Süddeutsche Zeitung

FC Augsburg gegen Union Berlin:Die Instinkte sind zurück

Augsburgs Angreifer Florian Niederlechner beendet beim 2:1 gegen Union seine Sinnkrise und trifft gleich zweimal. Den bisher so erfolgreichen Unionern gelingt dagegen kaum etwas.  

Von Maik Rosner, Augsburg

Ein solches Bild hatte es in der Augsburger Arena schon lange nicht mehr gegeben, und nun ließ es sich gleich drei Mal an diesem Samstag beobachten. Es zeigte das breite Lachen von Florian Niederlechner, als er seinem Mitspieler Daniel Caligiuri nach dem Abpfiff in die Arme fiel nach dem 2:1 (1:1)-Sieg gegen Union Berlin, es war ein befreites Lachen nach zuletzt drei Niederlagen und dem Abrutschen in Richtung Abstiegszone. Dass Niederlechners Strahlen gleich mehrmals zurückkehrte, lag daran, dass er nach mehr als achtmonatiger Wartezeit auf ein Tor nun gleich zwei Mal getroffen hatte.

"Ein unheimlicher wichtiger Sieg für uns, wenn man das Programm für die nächsten Wochen sieht", sagte Niederlechner, "natürlich bin ich persönlich sehr, sehr froh, dass ich der Mannschaft mal wieder mit Toren helfen konnte." Das 1:0 war ihm in der 17. Minute gelungen. Marcus Ingvartsen glich rasch aus (25.), doch kurz nach der Pause vollendete Niederlechner zum zweiten Mal in klassischer Stürmermanier. "Das war echt eine sehr, sehr schwer Zeit. Wenn man letztes Jahr auch noch 23 Scorerpunkte gemacht hat, wird man daran gemessen - und man kann's überhaupt nicht erfüllen", erzählte er im Fernsehinterview. Am Samstagabend konnte Niederlechner wieder gelöst lachen.

Nach einem Streit mit Trainer Herrlich saß Niederlechner zuletzt auf der Bank

Mit einiger Bewunderung hatte Augsburgs Trainer Heiko Herrlich vor dem Spiel über Union Berlins Entwicklung gesprochen. Beeindruckend hatte er die Zwischenbilanz und das spielerische Vermögen der Gäste genannt und ebenso die Fähigkeit, auch die ganz Großen der Liga herauszufordern - und teils sogar besiegen zu können. Das klang ein bisschen danach, als erhebe Herrlich die Mannschaft Urs Fischers zu einem Vorbild für die eigene Belegschaft, die bisher noch nicht die erhoffte Entwicklung genommen hat und nun auf die Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel trifft.

Es war auch bei diesem Treffen zunächst so, dass Union das Geschehen prägte. Selbstbewusst und zielstrebig traten die Berliner auf, sie wirkten reifer in ihrer Spielanlage und zugleich wacher. Umso überraschender gingen die Augsburger in Führung, und dass Niederlechner das 1:0 erzielte, fügte sich ins verblüffende Bild. Seit dem 20. Juni 2020 hatte der Angreifer des FCA nicht mehr getroffen. Zuletzt musste er wegen der anhaltenden Flaute und einer verbalen Auseinandersetzung mit Herrlich sogar auf der Bank Platz nehmen. Doch nun verlängerte André Hahn einen langen Abstoß genau in den Lauf von Niederlechner, der frei vor Torwart Andreas Luthe so souverän abschloss, als habe es seine achtmonatige Durststrecke nicht gegeben.

Die Freude der Augsburger währte allerdings nicht lange, da Union rasch demonstrierte, wie sie sich in der oberen Tabellenhälfte festgesetzt haben. Nach Ablage von Taiwo Awoniyi traf Ingvartsen mit einem präzisen Linksschuss von der Strafraumkante. Doch dass an diesem Nachmittag womöglich einiges etwas anders laufen könnte als in den vergangenen Monaten, deutete sich schon bald nach der Pause an. Denn es waren die Augsburger, die mit jener spielerischen Eleganz erneut in Führung gingen, die im bisherigen Saisonverlauf eher bei Union zu bestaunen gewesen war. Marco Richter flankte hübsch auf Hahn, der mit seinem Volleyversuch nur deshalb keinen Erfolg hatte, weil der ehemalige Augsburger Torwart Luthe im Weg stand. Allerdings prallte der Ball genau zu Niederlechner, der einschob.

Union Berlin verpasst den Sprung auf die Champions-League-Plätze

Es waren zwei Tore nach sehr komplizierten Wochen, in denen es manchmal so wirkte, als habe Niederlechner seine Instinkte und Fähigkeiten aus der Vorsaison komplett verloren. Damals hatte er insgesamt 13 Tore erzielt, zehn davon schon bis zum 18. Spieltag. Nun musste er bis zum 18. Spieltag auf seine ersten Erfolgserlebnisse warten.

Doch das Spiel lieferte nicht nur die kuriose Geschichte des Augsburger Stürmers, der plötzlich wieder das Toreschießen für sich entdeckt. Das Spiel erzählte auch die gegensätzliche Geschichte der bisher so erfolgreichen Unioner, denen an diesem Nachmittag kaum etwas gelingen wollte. Exemplarisch dafür stand jener Foulelfmeter, den Ingvartsen nicht zum erneuten Ausgleich nutzen konnte, weil der ehemalige Unioner Torwart Rafal Gikiewicz seinen Versuch parierte (56.). Verursacht hatte den Strafstoß übrigens Niederlechner, doch selbst das, was bei ihm danebenging, glückte an diesem Tag irgendwie doch noch. "Dann liegst du 1:2 zurück und denkst: wieso?", sagte Unions Trainer Fischer nach dem verpassten Sprung auf einen Champions-League-Platz. "Dann kommt alles zusammen und du verschießt auch noch einen Elfmeter."

Seine Mannschaft rannte in der letzten halben Stunde immer vehementer an, ohne aber die ganz großen Chancen zu bekommen. Und wenn es doch einmal gefährlich wurde, dann fehlten ein paar Zentimeter wie bei Kapitän Christopher Trimmel, der kurz vor Schluss wie ein glückloser Mittelstürmer am Ball vorbeirutschte. Auch das fügte sich in die Bilder der Gegensätze an diesem Nachmittag.

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