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FC Augsburg:Herzlich umarmt

FSV Mainz 05 - FC Augsburg

Artistisch erfolgreich: Der Augsburger Stürmer Florian Niederlechner trifft nach wochenlanger Erfolglosigkeit in der ersten Minute gegen Mainz.

(Foto: Kai Pfaffenbach/dpa)

Das 0:1 kommt schon nach 43 Sekunden. Der FSV Mainz 05 drückt in der Schlussphase zwar noch auf den Ausgleich, ist aber nicht zwingend genug - und gerät in akute Abstiegsgefahr.

Von Frank Hellmann, Mainz

Mit aufgerissenen Augen hatte Andreas Luthe den Ball in seinen bunten Handschuhen gesichert, als Marco Fritz Handzeichen machen, die der Torhüter des FC Augsburg zunächst schwer deuten konnte. Was bloß wollte der Schiedsrichter ihm in der vierten Minute der Nachspielzeit noch signalisieren? Als der Tormann im grellgelben Sweater erkannte, dass der Referee lediglich um die Übergabe des Balles bat und damit der hart erkämpfte 1:0- Auswärtssieg ins Ziel gebracht war, da missachtete der Routiner Luthe, 33, kurzerhand alle noch gültigen Kontaktbeschränkungen in Corona-Zeiten: Mit einer herzlichen Umarmung bedankte sich der Keeper beim Referee und lieferte für die bayrischen Schwaben das Bild des Tages.

"Erst Depp, jetzt Held": Tor durch Niederlechner - nach 858 Minuten

Laute Jubelschreie in der verwaisten Arena am Mainzer Europakreisel zeugten vom gefühlten Augsburger Klassenerhalt, denn dass die Mitkonkurrenten Düsseldorf und Bremen noch sieben Zähler Rückstand aufholen, erscheint ausgeschlossen. Entsprechend erleichtert gab sich Trainer Heiko Herrlich: "Man hat gesehen, dass es ein richtiges Abstiegsspiel war. Der Druck für die Jungs war enorm. Wir haben mit allem verteidigt, was wir auf den Platz hatten. Deshalb sind wir happy." Glückwünsche für den Ligaverbleib nahm Herrlich naturgemäß noch nicht an, aber das könnte sich schon am Mittwoch nach dem Heimspiel gegen Hoffenheim ändern.

Sein Mainzer Kollege Achim Beierlorzer war bedient: "Es ist äußerst unglücklich gelaufen. Wir müssen aus der Vielzahl von Chancen was herausholen, ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen." Diese Aussage machte deutlich, dass der Trainer vor dem Gastspiel in Dortmund (Mittwoch) und dem Entscheidungsspiel gegen Bremen (Samstag) die Mainzer Verunsicherung nicht noch vergrößern wollte.

Augsburg profitierte von einem Blitztor des zuletzt nach seinem Elfmeterfehlschuss gegen Köln getadelten Stürmer Florian Niederlechner, der nach nur 43 Spielsekunden seine 858 Minuten lange Schaffenskrise beendete: Der kernige FCA-Stürmer traf mit einer Direktabnahme aus der Drehung. Niederlechner, 29, hielt sich demonstrativ die Ohren zu, als interessiere ihn die Kritik an der Torflaute nicht mehr: "Es war ein unglaublich gutes Gefühl. Letzte Woche war ich der Depp, jetzt bin ich der Held", sagte er: "Wir sind der glückliche Sieger, aber das nehmen wir gerne mit."

Um wie viel es in diesem Abstiegsduell ging, war an der Phonstärke am Spielfeldrand zu ermessen. Beierlorzer, der 2017 bei Jahn Regensburg das Erbe von Herrlich antrat, geriet mit seinem Trainerkollegen lautstark aneinander, die Schimpfkanonaden drangen bis an die Stadionecke. Vor allem, als Herrlich bei einem schnell ausgeführten Einwurf mit einem absichtlich ins Feld getretenen Ball den Spielfluss unterband, tobte Beierlorzer: "Hör auf!" Irgendwann gingen die Scharmützel so weit, dass der umsichtige Spielleiter Fritz ein Machtwort zur Beruhigung sprach - wobei sich Herrlich nicht angesprochen fühlte.

Vielleicht war der Puls auch deshalb so hoch, weil nach einem schlimmen Zusammenstoß der Mainzer Taiwo Awoniyi ausschied, der minutenlang liegen blieb und kurz bewusstlos war (19.). Im Krankenhaus kam heraus, dass der aus Liverpool geliehene Nigerianer eine schwere Gehirnerschütterung, aber nichts Schlimmeres erlitten hatte. Die Mainzer Offensive brachte nur eine kurze Druckphase vor der Pause zustande: Philipp Max klärte bei einem Schuss von Mateta vor der Linie (39.), Luthe rettete gegen den eingewechselten Onisiwo (43.) und Mateta (45.+3). Nach dem Wechsel wollte Augsburg mit massierter Defensive den Vorsprung sichern. Vargas vergab die Chance zum 2:0 (62.), so musste gezittert werden, bis endlich Referee Fritz den Ball einforderte.

© SZ vom 15.06.2020

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