Es entsprach ganz dem von Kai Havertz verkörperten Teamgedanken, dass er nach seinem Siegtreffer seine Mitspieler des FC Arsenal in den Mittelpunkt rückte. Im Interview nach dem Viertelfinalhinspiel der Champions League bei Sporting Lissabon lobte der deutsche Nationalspieler seinen Vorlagengeber Gabriel Martinelli sowie die ausgezeichneten Paraden von Torwart David Raya. Doch das wahre Phänomen war Havertz selbst, der seinem Ruf gerecht wurde, stets dann zu treffen, wenn es besonders bedeutend erscheint. Davon profitierte Arsenal bereits eine Runde zuvor, als der Offensivspieler gegen seinen früheren Klub Bayer Leverkusen mit einem verwandelten Elfmeter ein Remis rettete. Und nun erneut.
Mit seinem Tor in der ersten Minute der Nachspielzeit sicherte Havertz den Gunners am Dienstagabend im nasskalten Lissabon ein erlösendes 1:0. Zwar machte der Sieg den Halbfinaleinzug noch nicht perfekt, aber zumindest deutlich wahrscheinlicher. Schließlich sind die Auswärtsauftritte von Sporting in dieser Saison nicht mit den Heimleistungen vergleichbar: Vor dem Arsenal-Spiel hatten die Portugiesen alle Partien in der Königsklasse vor eigenem Publikum gewonnen, auch jene gegen Titelverteidiger Paris. Entsprechend unangenehm gestaltete sich die Angelegenheit für Arsenal: Trotz Londoner Überlegenheit im Ballbesitz hätte Sporting in Führung gehen können. Arsenal wiederum war in der ersten Halbzeit nur einmal gefährlich, als Noni Madueke einen Eckball direkt an die Latte setzte.

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Das positive Resultat stelle „einen großen Wendepunkt“ dar, wie Havertz erklärte, da die beiden vorherigen Matches verloren gegangen waren – das League-Cup-Finale gegen Manchester City und zuletzt das Viertelfinale im FA Cup gegen den Zweitligisten Southampton. Diese beiden Niederlagen hatten dazu geführt, dass der Premier-League-Tabellenführer, der seit 2004 keinen Meistertitel mehr erringen konnte und nie die Champions League gewonnen hat, erneut die Befürchtung aufwarf, in Schlüsselsituationen einzuknicken. Lediglich ein Spieler im Arsenal-Kader hat die englische Liga bereits gewonnen – Stürmer Gabriel Jesus mit Manchester City –, und auch den Henkelpott der Champions League haben bislang nur Havertz und Ersatzkeeper Kepa Arrizabalaga 2021 mit Chelsea geholt.
In diesem Kontext ist Havertz’ Nervenstärke, die er bereits als Final-Siegtorschütze der Champions League und der Klub-WM unter Beweis gestellt hat, von besonderem Wert. Gegen Sporting nahm er eine präzise Halbfeldflanke von Martinelli am Elfmeterpunkt so kunstvoll mit dem rechten Fuß an, dass es aussah, als würde er sie zähmen – und spitzelte den Ball danach in einer flüssigen Bewegung mit links ins Tor. Die Genialität bestand darin, dass Havertz überhaupt eine Lücke fand, um den Ball am unmittelbar vor ihm stehenden Torwart Rui Silva vorbeizubringen. Es wirkte, als hätte er den Fußball durch ein Golfballloch geschoben. „Er liebt die großen Anlässe, die großen Spiele“, sagte Trainer Mikel Arteta anerkennend.
„Ich war nur da, um es zu vollenden“, sagt Havertz
In den vier Königsklassenpartien in diesem Kalenderjahr gelangen Havertz vier Torbeteiligungen. Nach diversen Verletzungsrückschlägen, die ihm zuletzt zwölf Monate lang nur vereinzelte Einsätze ermöglichten, steigert Havertz seine Form seit Wochen kontinuierlich. Seine Frische könnte Arsenal einen maßgeblichen Vorteil einbringen – denn einen solch wenig verwendeten Trumpf wie Havertz hat derzeit wohl kein anderer Spitzenklub Europas in der Hinterhand. Zumal der 26-Jährige positionell beliebig eingesetzt werden kann, je nachdem, wo Arsenal ihn gerade auf dem Platz benötigt.
Im Duell mit den Portugiesen wurde Havertz in der 71. Minute eingewechselt – für Spielmacher Martin Ödegaard. Damit agierte er leicht versetzt hinter Mittelstürmer Viktor Gyökeres, der im vergangenen Sommer von Sporting zu den Gunners gewechselt war. Obwohl beide nur sporadisch gemeinsam auf dem Rasen standen, harmonierten sie in der entscheidenden Szene wie ein eingespieltes Duo: Gyökeres zog mit einem geschickten Laufweg beide Innenverteidiger auf sich, Havertz erkannte die Lücke und forderte mit dem Arm das Zuspiel, nachdem Martinelli mit einem Antritt zwei Gegenspieler abgeschüttelt hatte. „Etwa 80 Prozent des Treffers gehören ihm. Ich war nur da, um es zu vollenden“, bedanke sich Havertz.
Auf seinen eigenen Anteil ging Havertz nicht weiter ein. Stattdessen würdigte er Torwart Raya, der mit seinen Reflexen den Sieg sicherstellte. Der Spanier werde „noch immer unterschätzt“, sagte Havertz. Aus seiner Sicht zähle Raya seit zwei Jahren zu den weltweit besten Torhütern. In der Anfangsphase hatte dieser einen krachenden Schuss von Sportings Maximiliano Araújo spektakulär mit den Fingerspitzen an die Latte gelenkt. Aufgrund seiner für einen Torhüter geringen Körpergröße von 1,83 Metern gehört er zu den beweglichsten Torleuten, was ihm auch gegen Sporting zugutekam, als er mehrfach entgegen seiner Laufrichtung parierte. Am Ball gilt Raya ohnehin als der aktuell spielstärkste Torwart.
Seine Wichtigkeit für das Team wurde erst kürzlich wieder bei den beiden nationalen Pokalniederlagen deutlich – weil er eben nicht spielte. Stellvertreter Kepa erhielt jeweils den Vorzug, reichte aber nicht an das Niveau der Nummer eins heran. Für seine Leistung in Lissabon wurde Raya schließlich als bester Spieler der Partie ausgezeichnet. Diese Wahl dürfte auch Kai Havertz gefallen haben.

