Süddeutsche Zeitung

Fanszene beim FC Bayern:Vorbild Barcelona

Manch ein Anhänger des FC Bayern hat schon resigniert. So erhalten sie zu manchen Blöcken in der Arena keinen Zugang mehr, auch die Auswärts-Dauerkarten sind gestrichen. Einige Fans sind mittlerweile sicher, dass eine klassische Fanszene nicht mehr erwünscht ist. Der Klub bestreitet das.

Von Markus Schäflein

Der FC Bayern München ist Triplegewinner, er hat Pep Guardiola, er hat Thiago, über dem spektakulärsten Rekordmeister aller Zeiten strahlt die Sommersonne. Es ist auf den ersten Blick ein seltsamer Zeitpunkt, um seine Dauerkarte für die ständig ausverkaufte Arena zurückzugeben.

Aber Stefan Viehauser hat genau das vor Kurzem getan. "Ich gehe nicht mehr zu den Heimspielen", sagt das langjährige Mitglied des Fanklub-Dachverbands Club Nr. 12. Der eskalierte Streit um Kartenvergabe und Stehplatzblöcke hat den Sport aus Sicht der Fans völlig überlagert. Gerade in derart erfolgreichen Zeiten, meint Viehauser, könne sich ein Verein so drastische Maßnahmen erlauben: "Da kann man's ja machen, die Fanszene ist da nur Rauschen im Hintergrund." Doch es rauscht gewaltig: Die Stimmung in der Anhängerschaft sei "vollkommen am Boden".

Dem FC Bayern kann Viehausers Abwesenheit aus betriebswirtschaftlicher Perspektive völlig egal sein. Doch der nachfolgende Dauerkartenbesitzer wird wohl nicht so engagiert anfeuern und für Stimmung sorgen, wie es Viehauser getan hat. Unter vielen anderen hat auch die Ultra-Gruppierung Inferno Bavaria einen Boykott der Heimspiele angekündigt. Wobei Viehauser so dramatische Umschreibungen gar nicht wählen will: "Was heißt Stimmungsboykott? Es ist ja gar nicht mehr möglich, Stimmung zu machen."

FC Bayern verbietet Zutritt zur Stimmungszentrale

Denn der Streit um den Zugang zu den Blöcken 112 und 113 in der Arena ist vom FC Bayern beendet worden: Die Lösung aus Sicht des Klubs war die Installation von Drehkreuzen - so dass nun auch bei Bundesligaspielen nur noch Zuschauer diesen Block betreten können, deren Tickets tatsächlich die Ziffern 112 oder 113 tragen.

Die Fans argumentieren, gerade junge Anhänger, die für die Anfeuerung hauptsächlich zuständig seien, könnten gar keine der seit Jahren vergebenen Tickets für diesen Bereich haben; etwa 300 Personen waren bislang in der Stimmungszentrale, obwohl sie Karten für einen anderen Bereich hatten. Nun hat der FCB ihnen den Zutritt verboten - und die Zahl der Karten für die Blöcke 112/113 gleichzeitig um 300 erhöht. Die neuen Tagestickets kommen in den Onlineshop und werden zufällig vergeben. Alle Ideen, den jungen und aktiven Fans die Möglichkeit zu geben, sich diese Karten zu sichern, hat der FCB abgelehnt, sagt Gregor Weinreich vom Club Nr. 12.

Vorgeschlagen wurden von einer freien Blockwahl in dem Bereich mit Kapazitätsgrenze bis hin zu Einlasskarten in begrenzter Stückzahl für Inhaber blockfremder Tickets verschiedene Möglichkeiten, diejenigen zu belohnen, die den Enthusiasmus mitbringen, sich schon Stunden vor dem Spiel um den gewünschten Platz zu bemühen. Alle abgelehnt und für nicht machbar erklärt- für Weinreich gibt es nur eine Erklärung: Dass die aktiven Fans auf einem Haufen stehen, sei "nicht gewollt".

Nimmt FC Bayern schlechte Stimmung in Kauf?

Schließlich spart man sich dann Ärger mit Pyrotechnik, vereinskritischen Äußerungen und allem, was eine Fanszene neben den Anfeuerungen und den hübschen Choreografien an lästigen Begleiterscheinungen bringt. "Die Vereinsführung ist sich wohl bewusst, dass die Stimmung in der Südkurve spürbar schlechter sein wird", sagt Weinreich. "Aber der FC Barcelona hat seit Jahren keine Fankurve mehr, und ich denke, das könnte das Vorbild sein nach dem Motto: Da hat auch keiner was vermisst."

Zudem gibt es jetzt nicht nur Ärger um die Heim-, sondern auch um die Auswärtsspiele. Die Inhaber der Auswärts-Dauerkarten, dabei handelt es sich um rund 400, erhielten die Mitteilung, dass diese "für alle Auswärtsspiele in den Uefa-Klubwettbewerben sowie für alle Auswärtsspiele im DFB-Pokal ersatzlos gestrichen" seien. Das bedeutet, dass sich die treuesten Mitfahrer ihre Tickets für die Spiele selbst organisieren müssen - was in vielen Fällen sehr schwierig ist.

"Der FC Bayern hat in der vergangenen Saison 150.000 Euro an Strafen bezahlt, weil in unseren Fanblocks Pyrotechnik gezündet wurde", erklärte Pressesprecher Markus Hörwick. "Und diese Pyros kamen nachgewiesenermaßen genau aus dem Klientel der Fans mit Auswärtsdauerkarten." Am Ende gaben Vorfälle beim Champions-League-Finale und beim DFB-Pokal-Finale den Ausschlag, die für den FC Bayern "nicht nur peinlich, sondern auch sehr teuer" gewesen seien, sagte Hörwick: "Da begehen so genannte Fans in unserem Namen Straftaten im Stadion. Das können wir nicht hinnehmen."

Auswärts-Dauerkarten werden gestrichen

Die Betroffenen beklagen natürlich Sippenhaft - so können die Inhaber von Sitzplätzen schwerlich beteiligt gewesen sein, ihre Auswärts-Dauerkarten wurden aber auch gestrichen. "Das ist die größte Farce", findet Weinreich, und Viehauser meint: "Eine Argumentation ist eigentlich nicht vorhanden. Man geht das Problem Pyrotechnik damit nicht wirklich an." Es gebe unter den Zündlern "sehr viele Trittbrettfahrer", die mit dem engsten Kreis der Fans nichts zu tun hätten, aber in den Blöcken dessen Nähe suchten. Selbst ein Mitarbeiter des FC Bayern bestätigt: "Das waren natürlich nicht nur Auswärts-Dauerkarten-Besitzer. Sondern um die herum hat sich die ganze Szenerie versammelt."

Der FC Bayern schrieb dennoch an die Fans: "Wir behalten uns vor, bei fortdauerndem Fehlverhalten das Angebot der Auswärtsdauerkarte zur Saison 2014/15 komplett einzustellen" - auch für die Bundesliga. Viehauser wundert das auch nicht mehr. "Man weiß eigentlich nicht mehr, was man groß machen soll", sagt er. "Man kann eigentlich nur resignieren." Immer mehr Fans werden - wie er - einfach verschwinden. Wie schon am Montag in Osnabrück gegen Rheden. "Etliche Leute, die seit vielen Jahren kein DFB-Pokal-Spiel verpasst haben, fahren nicht mit", sagt Weinreich. Bei anderen befürchtet er einen "Abkapselungsprozess über Monate".

Viehauser sieht es mit Ironie. Er findet, so gesehen mache der vor zwei Jahren als "Konfliktmanager" zwischen Klub und Fans engagierte Wolfgang Salewski seine Arbeit hervorragend. Er betreute zuvor die Anti-Terror-Einheit GSG 9. "Es läuft alles nur noch über Salewski", hat Viehauser festgestellt. "Den Job, den er gelernt hat, macht er super: Terroristen bekämpfen."

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SZ vom 03.08.2013/schma
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