Wenn zuletzt vom FC Augsburg die Rede war, konnte fast der Eindruck entstehen, dass die Öffentlichkeit den Fußball-Bundesligisten nur noch als FC Wagner wahrnimmt. So ziemlich alles drehte sich ja um den neuen Trainer Sandro Wagner. Verstärkt wurde das noch durch den 3:1-Auftaktsieg beim SC Freiburg am vergangenen Samstag, bei dem Wagner inner- und außerhalb seiner Coachingzone ein ähnlich umfangreiches Bewegungsrepertoire vorführte wie die Sportgymnastin Darja Varfolomeev jüngst bei der WM, bei der sie fünfmal Gold gewann.
An diesem Samstagabend empfängt der FC Augsburg den FC Bayern zum sogenannten Topspiel, und wieder werden sich sehr viele Blicke auf den gebürtigen Münchner Wagner richten. Schließlich trifft der 37-Jährige auf seinen langjährigen Verein. Es sei dennoch für ihn „wirklich ein ganz normales Spiel. Ich spüre nichts Besonderes“, sagte Wagner am Freitag, es sei „nur ein Bundesligaspiel, das wir unbedingt gewinnen möchten“. Und allgemein sei es so, „dass wir als FCA dieses Jahr alles attackieren wollen, was sich bewegt“, erklärte er. Das sei „vielleicht ein bisschen übertrieben“ formuliert, aber die gewünschte Grundhaltung.
Gegen die Bayern wird auch etwas Aufmerksamkeit auf Finn Dahmen entfallen. Der 27 Jahre alte FCA-Torwart ist erstmals für die deutsche Nationalmannschaft nominiert worden von Bundestrainer Julian Nagelsmann, dem Wagner vor seinem ersten Bundesligajob als Cheftrainer in Augsburg bis Juni beim DFB-Team assistiert hatte. Auch von Bundestorwarttrainer Andreas Kronenberg wisse er, dass sie beim Nationalteam eine hohe Meinung von Dahmen hätten, sagte Wagner.
Ziemlich in Wagners und Dahmens Schatten steht die sportlich eigentlich größte, aber noch etwas heimliche Attraktion des FC Augsburg. Zu dieser hat sich Chrislain Matsima entwickelt, ohne dass das breite Publikum davon wirklich Notiz genommen hat. Womöglich liegt das auch an Matsimas zurückhaltendem Auftreten. Mit ähnlich kessen Sprüchen oder forschen Ankündigungen wie sein Trainer fällt der 23-Jährige jedenfalls nicht auf. Er lasse es generell „etwas ruhiger angehen“, hat er einmal erzählt und von einem entspannten Restaurantbesuch zu Silvester mit seiner Frau und Freunden in Marokko berichtet. „Ich bin nicht allzu viel draußen unterwegs, sondern verbringe meine Zeit eher zu Hause“, ließ er wissen. Gerne spiele er Playstation oder schaue einen Film, zudem schlafe er sehr gerne. Seinen Sommerurlaub verbrachte er zuletzt in Miami und nutzte diesen auch zur Fortbildung, indem er sich dort das Achtelfinale der Klub-WM zwischen Real Madrid und Juventus Turin im Hard Rock Stadium anschaute. Als vergleichsweise exzentrische Freizeitaktivität ist von ihm nur sein Interesse am Kampfsport und besonders am Thai-Boxen überliefert. In Thailand stieg er auch mal für ein paar Trainingseinheiten in den Ring.
Inzwischen fällt Matsima trotz seines ruhigen Naturells zumindest sportlich immer mehr auf. Am vergangenen Samstag setzte er beim 3:1-Sieg in Freiburg mit seinem Kopfballtor zum 2:0 gleich eines seiner Vorhaben für diese Saison um: Er hat sich vorgenommen, torgefährlicher zu werden. In seinen 30 Liga-Einsätzen der vergangenen Spielzeit brachte es Matsima auf insgesamt einen Treffer. Zudem will Matsima nun „mehr Führung übernehmen“. Dabei besticht er schon jetzt durch seine sehr zuverlässigen Dienste in der Abwehrkette, sowohl im Aufbau als auch beim Verteidigen. Seine Fähigkeiten brachte er zuletzt auch bei der U21-EM für Frankreichs Auswahl ein, davor hatte er alle Jugend-Nationalteams seines Heimatlandes durchlaufen.
Die Kaufoption für Matsima in Höhe von fünf Millionen Euro haben die Augsburger im Winter sehr gerne gezogen
Matsimas Geschichte ist auch deshalb eine besondere, weil er eher zufällig zum FCA gekommen ist. Angeboten worden war er den Augsburgern, weil sie bei der AS Monaco für ihn keine Verwendung fanden. Der ehemalige FCA-Sportdirektor Marinko Jurendic soll zwar gezweifelt haben, doch am Ende entschieden sie sich für Matsimas Leihe. An diesem Samstag exakt vor einem Jahr schloss sich Matsima dem FCA als Last-Minute-Zugang an, übrigens genauso wie der aktuell verletzte Offensivspieler und Landsmann Alexis Claude-Maurice, 27, der sich ebenfalls als sehr wertvolle Verstärkung entpuppte. Die damals vereinbarte Kaufoption für Matsima in Höhe von fünf Millionen Euro haben die Augsburger im Winter sehr gerne gezogen und ihm einen Vertrag bis 2029 gegeben. Kurz darauf wurde Matsima von der Deutschen Fußball Liga gleich zweimal als bester Jungprofi der Monate Januar und März ausgezeichnet. Mittlerweile hat sich der 1,93 Meter große Verteidiger zum mit Abstand wertvollsten Spieler im FCA-Kader entwickelt. Auf transfermarkt.de wird er auf 22 Millionen Euro geschätzt, Claude-Maurice folgt mit zwölf Millionen Euro auf Platz zwei.
Und jetzt also das Spiel gegen Harry Kane und die anderen Bayern, ehe sich am Montag das Transferfenster schließt. Beim FCA hoffen sie beinahe, dass nicht noch kurz vor Schluss ein unmoralisches Angebot für Matsima hereinkommt. Der Spieler hat eigentlich nicht vor, schon wieder weiterzuziehen: In der Vorbereitung kündigte Matsima an, diese Saison in Wagners Mannschaft verbringen zu wollen, er sagte: „Der FC Augsburg ist gut für mich und meine Entwicklung.“ Das gilt auch umgekehrt: Chrislain Matsima ist gut für den FC Augsburg und dessen Entwicklung.

