FC Arsenal Ende des 3-4-Takts

Zeichen für die ganze Saison? Arsène Wenger und Arsenal gewannen gerade das Community Shield gegen José Mourinho und den FC Chelsea.

(Foto: Andrew Couldridge/Reuters)

Nach seinem ersten Sieg gegen José Mourinho hofft Arsenal-Trainer Arsène Wenger auch in der Liga auf große Erfolge - und den ersten Titel seit 2004.

Von Sven Haist, London

Der FC Arsenal besitzt in seinem Spielerkader eine ganze Ansammlung begnadeter Techniker. Die einzelnen Marktwerte der Dribbel-Hasardeure aufaddiert, ergibt eine kaum schreibbare Millionensumme, aber bei der Vergabe des Supercups vor Saisonstart war es ihr 65-jähriger Chef, der das Eintrittsgeld lohnte. Im Stile eines leichtfüßigen Außenstürmers hatte sich Arsenals Trainer Arsène Wenger in den Rücken seines Kollegen José Mourinho geschlichen, und als der sich nach ihm umdrehte, war das Oberhaupt der Gunners schon längst entwischt.

Mourinho sah in dieser Situation ziemlich dilettantisch aus, vielleicht fühlte er sich gar an seine Zeit als Spieler zurück erinnert, in der er nie über die erste portugiesische Liga hinaus gekommen war. Dabei wollte er Wenger bloß gratulieren zu dessen erstem Erfolg gegen ihn im 14. Anlauf. Es hatte ja zehn Jahre, 235 Tage und 51 Minuten gedauert!

Vier kleinere Titel in 15 Monaten

Die persönliche Geisterbahnfahrt von Wenger endete also durch ein 1:0 des Pokalsiegers FC Arsenal gegen Premier-League-Meister Chelsea - an der Sehnsucht des Vereins nach einem Ligatitel hat sich jedoch nichts verändert. Seit elf Spielzeiten lesen sich die Tabellenplatzierungen ermüdend monoton: zwei, vier, vier, drei, vier, drei, vier, drei, vier, vier, drei. Nach der Finte von Wenger fragen sich die Fans: Wann tänzeln wir an Chelsea vorbei?

Einen ersten Richtwert liefert das Stadtderby gegen West Ham United am Sonntag (14.30 Uhr), wenn Arsenal mit seinem deutschen Kapitän Per Mertesacker auf seine Meisterschaftsmission aufbricht. Gleich am ersten Spieltag könnte sich der letztjährige Tabellen-Dritte vor den FC Chelsea setzen, der zum Auftakt gegen Swansea nicht über ein 2:2 hinauskam. Vielleicht beflügelt die "Gunners" das zurück gewonnene Gefühl für Silberware, das sie innerhalb von 15 Monaten durch vier Trophäen erlangten. Zweimal konnten sie jeweils den Community Shield und FA-Cup nacheinander in die Vitrine einsortieren. Zwar ergeben vier kleinere Titel noch lange keine Meisterschaft, aber eine gewisse Rücksichtslosigkeit lässt sich im roten Stadtteil Londons nicht mehr leugnen, wenn es darum geht, etwas zu gewinnen.

Die Künstler grätschen zurück - und klauen fremde Torhüter

Im Supercup wies Wenger einen seiner Spieler an, mit dem Ball statt des gegnerischen Tores lieber die Eckfahne aufzusuchen, um das Ergebnis zu sichern. Der französische Ehrenmann hat seine Opferrolle satt im Duell mit Mourinho. Dafür sieht er auch über seine eigenen Werte hinweg. Erst in der abgelaufenen Spielzeit führte er die Payback-Karte ein, als er seinen ärgsten Rivalen in dessen Trainerzone aufsuchte und aus dem Weg pfefferte. Die Mitteilung an Fußball-England: Vorsicht, Arsenal grätscht jetzt!

Nicht nur auf dem Feld, sondern auch auf dem Spielermarkt. Den fehlenden Mittelfeldstrategen haben sie mit Francis Coquelin selbst geschmiedet, auf der Torhüterposition stöberten sie dagegen im Schrank der Blues. Im Schachspiel der Trainerkönige hat Wenger durch die Plünderung des Tschechen Petr Cech einen Turm von Mourinhos Brett entfernt und bei sich auf dem Trainingsgelände in London Colney aufgestellt. Cech, der im internen Ranking Chelseas altersbedingt hinter den Belgier Thibaut Courtois zurückgefallen war, besitzt neben den unbestrittenen Fähigkeiten als Schlussmann vor allem Kenntnis über die Titelgewinn-Anleitung seines ehemaligen Vorgesetzten. Zusammen gewannen sie drei englische Meisterschaften.

Wenger beginnt seine 19. Saison in London

Einige Medien auf der Insel berichteten, Mourinho wollte wie beim Degenfechten bei der Attacke auf seine Leute spitzbübisch einfach mitstechen und sich per Riposte die Dienste von Arsenals Flügelstürmer Alex Oxlade-Chamberlain sichern. Das Vorhaben misslang, einzig die rote Lampe leuchtete auf. Seit dem Weggang von Robin van Persie im Sommer 2012 zu Manchester United haben die Gunners die Ausgangstüre für ihre Leistungsträger zugesperrt. Nur so konnte es kontinuierliche Upgrades für den Kader geben.

Die erste Inspektion nimmt nun West Hams neuer Trainer Slaven Bilic vor. Sein Team konnte bereits erste Wettkampfhärte in der Europa-League-Qualifikation sammeln und möchte im Hinblick auf den bevorstehenden Umzug ins Londoner Olympiastadion das triste Image des Durchschnittsteams loswerden. Mit Besiktas Istanbul kam Bilic in der Ausscheidungsrunde der Champions League Wenger schon einmal bedrohlich nahe. Ein Tor von Alexis Sánchez ließ die Gunners und ihren Trainerdinosaurier im August 2014 überleben. Der geht jetzt in seine 19. Saison beim FC Arsenal und sieht dabei so gar nicht altersmilde aus - sondern furchteinflößend gefräßig.