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Bundesliga:Herrlichs Ziel: Augsburg wachrütteln

Neuer Trainer FC Augsburg

„Ein toller, interessanter Verein. Ich möchte ihn wieder in die Spur bringen“: Heiko Herrlich, hier bei seiner Antritts-Pressekonferenz am Dienstag.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Zu viel Lob nach Niederlagen, sei "das Gefährlichste, was es gibt", sagt Augsburgs Sportchef Stefan Reuter. Der neue Trainer soll der Mannschaft nun deutlich machen, wie sehr sie vom Abstieg bedroht ist.

Von Sebastian Fischer, Augsburg

Es war nicht die schönste Geschichte aus der gemeinsamen Vergangenheit, die Heiko Herrlich zur Begrüßung erzählte. Der neue Trainer des FC Augsburg saß am Dienstag bei seiner offiziellen Vorstellung neben Stefan Reuter, dem Augsburger Sportgeschäftsführer, seinem neuen Chef. Herrlich, 48, und Reuter, 53, haben einst gemeinsam für Borussia Dortmund gespielt, 1996 die Meisterschaft gewonnen, 1997 die Champions League und den Weltpokal. Doch Herrlich sprach darüber, wie beide einmal gemeinsam fast in die zweite Bundesliga abgestiegen waren.

Im Sommer 1999, erzählte Herrlich, sei der BVB teuer verstärkt worden, "für 50 Millionen D-Mark", um Meister zu werden. In der Hinrunde war das Team kurzzeitig Erster. Doch in der Rückrunde gewann die Mannschaft dann 14 Spiele lang nicht, und Udo Lattek musste als dritter Trainer der Saison geradeso den Abstieg vermeiden. "Wir haben die Situation auch lange unterschätzt", sagte Herrlich. Ganz ähnlich wie jetzt in Augsburg, meinte er.

Es war durchaus eine Überraschung, als der Bundesliga-Vierzehnte am Montag, einen Tag nach einem 0:2 beim FC Bayern, Trainer Martin Schmidt entlassen hatte, um am Morgen danach Herrlich als Nachfolger zu präsentieren, der einen Vertrag bis 2022 unterschrieb und nun das Saisonziel Klassenverbleib sichern soll. Zwar war die Niederlage in München bereits die siebte in den vergangenen neun Spielen, in der Rückrundentabelle ist Augsburg Letzter. Doch die Leistung des Außenseiters beim deutschen Meister war eigentlich positiv interpretiert worden. Genau das allerdings, sagte Reuter, nach Niederlagen gelobt zu werden, sei das Problem. "Das ist das Gefährlichste, was es gibt."

Es gehe "in die falsche Richtung", sagt Reuter

Unter Schmidt hatte die Mannschaft in der vergangen Saison zwar den Abstieg vermieden und in der Hinrunde eine Siegesserie hingelegt. Doch Reuter nannte Indizien wie schwache Passquoten und Zweikampfstatistiken, "die deutlich gegen uns sprechen". In beiden Kategorien ist Augsburg tatsächlich das schwächste Bundesligateam. Es gehe "in die falsche Richtung", und das "seit Wochen und Monaten", sagte Reuter. Zwar dankte er Schmidt für dessen Arbeit und ein angeblich verständnisvolles Gespräche am Montag, doch er deutete auch an, dass der freundliche Schweizer für seinen Geschmack deutlich zu positiv über die vielen Niederlagen sprach. Das 0:2 in München hatte Schmidt einen "Schritt in die richtige Richtung" genannt.

Herrlich möchte das nun ändern. "Die Mannschaft befindet sich in einer schwierigen Lage. Ich glaube, das ist dem einen oder anderen noch gar nicht bewusst", sagte der neue Trainer. Fünf Punkte beträgt Augsburgs Vorsprung auf den Relegationsplatz. Die Spieler, glaubt er, könnten das womöglich nicht ernst genug nehmen. Das sage ihm sein Instinkt.

Es geht auch ein wenig ums große Augsburger Ganze

Herrlich war seit seiner Entlassung bei Bayer Leverkusen kurz vor Weihnachten 2018 mehr als ein Jahr lang ohne Trainerjob. Es habe Anfragen gegeben, "ein paar exotische Geschichten" aus China und Dubai, auch Kontakt mit anderen Bundesligisten. Er habe sich viele Spiele und Trainingseinheiten angeschaut, unter anderem im Trainingslager des FCA und von Borussia Mönchengladbach, aber auch bei Real und Atlético Madrid. Als er gefragt wurde, ob sich die Mannschaft, die unter Schmidt klar auf wenig Ballbesitz und schnelles Umschalten ausgerichtet war, unter ihm fußballerisch wandeln werde, wollte Herrlich nicht ins Detail gehen. Er sprach stattdessen von mehr "Leidenschaft und Biss" als Ziel und zitierte die Statistik, dass Bayer 04 unter ihm mal die zweitmeisten Großchancen der Bundesliga herausgespielt habe. Eineinhalb Jahre hatte er in Leverkusen gearbeitet und davor mit Regensburg den Aufstieg in die zweite Liga geschafft.

Die Anfrage aus Augsburg, sagte Herrlich, sei per SMS von Reuter am Sonntagabend eingetroffen, "um Viertel vor Elf oder so". Weil er da schon schlief, habe er sich erst am nächsten Morgen zurückgemeldet. Es war offensichtlich noch früh genug. Laut kicker soll Herrlichs Verpflichtung schon im Herbst beim FCA ein Thema gewesen sein. Augsburg, sagte er, sei "ein toller, interessanter Verein. Ich möchte ihn wieder in die Spur bringen."

Und: Der Funke müsse wieder auf die Zuschauer überspringen. Er wusste ja noch nicht, dass sein erstes Heimspiel am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg nach dem Beschluss der bayerischen Landesregierung wegen des Coronavirus vor leeren Rängen stattfindet.

Es ging auch ein wenig ums große Augsburger Ganze am Dienstag. Denn der Klub, der eigentlich für Kontinuität stehen möchte, beurlaubte nun bereits zum vierten Mal hintereinander einen Trainer vor seinem Vertragsende - und Schmidt bereits nach der kurzen Zeit von elf Monaten. Auch an Stefan Reuter, dem Geschäftsführer seit 2013, wurde deshalb zuletzt immer mal wieder Kritik laut. Er war auf die Frage offensichtlich vorbereitet: Im Vergleich hätten zuletzt nur der SC Freiburg und Borussia Mönchengladbach weniger Trainer beschäftigt als Augsburg. Und dann sagte er, dass es jetzt entscheidend sei, wieder nach vorne zu schauen.

© SZ vom 11.03.2020
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