Premier League:Von der Boygroup zum Tabellenführer

Lesezeit: 3 min

Premier League: Fand nach dem Spiel, man sei "sooo viel besser" als Chelsea gewesen: Arsenals Granit Xhaka.

Fand nach dem Spiel, man sei "sooo viel besser" als Chelsea gewesen: Arsenals Granit Xhaka.

(Foto: John Patrick Fletcher/imago/Action Plus)

Der FC Arsenal setzt neuerdings auf Talente statt große Namen. Die Strategie geht auf: Das Team besiegt nach Tottenham und Liverpool auch Chelseas Elitekicker im umkämpften Stadtderby.

Von Sven Haist, London

Mikel Arteta jubelte so ausschweifend wie seine Spieler. Der Trainer des FC Arsenal war sowohl nach dem Abpfiff als auch nach dem entscheidenden Treffer seines Teams zum 1:0 beim FC Chelsea - infolge eines Eckballs, bei dem der Deutsche Kai Havertz über den Ball schlug - außer Rand und Band. Bei Artetas kleinem Freudentanz an der Seitenlinie fehlte nur noch, dass er wie Siegtorschütze Gabriel Magalhães einen Bauchklatscher auf dem nassen Rasen im Londoner Regenwetter hinlegte. Mit 40 Jahren gehört Arteta auf seiner ersten Cheftrainerstation zur Generation der Jüngeren, nach Bournemouths Gary O'Neil ist er der zweitjüngste Coach der Premier League - so wie sein Team die unerfahrenste Mannschaft der Liga stellt.

Aus dieser nach oben strebenden Boygroup entwickelte Arteta in seiner seit 2019 andauernden Amtszeit im Norden Londons eine fein abgestimmte Elf, der in der Vorsaison erst auf der Zielgeraden die Nerven versagten, als es um die Qualifikation zur Champions League ging. Als Reaktion darauf verstärkte sich Arsenal für rund 85 Millionen Euro mit Gabriel Jesus und Oleksandr Zinchenko von Manchester City - zwei etablierte Persönlichkeiten, die bekannt sind für ihren Siegeswillen. Die Folge war Arsenals erfolgreichster Start in der Premier League. Nach zwölf Spielen führte der Klub mit zehn Siegen und einer Niederlage die Tabelle an - und verteidigte diese Spitzenposition in Artetas 150. Pflichtspiel bemerkenswert reif und abgezockt.

Durch den Erfolg bleibt Arsenal mit zwei Punkten vor Titelverteidiger City

Im wie so oft zwischen den beiden Klubs unbarmherzig geführten Derby mussten sich Arsenals leichtgewichtige Himmelsstürmer erbittert zur Wehr setzen. Dabei ließ sich das Team in der jüngeren Vergangenheit gerade in den Auswärtsspielen bei anderen Spitzenklubs oft den Schneid abkaufen. Doch diesmal hielt Arsenal in der leidenschaftlichen Atmosphäre im ausverkauften Stadion an der Stamford Bridge konsequent, beinahe verbissen dagegen - und widersetzte sich allen kleineren und größeren Gemeinheiten des Stadtrivalen. Nach dem Spiel bilanzierte Arsenals Mittelfeldanführer Granit Xhaka zu Recht, man sei heute "sooo viel besser" als Chelsea gewesen. Minutenlang bedachten die Fans hinterher die eigenen Spieler mit stehenden Ovationen und sangen triumphierend: "One-nil to the Arsenal!". Durch den Erfolg über Chelsea bleibt Arsenal mit zwei Punkten vor Titelverteidiger City, das tags zuvor in Unterzahl Aufsteiger FC Fulham in der Nachspielzeit 2:1 niederrang. Bestehen die Gunners nächste Woche auch in Wolverhampton, könnte sich der Klub so etwas wie Herbstmeister nennen.

Anders als etwa in Deutschland hat der Inselfußball bisher keinen Hinrunden- und schon gar keinen Herbstmeister gekürt. Das liegt daran, dass die Premier League - bis zu dieser durch die erstmalige Austragung einer WM zum Jahresende für mehrere Wochen ausgesetzten Saison - nie zuvor für sechs Wochen unterbrochen wurde. Daher gibt es in England nicht mal einen richtigen Begriff für den Hinrunden-Tabellenführer. Wenn überhaupt, trägt er den etwas sperrigen Titel: "first place at half season". Normalerweise läuft der Spielbetrieb auf der Insel ohne Pause durch: mitunter weil sich die traditionellen Feiertagspartien über Weihnachten und Neujahr für die investorengetriebenen Vereine am besten im Fernsehen vermarkten lassen. Schließlich müssen die horrenden Transfer- und Gehaltskosten der kickenden Belegschaften einigermaßen refinanziert werden. Allein die Londoner Klubs Arsenal und Chelsea schrieben seit 2018 einen gemeinsamen Transferverlust von sage und schreibe rund einer Milliarde Euro. Herausgekommen sind momentan zwei in ihrer Zusammenstellung völlig verschiedene Mannschaften, wie sich nun erneut beobachten ließ.

Stadtrivale Chelsea setzt auf Elitekicker - ihr Spiel wirkt vergleichsweise träge

Während Chelsea im Zuge einer Transfersperre im Sommer 2019 zunächst auf begabte Jungprofis setzte, investierte Arsenal in allerhand Routiniers. Erst als sich die Gunners dies nach mehrmaligem Verpassen der Champions League und pandemiebedingter Einbußen nicht mehr leisten konnten, schlug der Klub mit Arteta den entgegengesetzten Weg ein. Schillernde und sehr gut verdienende Profis wie Mesut Özil und Pierre-Emerick Aubameyang wurden aus dem Verein gedrängt. Dafür gab Arsenal Talenten eine Chance - mit Erfolg. Gegen Chelsea lag Arsenals Altersschnitt bei 24,4 Jahren. Im Aufgebot stehen nur drei Akteure, die ihren 30. Geburtstag schon hinter sich haben, wobei einzig der Schweizer Xhaka regelmäßig zum Einsatz kommt.

Chelsea wiederum fiel nach dem gescheiterten Versuch, vermehrt jungen Kaderspielern zu vertrauen, in alte Muster zurück: Gewinnen um jeden Preis. Gerade erst investierten die Blues unter der neuen Eigentümerschaft eines US-amerikanischen Investorenkonsortiums knapp 300 Millionen Euro in weitgehend gestandene Elitekicker. Altersschnitt gegen Arsenal: 28,2 Jahre - und so unabgestimmt und bisweilen träge sah das Spiel dann aus. Die Blues kamen zu keiner einzigen echten Torchance, wodurch der Klub auf den siebten Tabellenplatz zurückfiel.

Der FC Arsenal hat indes jetzt nacheinander Tottenham, Liverpool und Chelsea besiegt - und damit die eigenen Ambitionen auf mindestens eine Rückkehr in die Champions League untermauert. Sehr zur Freude des Trainers Mikel Arteta.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema