FC Augsburg Der Richter und sein Lenker

Marco Richter sollte eigentlich schon unter seinem Förderer Manuel Baum durchstarten. Doch erst unter dessen Nachfolger beginnt Richter zu treffen.

Von Sebastian Fischer

Beim ersten Tor nahm er den Ball direkt aus der Luft und schoss ihn an den Innenpfosten, das zweite war fast noch schöner: Marco Richter kontrollierte mit einer Berührung den Ball, der in hohem Bogen auf ihn zugeflogen war, lief durchs Mittelfeld und schoss ihn in den Winkel. Seine Treffer beim 6:0 gegen den VfB Stuttgart hätten ihrem ästhetischen Wert entsprechend also in diesen Tagen durchaus in Dauerschleife über die Bildschirme laufen können, beim FC Augsburg waren sie aber offenbar kein großes Thema mehr. "Unsere Analysen sind eigentlich kein Sportstudio und keine Sportschau", sagte Trainer Martin Schmidt. Er habe nicht noch mal die Tore gezeigt. Es sei eher ums Verteidigen gegangen. Um die Offensive macht er sich auch dank Marco Richter gerade keine Sorgen mehr.

Seit rund zwei Wochen ist Schmidt, 52, nun Trainer in Augsburg, seitdem hat der Klub zweimal gewonnen, neun Tore erzielt und zehn Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz herausgespielt. Mit einem weiteren Sieg an diesem Freitag gegen Bayer Leverkusen würde der Klassenverbleib, um den sie Anfang des Monats beim FCA noch fürchteten, weshalb sie Schmidts Vorgänger Manuel Baum freistellten, mathematisch feststehen. Und es gibt wohl keinen Spieler, der den Wandel unter dem neuen Trainer verkörpert wie Richter. "Ein Spieler", sagt Schmidt, "der das Momentum auf seiner Seite hat." Aber das allein erklärt noch nicht, warum der Flügelstürmer beim 3:1 in Frankfurt seine ersten beiden Saisontore erzielte - und eine Woche später gegen Stuttgart wieder zweimal traf.

Die neue Lust, zu treffen: Marco Richter jubelt nach dem 6:0 gegen Stuttgart am vergangenen Samstag über den zweiten Doppelpack in Serie.

(Foto: Sven Simon/imago)

Schon zu Saisonbeginn hatten sie beim FCA mit großem Stolz über den Fußballer aus dem eigenen Nachwuchs gesprochen. Richter, 21, hatte gerade seine ersten Länderspiele für die U 21-Nationalelf gemacht, und im Klub konnten sie die Geschichte eines Talents erzählen, das erwachsen wird: In der FCA-Jugend hatte der Angreifer, Typ Straßenfußballer, seine Fähigkeiten zwar oft gezeigt, für die U23 gar einmal sieben Tore in einem Spiel geschossen. Doch er galt auch als ein bisschen faul.

Als Spieler in der U23 musste er einmal in ungewaschenen Klamotten spielen, eine Strafe des Zeugwarts, weil Richter sein Trikot nicht in die Trikottasche gelegt hatte. Er drückte sich vor Fitnesseinheiten. Und er begann angeblich erst bei den Profis damit, regelmäßig vor dem Training zu frühstücken. Begründung: "Ich wollte nicht zehn Minuten früher aufstehen."

Sein Erwachsenwerden erklärte Richter auch mit der Hilfe von Trainer Baum. Der hatte ihn schon als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums gefördert, im Videostudium Defizite in der Defensivarbeit aufgezeigt, mit ihm an der Fitness gearbeitet. In seiner ersten Profisaison unter Baum schoss Richter 2018 sein erstes Bundesligator. In der zweiten, sagte er im Sommer, wolle er Stammspieler werden. Doch es kam anders. Nach gutem Saisonstart spielte er inkonstant, war angeschlagen - und traf auch in besseren Spielen einfach das Tor nicht. 39 erfolglose Schüsse hatte er bis zu seinen Treffern gegen Frankfurt abgegeben. Es musste also etwas passieren.

Neue Wege: Trainer Martin Schmidt (li.) und Marco Richter.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Schmidt, berichtete Kapitän Daniel Baier unter der Woche, habe gleich in seiner ersten Ansprache über die Lust am Fußball und übers Toreschießen gesprochen, nicht über den Abstiegskampf. Der Trainer stellte auf eine simplere Taktik um, mit Baier als einzigem Sechser im Mittelfeld, anders als Baum ohne große Änderungen während des Spiels. Und er formulierte offenbar auch eine neue Aufgabenbeschreibung für die Flügelstürmer: mehr flache Kombinationen, Tordrang. Auch André Hahn und Philipp Max spielten im Angriff auffällig; Max, unter Baum Außenverteidiger, traf in neuer Rolle gegen Stuttgart zweimal.

Als Richter nach Erklärungen gefragt wurde, wehrte er sich allerdings gegen die offensichtliche Interpretation: Nein, er würde nicht sagen, dass sein Formanstieg eine Folge des Trainerwechsels sei. Auch Schmidt sagte: "Meine Fähigkeiten werden überhöht." In der Pressekonferenz am Mittwoch deutete er an, dass gravierende taktische Weiterentwicklungen nun erst beginnen sollen: Konter besser vermeiden, mehr Spielkontrolle. Bislang hat er auch auf Baums Arbeit aufgebaut - und vor allem mehr Motivation geweckt, die Vorgaben dann auch umzusetzen.

Am Klassenverbleib zweifeln sie in Augsburg kaum noch, auch wenn sie es so noch nicht öffentlich sagen, erst noch mit einem Sieg aus den verbleibenden Spielen einen von vier "Matchbällen" verwandeln wollen, wie Baier sagte. Schmidt sagte sogar schon, dass er eine klare Meinung habe, wie der Kader in der kommenden Saison aussehen soll. Er würde gerne Verträge verlängern, die im Sommer auslaufen - wohl jene von Kostas Stafylidis, Ja-cheol Koo und Dong-won Ji. Und dann bräuchte es, falls alle - also auch der derzeit verletzte Stürmer Alfred Finnbogason - blieben und gesund würden, für die Offensive eigentlich keine Zugänge. Marco Richters Vertrag gilt übrigens noch bis 2023.