlich der Klassenverbleib, das betonte Herrlich. Und vor dem ersten Heimspiel an diesem Samstag gegen Dortmund, das vor 6000 Zuschauern ausgetragen werden soll, sagte er: "Wenn die Schlagzeilen morgen Abend wären: Spielerische Armut, Standardsituation für uns, dann bin ich zufrieden."

Damit bewies der Trainer einerseits, dass es nicht zu seinen größten Fähigkeiten zählt, Überschriften zu formulieren, die sich verkaufen. Er bewies aber auch, dass er es mit dem Erproben eines facettenreicheren Fußballs, der - ebenfalls wie schon oft - in Augsburg zu den Fernzielen gehört, nicht überstürzen will. Gegen Dortmund gelte es, im Verbund zu verteidigen, sagte Rani Khedira, 26. Er gehört zu den Führungsspielern des neuen FCA.

© SZ vom 26.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite