Fangewalt in StadienSteigt die Gewalt – oder sinkt sie?

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Fans des FC St. Pauli protestieren gegen die Pläne der Innenministerkonferenz.
Fans des FC St. Pauli protestieren gegen die Pläne der Innenministerkonferenz. (Foto: Heiko Blatterspiel/Jan Huebner/Imago)
  • Während sich gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen in den vergangenen Wochen gehäuft haben, ist die Zahl der Verletzten in Stadien um 17 Prozent gesunken.
  • Fans protestieren gegen Pläne der Innenministerkonferenz für personalisierte Tickets und verweisen auf ZIS-Statistiken, die Stadien als sichere Orte ausweisen.
  • Experten vermuten, dass viele Gewaltauseinandersetzungen bei "Drittort-Begegnungen" fernab der Stadien stattfinden und eine Professionalisierung der Gewalt in Fanszenen zu beobachten ist.
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Während sich gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen häufen, geht die Zahl der Verletzten in Stadien deutlich zurück. Alles eine Frage der Lesart?

Von Christoph Ruf

Am vergangenen Wochenende gab es in den Fußballfankurven der Republik einen einheitlichen Slogan zu bestaunen. „Eure eigenen Zahlen zeigen: Die Stadien sind sicher. Populismus stoppen“, war darauf zu lesen. Protestiert wurde in doppelter Hinsicht: Zum einen gegen die Pläne der Innenministerkonferenz, die bei der Fangewalt Handlungsbedarf ausgemacht hat und derzeit Maßnahmen diskutiert, die Fans und Vereine weder für umsetzbar noch für sinnvoll halten, wie die Einführung personalisierter Tickets. „Wie soll die Personalisierung überhaupt überprüft werden?“, fragen da die Bielefelder Lokal Crew Ultras: „Ausweiskontrolle? Automatische Gesichtserkennung? Fingerabdrücke?“ Auch der DFB verschickte am Mittwochabend eine Mitteilung, in der er forderte, dass „derartige einseitige Eingriffe der Behörden unbedingt vermieden werden“ sollen.

Zum anderen dokumentieren die gerade veröffentlichten Zahlen („eure eigenen Statistiken“) aus dem Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) für die Saison 2024/25 tatsächlich keine Zunahme der Gewalt – sondern einen Rückgang. Demnach hat es in den Ligen eins bis drei zwar mehr Vorfälle mit dem Gebrauch von Pyrotechnik gegeben, aber eben deutlich weniger Verletzte als in der Saison davor – obwohl vier Prozent mehr Zuschauer kamen. 1107 Menschen wurden demnach verletzt, das ist ein Rückgang von 17 Prozent. „Die Stadien sind sichere Orte“, bilanzierte der Dachverband der Fanhilfen. Rechne man die ZIS-Daten um, die sich aus Polizeizahlen speisen, liege „das Risiko, beim Besuch eines Fußballspiels verletzt zu werden, bei 0,00438 Prozent“.

Und doch gab es in den vergangenen Wochen eine derart auffällige Häufung von gewalttätigen Auseinandersetzungen, dass auch fannahe Organisationen die kritischen Stimmen aus Polizei und Politik nicht mehr als anlasslosen Populismus bezeichnen können. Anfang November prügelten am Kölner Hauptbahnhof etwa zwanzig Fans von Borussia Dortmund und Schalke 04 aufeinander ein, Hunderte hatten in Erwartung einer Schlägerei ihre Züge verlassen. Einige Tage zuvor waren – medial kaum erwähnt – gut 150 Angehörige der Gladbacher aktiven Fanszene nach Abpfiff des Pokalspiels gegen den Karlsruher SC zur Gästekurve gerannt, wo die der Gewalt Zugeneigten aus beiden Lagern nur durch eine dicke Plexiglasscheibe daran gehindert wurden, sich zu vermöbeln.

Genau das taten wiederum Fans des VfL Wolfsburg und des FC St. Pauli, als sie sich Ende Oktober im Hannoveraner Bahnhof begegneten. Kurz zuvor war es beim Zweitliga-Derby zwischen dem KSC und dem 1. FC Kaiserslautern zu Auseinandersetzungen gekommen, nachdem Fans der Badener in Richtung Gästekurve gestürmt waren. Die Reihe könnte fortgesetzt werden – auch in der dritten und vierten Liga.

Steigt die Gewaltfaszination in den Kurven, gerade unter jüngeren Fußballfans?

Vielleicht lässt sich erst im Herbst 2026 der Widerspruch auflösen, dass selbst die Polizei, die eigentlich unverdächtig ist, das Phänomen Fangewalt kleinzureden, eher beruhigende Zahlen veröffentlicht, während Fanvertreter zugeben, dass sich zuletzt gewalttätige Vorfälle gehäuft haben. Nämlich dann, wenn der ZIS-Jahresbericht für die Saison 2025/2026 wieder stark gestiegene Zahlen aufweisen sollte. Ebenfalls denkbar ist allerdings, dass die Häufung in den vergangenen Wochen ebenso zufällig ist wie die Zusammenstöße am Kölner und Hannoveraner Bahnhof, wo sich die An- und Abfahrtswege kreuzten.

Möglicherweise ist aber eine dritte Lesart wahrscheinlicher. Nämlich die, dass in den vergangenen Wochen viele der szeneinternen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit stattfanden, während sie ansonsten dort ausgetragen werden, wo weder Medien noch Politik oder Polizei etwas davon mitbekommen: bei den sogenannten „Drittort-Auseinandersetzungen“, fernab der Spieltage, in Waldstücken, auf Feldwegen oder in Industriebrachen. Zum Teil sind sie im Internet dokumentiert – im Telegramkanal der „Gruppa OF“ beispielsweise, wo solche Kämpfe oft schon eine Stunde nach Beendigung hochgeladen werden.

Es dürfte in fast jeder Fankurve in den ersten drei Ligen zahlreiche Insider geben, die aus dem Stegreif ein Dutzend solcher „Matches“ aus den vergangenen Wochen aufzählen könnten. Gleiches gilt für mal geplante, meist aber zufällige Aufeinandertreffen auf Bahnhöfen oder Autobahnraststätten: Mitte März wurde auf einem Rastplatz ein Bus mit Fans von Energie Cottbus von rivalisierenden Dresdner Fans überfallen. Dieser Fall ging ebenso durch die Medien wie die Ereignisse ein Jahr zuvor: Damals wurde ein Sonderzug mit Essener Fans durch Ziehen der Notbremse zum Halten gebracht – dass Ort und Zeit vorher zwischen Essen und Rostock geplant wurden, ist mehr als wahrscheinlich. Bei der Auseinandersetzung mit wartenden Rostocker Fans flogen Steine, der Sachschaden betrug knapp 120 000 Euro.

Scharmützel in dieser Brutalitätsstufe und in dieser Dimension sind selten, solche wie auf dem Autobahnparkplatz eher nicht. Und wenn in einigen Fanszenen der Nachwuchs weit ausgiebiger über solche Ereignisse spricht als über die nächste Choreo oder gar, welch abwegiger Gedanke, über die sportliche Lage des Vereins, dann bereitet das den Szenebeobachtern Sorge.

So glaubt auch Philipp Beitzel von der Koordinierungsstelle der Fanprojekte, dass die Gewaltfaszination in einigen Kurven gestiegen ist. Ähnliches berichteten allerdings auch Kollegen, die fernab vom Fußball mit Heranwachsenden zu tun haben. Und tatsächlich sind Gyms und Kampfsportstudios, allen voran solche, die Mixed Martial Arts anbieten, bestens ausgelastet, während klassische Sportarten über Nachwuchsmangel klagen. Beitzel spricht hier von einer „Professionalisierung der Gewalt“, auch das klingt alles andere als positiv. Allerdings hat die Debatte über Gewalt im Fußball seit Jahren eine Konstante: Der gewöhnliche Stadionbesucher bekommt nur ausgesprochen selten etwas davon mit. Gewalt bleibt eine szeneinterne Angelegenheit. Auch, was die Verletzten angeht.

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